Kurz-Berater Braun in Haft

Wo sind die 1,9 Milliarden?

Der österreichische Tech-Oligarch Markus Braun ist festgenommen. Ein historischer Wirtschaftsskandal breitet sich aus, und das rund um einen Mann, den Kanzler Kurz laut eigenen Angaben „regelmäßig zum Austausch“ traf.

Wien, 23. Juni 2020 | Schon jahrelang berichtet der Journalist Dan McCrum über angebliche Finanzlöcher und Misswirtschaft bei Wirecard. Bisher glaubte ihm fast keiner. Die Wirecard-Aktionäre vermuteten eine Sabotageaktion durch die Konkurrenz. In München lief deshalb ein Gerichtsverfahren gegen den Journalisten. Jetzt wissen alle: er hatte Recht.

Braun festgenommen

1,9 Milliarden Euro, die in der Bilanz ausgewiesen waren, fehlen Wirecard. Schon im März verdichteten sich die Vermutungen über fehlerhafte Bilanzen, aber nun fehlt ein ganzes Viertel der Bilanzsumme! Und die Führung hat bereits eingestanden: Das Geld gibt es nicht.

Es ist ein historischer deutscher Wirtschaftsskandal. Wirecard wurde hofiert, stolz brüstete man sich mit dem deutschen Tech-Unternehmen. Auch für Kanzler Kurz war Braun ein wichtiger Berater. Im September 2018 porträtierte der „Kurier“ den Tech-Milliardär Braun. Kurz ließ aus dem Kanzleramt ausrichten: Er treffe sich regelmäßig mit Braun zum Austausch und schätze dessen Input „vor allem bei Innovation und Digitalisierung.“ Von den Spenden, die Braun an die ÖVP überwies, sagte er nichts.

Für Braun klicken nun die Handschellen. Die Finanzkonstruktionen sind kompliziert, für die Ermittler steht viel Arbeit bevor. Im Raum steht auch Aktienkursmanipulation, genau das hatte Wirecard auch dem Journalisten Dan McCrum immer wieder unterstellt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Im Nachhinein verdächtig: Den Börsenchrash im März überstand Wirecard mit wenig Kratzern.

Börsensturz

Bemerkenswert ist die diesjährige Kursentwicklung von Wirecard in jedem Fall: Während die Börsen Mitte März weltweit eingebrochen waren, berührte das Wirecard kaum, im April war man schon wieder fast bei einem Jahreshoch. Jetzt kommt dafür der Absturz ins Bodenlose.

Die Pleite von Wirecard wird weite Kreise ziehen:Es bestehen noch Millionen an Kreditsummenforderungen gegenüber Wirecard. Englische und chinesische Banken, aber auch die Raiffeisenbank zählen zu den Gläubigern. Es gibt durchaus die Möglichkeit, dass Wirecard nicht in die Pleite geschickt wird. Wie man es moralisch erklären will, wenn man einen Konzern rettet, der 2 Milliarden zu viel angibt, bleibt fraglich.

Update: Im Artikel wurde behauptet, N26 würde die Banklizenz von Wirecard nutzen. Das war falsch, seit 2016 verfügt die Online-Bank über eine eigene Lizenz.

(ot)

 

Titelbild: APA Picturedesk

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