USA-Europa: Eine lange Beziehungskrise

Eugen Freund über ein schwieriges Verhältnis

Die Meinung der politischen Eliten Europas über die USA ist nicht gerade enthusiastisch. Dafür die Präsidentschaft Donald Trumps verantwortlich zu machen, greift zu kurz, findet Eugen Freund. Über die lange Tradition europäischen Naserümpfens beim Blick über den Atlantik.

Wien, 25. Juni 2020 | Jeder Satz stimmt: „Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sind weiter voneinander entfernt als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg… Der Präsident war die unausgesprochene Führungspersönlichkeit der Allianz. Doch sein Ansehen in Westeuropa ist niedriger als das jedes anderen amerikanischen Präsidenten seit Lyndon Johnson. Er wird in den europäischen Medien wegen seiner ständigen politischen Bocksprünge und falschen Statements als ein Amateur ins lächerliche gezogen, eine Beurteilung die dann, wenn man privat mit den Staatenlenkern spricht, noch schlimmer ausfällt.“

Manche Dinge ändern sich nie

Tatsächlich, so sehen viele Europäer den US-Präsidenten. Und so steht es auch schwarz auf weiß in der Zeitung, die gerade vor mir liegt. Doch irgendetwas stimmt nicht: das Papier ist schon ziemlich vergilbt und ausgetrocknet. Kein Wunder: sie wird in diesen Tagen genau vierzig Jahre alt – die „International Herold Tribune“ vom 23. Juni 1980. Anlass des obigen Zitats ist der G-7 Gipfel in Venedig. Teilgenommen hatten daran – das waren noch illustre Namen – der kanadische Premierminister Pierre Elliot Trudeau, der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, die britische Premierministerin Margaret Thatcher, der französische Präsident Valerie Giscard d’Estaing, der italienische Ministerpräsident Francesco Cossiga und – der amerikanische Präsident Jimmy Carter. Armer Jimmy Carter. Er verdient es nicht, mit Donald Trump auf eine Stufe gestellt zu werden.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Doch dieser Artikel aus der “International Herold Tribune“ vom 23. Juni 1980 hat wenig Aktualität eingebüßt.

Wir Europäer sehen auf US-Präsidenten traditionell von oben herab. Für uns konnte keiner gut genug sein. Natürlich hatten sie auch ihre Schwächen: wenn ich mir die ansehe, deren Wirken ich selbst gut miterlebt hatte, fallen mir viele ein: Reagan und der Iran-Contra Skandal, G.H.W. Bush detto, Clinton und der Sex, G.W. Bush und die erfundenen Massenvernichtungswaffen im Irak…

Europäisches Naserümpfen

Und doch: Jimmy Carter kam in unserer Beurteilung nie über den Status eines Erdnuss-Farmers hinaus. Dabei gelang es ihm, einen Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel zu vermitteln. Sein Nachfolger Ronald Reagan wurde ständig als mittelschwacher B-Movie Star aus Hollywood herab gewürdigt – dass er Gouverneur von Kalifornien war, dass er – ziemlich erfolgreich – Michael Gorbatschow zurief, „die Mauer niederzureißen“, das fand in der Beurteilung nur geringes Gewicht.

George H.W. Bush wurde nie richtig ernst genommen, auch wenn er der einzige der vier Siegermächte war, der die deutsche Wiedervereinigung unterstützte. Bill Clinton kam aus einem Bundesstaat, den viele in Europa nicht einmal richtig aussprechen konnte: „Arkansas“ war die gebräuchlichste, wenn auch falsche Form. Dabei hatte er die mutlosen Europäer vom schlimmsten Konflikt befreit: dem am Balkan, mit militärischer Gewalt, wie es eben die Amerikaner am besten können. G.W. Bush, im Rückblick, wurde wirklich „miss-untereingeschätzt“, wie er sich selbst einmal ausdrückte.

Und Obama?

Selbst über Barack Obama sagte die politische Elite: O.k., ein Schwarzer, aber was brachte er wirklich an Qualifikation für sein Amt mit? Und den Friedensnobelpreis, den bekam er auch viel zu früh, falls er ihn überhaupt verdiente. Gut, richtig geholfen hatte es nicht, dass seine Spionageagentur das Telefon von Angela Merkel im Visier hatte, immerhin die wichtigste Verbündete in Europa. Dass er einer der klügsten Männer war, der je dieses Amt eingenommen hatte, dämmerte den Europäern auch erst sehr spät (und nicht erst, als es der Vergleich mit Donald Trump so nahelegte).

Trump setzt neue Maßstäbe

Apropos Trump: das ist jetzt tatsächlich etwas ganz anderes. Zugegeben, auch wir Europäer konnten nicht glauben, dass ein notorischer Lügner, der gleichzeitig maßlos übertreibt und auch noch ein Sex besessener Frauenfeind ist, je das wichtigste Amt der USA einnehmen würde. Trump war eine Art Messias für radikalen (um nicht zu sagen, rassistischen) Weißen, die sich daran rächen wollten, dass eine schwarze Familie zuvor in das Weiße Haus eingezogen war.

Unsere Hoffnungen, Trump würde sich als Präsident ändern, zerschlugen sich sehr bald. Bei seinem ersten Auftritt auf dem NATO-Gipfel in Brüssel 2017 hinterließ er gleich einen unauslöschlichen Eindruck: von Diplomatie hatte er offensichtlich auch keine Ahnung, sonst hätte er nicht den montenegrinischen Ministerpräsidenten Dusko Markovic unsanft zur Seite gestoßen, nur um sich selbst in die erste Reihe drängeln zu können. Dann tadelte er die NATO-Partner, weil sie nicht genug fürs Militär ausgeben (er dachte, das Geld würde den USA zugute kommen); er drohte, US-Truppen aus Europa abzuziehen (jetzt wiederholt er gerade diese Drohung gegenüber Deutschland, offenbar weil Merkel nicht zum G-7 Gipfel in die USA reisen will); er spricht über die Europäische Union, als wäre sie sein Feind. Und er versucht die EU zu spalten, indem er einzelne, wie etwa Sebastian Kurz umschmeichelt, weil der bei seinem Lieblingsthema Immigration mit ihm auf einer Linie liegt.

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht

Wo stehen wir also nach vier Jahrzehnten Auf und Ab in den transatlantischen Beziehungen? Das Bild ist düster, wahrscheinlich düsterer als beim Gipfel in Venedig vor genau 40 Jahren. Trumps Ansehen ist (auch) in Europa „niedriger als das jedes anderen amerikanischen Präsidenten seit (setzen Sie einen Namen ein)“ Heute trifft das 40 Jahre alte Zitat, die „USA und seine Verbündeten seien weiter voneinander entfernt als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg“ mehr denn je zu.

Noch vier Jahre Donald Trump und das Tau, das die Vereinigten Staaten und Europa zusammenhält, wird so abgeschabt sein, dass es reißt. Was bleibt ist die Hoffnung, dass eines Tages wieder Vernunft in das Weiße Haus einzieht. Das brauchen wir dringend. Für Europa. Und am Ende auch, oder mehr noch, für die USA.

Eugen Freund

(Eugen Freund blickt auf eine lange journalistische Karriere zurück. Er war unter anderem ZIB 2-Moderator, USA-Korrespondent des ORF und Moderator des ORF-Weltjournals. Von 2014 bis 2019 war Freund SPÖ-Abgeordneter im Europäischen Parlament.)

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

AKTUELLES

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben