500 Millionen fehlen in Mattersburg

Bankskandal

Noch hat sich der Staub nicht gelegt, der von der Commerzialbank-Pleite aufgewirbelt wurde. Interessante Parallelen zur Wirecard-Pleite sind allerdings schon sichtbar. Viele Menschen werden wohl Geld verlieren, Kredite müssen weitergezahlt werden. Banken werben bereits um neue Kunden.

Wien, 17. Juli 2020 | 13.500 Kunden sollen bei der Commerzialbank Mattersburg über 100.000 Euro liegen haben. Bis zu 100.000 Euro sind die Einlagen gesichert, doch für die Großkunden wird es eng. Darunter befindet sich auch der NovaRock- und Frequency-Veranstalter „Barracuda“, der über 30 Millionen auf der Bank haben soll, sowie “Frequentis”.

Auch dem SV Mattersburg, immerhin Bundesliga-Klub, könnte die Insolvenz drohen. Während Ersparnisse verpuffen, können sich Kreditnehmer aber wohl nichts erhoffen: Spätestens, wenn die Bank übernommen worden ist, wird man den Kredit weiterzuzahlen haben.

Die Prüfer

Erst vor wenigen Wochen platzte die Wirecard-Blase: knapp 2 Milliarden Euro fehlten, was die Bilanz zum Einstürzen brachte. Bei der Commerzialbank fehlen jetzt bis zu 500 Millionen Euro. Brisant: Sowohl „Wirecard Österreich“, als auch die Commerzialbank hatten den gleichen Wirtschaftsprüfer, die TPA Group.

Diese sieht sich naturgemäß als „geschädigt“. Man sei „unerwartet Opfer einer umfangreichen und komplexen Täuschung“ geworden, lässt sie ausrichten. Und das zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen. Seit 2006 prüft die TPA die Bilanzen der Commerzialbank, auch den 10 Aufsichtsräten der Bank soll jahrelang nichts aufgefallen sein.

Führendes Prüfunternehmen

Die Prüfung für das Jahr 2019 habe aber seit Monaten geruht, sagt das Wirtschaftsmagazin „fondsprofessionell.at“. Dieses beruft sich auf Insider aus der TPA, wonach „Gerüchte über Ungereimtheiten schon seit einiger Zeit kursiert“ wären. 500 Millionen innerhalb eines Jahres in die Bilanz zu “frisieren” ist für Beobachter allerdings nahezu denkunmöglich.

Die TPA gilt als eines der führenden Wirtschafts- und Steuerprüfungsunternehmen Österreichs. Erst Anfang Juni – wenige Tage vor dem Platzen der Wirecard-Blase – wurden zwei TPA-Partner als „Steuerberater des Jahres“ ausgezeichnet. Die TPA ist nicht nur in Österreich, sondern vor allem auch in Ost- und Südosteuropa tätig: In Albanien, Bulgarien, Kroatien, Montenegro, Polen, Rumänien, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn.

In Deutschland kam es nach der Wirecard-Pleite zu harscher Kritik an den Wirtschaftsprüfern, im Fokus steht die „Deutsche Prüfungsstelle für Rechnungslegung (DPR)“, für die Österreichischen Prüfstelle für Rechnungslegung (OePR) sollen nur sieben Wirtschaftsprüfer tätig sein. Pro Jahr prüfe man 25 bis 30 börsennotierte Unternehmen nach dem Zufallsprinzip. Nach den beiden Bankskandalen Wirecard und Commerzialbank werden die Rufe nach einer anderen Art der Kontrolle indes lauter.

Banken werben schon um neue Kunden

Nina Tomaselli (Grüne) spielt den Ball bereits ins Finanzministerium:

„Wir Grüne erwarten uns die Einleitung entsprechender Schritte seitens des Finanzministeriums zur Gründung einer unabhängigen Kontrollinstanz, die entweder in die FMA integriert oder als eigenständige Instanz geführt wird“,

so Tomaselli abschließend.

Wer prüft die Prüfer? Ob sich die Frage klärt, wenn eine neue Prüfinstanz installiert wird, ist unklar.

Währenddessen werben bereits andere Banken um die ehemaligen Commerzialbank-Kunden. Die „Bank99“, die Bank der österreichischen Post, bietet einen Kontowechselservice und eine Einkaufsreserve an. “Bank99” ist mit 14 Stellen im Burgenland vertreten. Auch UniCredit, Raiffeisen, BAWAG und Bank Burgenland stellen sich schon an. Wie viel Vertrauen die Kunden in andere Banken haben, nachdem ihre Bankomatkarte über Nacht entwertet wurde, bleibt abzuwarten.

Deutsche Regierung verfängt sich in Wirecard

Auch in der Causa Wirecard lichtet sich langsam der Staub, die Eruptionen werden sichtbar. Auch Olaf Scholz (SPD), den deutschen Finanzminister, zieht es in den Sumpf. Seit Februar 2019 soll er über Ungereimtheiten informiert gewesen sein. Er ist nicht alleine: Karl Theodor von Guttenberg, ehemaliger Hoffnungsträger der CSU, dessen Familienvermögen auf 600 Millionen Euro geschätzt wird, lobbyierte für Wirecard bei der deutschen Bundesregierung.

Er war deutscher Wirtschaftsminister und wollte über Wirecard seine China-Geschäfte voranbringen, heißt es im „Spiegel“. Die Bank of China zählte zu den größten Gläubigern von Wirecard. Ein Ex-Chef der Wirecard-Tochter „Cardsystems Middle East“ soll ausgepackt haben.

„Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht – im Gegensatz zu anderen – zu seiner individuellen Verantwortung“, sagte dessen Strafverteidiger Nicolas Frühsorger der Nachrichtenagentur “Reuters”.

Das führt unweigerlich wieder zurück zur Commerzialbank. Dort ist der Hauptverdächtige der Mattersburg-Mäzen Martin Pucher. Über Puchers Anwalt hört die Öffentlichkeit: “Pucher kooperiert vollumfänglich und wird alles so rasch wie möglich vorlegen.“

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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