Wissenschaftler warnen

Bald mehr Tote durch Lockdown als durch Corona?

Werden in Österreich bald mehr Menschen an den Folgen des Lockdowns als am Coronavirus selbst gestorben sein? Eine neue Studie der MedUni Wien untersuchte die Gewichtszunahme ihrer Probanden während des Lockdowns. Wenn jetzt nicht gehandelt werde, seien über 4.000 zusätzliche Todesfälle jährlich zu erwarten – allein durch die Folgen der Gewichtszunahme.

Wien, 22. Juni 2020 | Vom Bett zur Küchenzeile, vom Badezimmer zum Schreibtisch: für viele Österreicher haben sich die Alltagsaktivitäten während des Lockdowns auf ein Minimum reduziert. Mediziner der MedUni Wien untersuchten die Auswirkungen des Lockdowns auf das Bewegungsverhalten und die Alltagsaktivitäten ihrer Probanden – neben der deutlich verringerten Schlafqualität kam es auch zu einer deutlichen Gewichtszunahme um durchschnittlich zwei Kilogramm. Eine Gewichtszunahme führt zu höherem Sterblichkeitsrisiko, insbesondere jüngere Österreicher zwischen 20 und 35 Jahren sind am meisten gefährdet.

Eine Stunde Bewegung täglich durch Lockdown weggefallen

Thomas Dorner und Christian Lackinger sind die Autoren der neuen Studie der MedUni Wien, die sie Anfang Juni in einer Pressekonferenz präsentierten. Sie untersuchten zwölf Probanden über den sechswöchigen Zeitraum des Lockdowns: Wer im Lockdown seine Tätigkeit zwar behalten, aber auf Homeoffice umgestellt hat, hat im Schnitt zwei Kilogramm zugenommen – und das, auch wenn die betreffende Person Sport betrieben hat. Denn entscheidend sei, so die Studienautoren, nicht die seit vor Lockdown-Zeiten gleichbleibende sportliche Betätigung, sondern die weggefallenen Alltagsaktivitäten wie der Fuß- oder Radweg ins Büro oder der Weg von der U-Bahn zur Straßenbahn.

“Corona-Schwimmreifen”

Während vor Lockdown-Zeiten die mit Alltagsaktivitäten verbrachte Zeit noch bei einer Stunde und 40 Minuten lag, waren es während des Lockdowns nur noch 42 Minuten. In Kilokalorien ausgedrückt bedeutet eine Stunde weniger Bewegung im Alltag ungefähr 400 Kilokalorien pro Tag, erläuterte Christian Lackinger von der MedUni Wien. Hochgerechnet auf die Zeit des Lockdowns heißt das rund 20.000 Kilokalorien weniger Verbrauch, die sich als „Corona-Schwimmreifen“ rund um die Hüfte ansiedeln.

Vergleiche mit groß angelegten, repräsentativen Studien aus Japan und Italien würden das Ergebnis bestätigen: Die Menschen nahmen im Shutdown zu Hause um durchschnittlich zwei Kilogramm zu. Ergebnisse einer Online-Umfrage zur japanischen Bevölkerung kommen sogar zu noch höheren Zahlen: Japanerinnen legten demnach 2,6 Kilogramm zu, Japaner sogar 3,3 Kilogramm.

Gewichtszunahme führt zu erhöhtem Mortalitätsrisiko

Gewichtszunahme bedeutet immer auch ein erhöhtes Mortalitäts-, also Sterblichkeitsrisiko. Mit Gewichtszunahme nehmen auch Krankheiten zu, die durch erhöhtes Körpergewicht mitbedingt oder -begünstigt sind. Fettleibigkeit ist ein Risikofaktor für Stoffwechselerkrankungen – darunter insbesondere Zuckerkrankheit – sowie für Herz-Kreislauferkrankungen, darunter insbesondere Herzinfarkt und Schlaganfall. Aber auch die Mortalität durch Krebs oder Infektionskrankheiten steigt.

Jährlich über 4.000 zusätzliche Tote pro Jahr

Brisant: Insbesondere jüngere Menschen sind im Falle von Gewichtszunahme von einer größeren Steigerung der Mortalität betroffen. Thomas Dorner präsentierte die harten Fakten: Bei einer Gewichtszunahme von über einem Kilogramm im Jahr ist mit über 4.000 zusätzlichen Todesfällen zu rechnen:

Altersgruppe Mortalitäts-

steigerung

2016 in Österreich

Verstorbene

Zusätzliche Todesfälle pro Jahr
20-35 +66% 731 482
36-50 +61% 2.187 1.334
50-69 +17% 14.989 2.548
4.364

Über 4.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr sind in Österreich zu erwarten, wenn sich nichts ändert – das sind wesentlich mehr, als bisher an Covid-19 offiziell verstorben sind (690).

Mehr Fett-Tote als Corona-Tote befürchtet

Thomas Dorner fasst die Ergebnisse seiner Studie zusammen. Es brauche jetzt mehr denn je Anstrengungen auf allen Ebenen, damit Bewegung „einen noch höheren gesellschaftlichen Stellenwert“ erlange:

 „So wichtig es auch war, diesen Shutdown zu machen, um vor einer neueren Steigung der Covid-19-Infektionen entgegenzusteuern, so wichtig ist es jetzt, den Folgen dieses Shutdowns entgegenzusteuern, sonst haben wir nachträglich eine deutlich erhöhte Mortalität allein auf Grund der Gewichtszunahme, als wir eigentlich Menschen durch den Shutdown auf Grund der Corona-Situation gerettet haben. Es ist gesellschaftlich enorm wichtig.“

Die Österreichische Gesellschaft für Public Health, deren Präsident Dorner ist, machte bereits zu Beginn des Shutdowns auf die enorme Wichtigkeit von Bewegung aufmerksam. Sowohl ausdauerorientierte, als auch muskelkräftigende Aktivitäten sind wichtig. Bewegung hilft mit bei der Kontrolle des Körpergewichts. Thomas Dorner hebt die positiven Effekte von Bewegung über die körperliche Ebene hinaus hervor:

„Bewegung fördert Gesundheit in allen Dimensionen – körperlich, psychisch und sozial“

Einfach ist das Unterfangen nicht: Denn selbst um 500 Gramm Weihnachtsspeck abzubauen, dauert es im Schnitt ein halbes Jahr. Thomas Dorner verwies in der Pressekonferenz auf eine weitere, groß angelegte Studie, die die Gewichtszunahme während der Feiertage in Deutschland, den USA und Japan untersuchte. Demnach führe die feiertägliche Weihnachtsvöllerei zu ca. 500 Gramm Gewichtszunahme. Bis man wieder beim Ausgangsgewicht angelangt ist, dauere es demnach ein halbes Jahr.

Maßnahmen gefährden Menschenleben

Im Lockdown sank nicht nur die Alltagsaktivität, auch bestehende gesundheitsfördernde Projekte, Camps, Rehas etc. fielen dem Shutdown zum Opfer. Menschen, die bereits dringend in ihrer Gesundheit gestärkt werden hätten müssen, wurden im Stich gelassen. Zu welchem Preis?

In erster Linie zielten die Covid-19-Maßnahmen der Regierung darauf ab, das Österreichische Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Kritiker wie Martin Sprenger, der den Corona-Beraterstab der Regierung verließ, stellen allerdings in den Raum, dass es zu dieser Überlastung nie gekommen wäre. Zur prognostizierten Überlastung gibt es daher gegensätzliche Einschätzungen. Die Gewichtszunahme in Folge des Lockdowns und damit einhergehend das Risiko von Tausenden zusätzlichen Toten ist allerdings Folge der Maßnahmen. Pikant ist, dass gerade der für Forschung zuständige Minister Faßmann (ÖVP) ungeachtet vieler Stimmen aus Forschung und Lehre den ohnehin schmalspurigen Turnunterricht in Schulen zunächst verboten hatte, dann schließlich die Verantwortung abschob und den Schulen freistellte, Sportunterricht für Schüler auf freiwilliger Basis anzubieten.

Die Studienautoren warnten in ihrer Pressekonferenz eindringlich: Wenn Österreich nicht im Schulterschluss aller Verantwortlichen rasch handle und der Bevölkerung einen gesünderen, bewegungsförderlicheren Lebensstil ermögliche, sei mit zusätzlichen Todesfällen nur auf Grund der Gewichtszunahme im Lockdown zu rechnen. Damit bestätigt sich auch die Warnung des Arztes Christian Fiala, der im ZackZack-Interview sagte: „Die Corona-Maßnahmen gefährden Menschenleben.“

Vonseiten des Bundesministeriums für Gesundheit wurde auf Anfrage auf bereits vor Corona-Zeiten bestehende Konzepte verwiesen: Die Gesundheitsziele Österreich, die mit einem Zeithorizont bis 2032 einen Handlungsrahmen für eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik.schaffen sollen, außerdem der nationale Aktionsplan Bewegung. Die Sozialversicherungsanstalt der Selbstständigen (SVS) fährt seit Anfang Juni ihre gesundheitsfördernden Programme wieder hoch, der Fonds Gesundes Österreich soll in nächster Zeit eine Aktualisierung der österreichischen Bewegungsempfehlungen publizieren.

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk

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