Vom Winde verweht auf der Blacklist

Kickl kommentiert

So tragisch es ist, aber wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Verdammung des N-Wortes nicht zu einer gerechteren Welt geführt hat. Deshalb müssen wir uns aufmachen, weitere Worte und Darstellungen zu verbannen.

Wien, 20. Juni 2020 | Man sollte ruhig konsequent genug sein und alles, was irgendwie *istisch anmuten könnte, konsequent aus dem sprachlichen Alltag entfernen. Beginnen wir also bei allem, was dunkel oder schwarz ist. Dazu müssen wir uns klar werden, dass „weiß/schwarz“, „hell/dunkel“ einzig ihren Ursprung in der rassistischen Natur der privilegierten Weißen haben und keinesfalls in der (philosophischen) Polarität, der Darstellung einander bedingender Gegensätze.

Bitte kommen Sie jetzt nicht damit, dass der Tag nur deshalb existiert, weil es auch die Nacht gibt. Yin/Yang brauchen Sie auch nicht anzuführen und „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten“ ließ Goethe Götz von Berlichingen sagen, den wir vom nach ihm benannten Götz-Zitat in *istischer Erinnerung haben.

Wenn ich dich nicht sehe, dann siehst du mich auch nicht

Eine Verbannung von Worten hat zwei Folgen:

1) Der sprachlich korrekte Mensch darf sich hoher Moral wähnen und über entsprechende Begeisterung seiner ebenso gepolten Mitkorrekten erfreuen.

2) Was nicht gesagt wird, existiert nicht. Was nicht erzählt wird, existiert nicht (weshalb wir nicht nur „Blacklist“, sondern auch „Vom Winde verweht“ verbannen). Das wussten wir schon als Kinder, als wir uns die Augen zugehalten haben und haarscharf schlossen: wenn ich den anderen nicht sehe, dann sieht er mich auch nicht!

Jetzt kommt noch eine dritte Folge, die zwar nicht so anständig und moralisch, in der jedoch der eigentliche Clou verborgen ist:

Weil die moralische Wortzensur so beliebt ist, sie (ergo) per se nicht schlecht sein kann, und sie zudem augenscheinlich auf der zu respektierenden Dünnhäutigkeit der Snowflakes beruht, funktioniert sie auch in anderen Bereichen.

„Kollateralschaden“ klingt zum Beispiel viel besser, als „bei einem militärischen Angriff wurden Zivilisten getötet“.

„Enhanced Interrogation Techniques“ produziert keine grauslichen Bilder im Kopf, wie es „Folter“ täte.

„Raumpflegepersonal“ ist schöner als „Putzfrau“, der „Außendienstmitarbeiter“ (vormals „Vertreter“) erfährt eine Aufwertung zum „Account Manager“ und aus dem „Kellner“ wird die „Gastronomiefachkraft“.

So muss es sein! Reden wir uns alles schön, machen wir überall ein Mascherl drum herum oder verbieten manche Dinge ganz, dann müssen wir uns nicht mit dem auseinandersetzen, was dahinter steckt.

Während Sie das gelesen haben …

… sind etwa 15 Kinder elend an Hunger krepiert. Keine Sorge, es war wohl nicht in Ihrer Nachbarschaft. Die sind eh alle weit weg gewesen, im Jemen, Südsudan oder Somalia. Ich bin mir sicher, den Hinterbliebenen der Dahingeschiedenen geht es gleich viel besser, wenn wir die Opfer nicht als „Negerbabys“, sondern als „Minderjährige Persons of Color“ bezeichnen.

Daniela Kickl

Der Kommentar gibt nicht die Meinung der Redaktion, sondern ausschließlich der Autorin wieder.

Mehr von der Autorin auf: https://danielakickl.com/

Titelbild: Othmar Wicke

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