Wer kokst noch?

Kommentar

Hat die Gesellschaft ein Kokainproblem? Sind österreichische Politiker drogenkrank? Sind sogar jene süchtig, die für eine knallharte Drogenpolitik stehen? Nur über das Gudenus-Foto zu reden, bringt gar nichts.

Wien, 17. Juni 2020 | Koks, Koks, Koks. Gegen den Chef der Öbag, Thomas Schmid, ein Kanzler-Freund, wird aufgrund von Kokain ermittelt. Er verwaltet 20 Milliarden Euro Staatsbeteiligungen. Seit bald zwei Wochen weiß man das, Schmid ist aber noch immer im Amt.

Dann taucht plötzlich ein Foto auf, das nur den Verdacht, den ZackZack eigentlich schon bewiesen hat, bestätigt: Auch Johann Gudenus könnte koksen.

Zwei Fragen stellen sich:

  • Wer kokst noch?
  • Ist das Gudenus-Foto nur eine Nebelgranate?
  1. Wer kokst noch?

Machen wir uns nichts vor: Heutzutage gibt es Clubs und Szenen, dort fällt man auf, wenn man nicht kokst. Im 21. Jahrhundert wurde Kokain – wie auch andere Drogen – endgültig ein Phänomen der Masse. Das ist ein Problem, worüber man reden muss: Viele Menschen haben verschiedenste Drogenprobleme – das ist für jene Menschen oft eine Qual und die Verantwortung der Gesellschaft, denn sie ist mitverantwortlich, wenn die Masse ein Suchtproblem entwickelt.

Gefährlich wird es, wenn Politiker und Mächtige koksen. Denn sie sind es, die gegen sogenannte Suchgiftsüchtige, Drogendealer und Rauschgiftschmuggler seit Jahrzehnten kriminalisieren, einsperren und hetzen.

Dann stellt sich aber heraus: Es sind genau diese Leute, die jene Hetze veranlassen, die aus kranken Menschen Kriminelle machen und möglicherweise selber suchtkrank sind. Und sie sind unsere Politiker. Seit Jahrzehnten.

Weil sie Drogenkonsum aber kriminalisieren, anstatt zu therapieren, könnten Politiker durch ihren Drogenkonsum erpressbar sein. Gudenus hätte in seiner aktiven Politikerzeit bestimmt nicht wollen, das er beim koksen gezeigt wird. Dass Politiker durch ihren Drogenkonsum erpressbar sein können, ist gefährlich für die ganze Republik.

Oder die Politiker sind selbst Süchtige. Dann sollten sie aber in Therapie gehen, anstatt die AUA-Rettung zu verhandeln.

  1. Ist das neue Gudenus-Foto ein Ablenkungsmanöver der ÖVP?

Die ÖVP ist aktuell in ziemlicher Bedrängnis: Im U-Ausschuss zeigen sich erschütternde türkise Sitten, die Corona-Krise macht noch dazu türkise, wirtschaftliche Inkompetenz sichtbar. Viele ÖVP-Wähler fühlen sich von der Regierung im Corona-Regen stehengelassen. Die Umfragewerte von Sebastian Kurz, die wichtigste Zahl im türkisen Universum, sind im Sturzflug. Zuletzt lag die Kanzlerpartei bei Rohdaten nur noch bei knapp über 30 %. Es läuft gerade so gar nicht für die erfolgsverwöhnte Kanzlerpartie.

Ein Kokainfoto von der FPÖ, von einem Mann, der jahrelang gegen die „afrikanische Drogenmafia“ gehetzt hat, trifft die österreichische Moral ins Herz. Für große Teile gerade der älteren Generation bricht eine Welt zusammen, wenn sie nun sehen, dass Politikereliten „suchtgiftsüchtig“ sind.

In einer Presseaussendung hetzt Johann Gudenus gegen Afrikaner. Suchtgift ist aber kein Problem der nigerianischen Botschaft, sondern von Gudenus und anderen Spitzenpolitikern.

Dann werden akute Probleme der österreichischen Politik vergessen. Die FPÖ, die gut weiß, wie die ÖVP arbeitet, kündigte sogar schon gestern Vormittag, also knapp 12 Stunden vor der Kurier-Veröffentlichung, neues kompromittierendes Bildmaterial an – rechtzeitig, bevor Sebastian Kurz im U-Ausschuss aussagen muss.

Und ausgerechnet der Kurier veröffentlicht aus einem Akt von 370 Seiten nur das Gudenus-Foto. Das wird türkiser Nebel sein, er kommt mit blauem Koks.

Thomas Oysmüller

Titelbild: APA Picturedesk

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