Die türkise Social Media-Flucht

Von Twitter auf Instagram

Diese Woche löschte Gernot Blümel alle Tweets seines Profils. Der Minister ist bei seiner Twitter-Abstinenz nicht alleine in der türkisen Regierungsmannschaft: Vermehrt setzt die ÖVP auf andere Kanäle, um ihr Publikum zu bespielen. Eine türkise Flucht ins Inhaltslose?

Wien, 17. Juli 2020 | Generell ist Twitter das Stiefkind der Kommunikationskanäle bei der Volkspartei. Vor allem die ÖVP-Ministerriege hat mit Twitter liebe Not. Integrationsministerin Susanne Raab griff bereits zum wiederholten Male mit den vorgegebenen 180 Zeichen daneben.

Die Minister Faßmann, Tanner, Aschbacher und Schramböck lassen ganz die Finger von Twitter. Gerade einmal 26 Prozent der ÖVP-Abgeordneten besitzen einen Twitter-Account. Zum Vergleich: Bei den NEOS setzen 14 der 15 Abgeordneten auf den Zwitscher-Nachrichtendienst. Türkise Regierungsmitglieder begrenzen ihren Kontakt mit der Twitter-Community weitestmöglich und veröffentlichen größtenteils verschriftlichte Pressekonferenzen auf dem Kanal.

100.000 bis 200.000 “Fake-Follower” bei Kurz

Für welches Publikum die ÖVP auf Twitter Inhalte produziert, ist jedenfalls fraglich. Ein Twitter-Audit-Check, der die Anzahl der „Fake-Follower“ ermitteln kann, ergab je nach Audit-Anbieter bei Bundeskanzler Sebastian Kurz etwa zwischen 100.000 und 200.000 Fake-Accounts bei insgesamt 400.000 Followern. Jedoch ist nicht jeder dieser angebende „Falschaccounts“ auch automatisch fake, denn lange inaktive Accounts werden ebenfalls in die Statistik aufgenommen.

Als ÖVP-Hauptkanäle gelten indes Facebook und Instagram. Sebastian Kurz, Spitzenreiter der österreichischen Politlandschaft auf Facebook mit rund 950.000 „Gefällt mir“-Angaben, bewirbt seit dieser Woche laut Facebook-Werbebericht mit einer Kampagne seinen Instagram-Account. Die beiden Plattform hängen geschäftlich zusammen. Auch auf Instagram ist der Bundeskanzler Spitzenreiter: mit 320.000 Followern hat Kurz mehr als sechsmal so viele wie der nächstgereihte Partei-Politiker Norbert Hofer. Bundespräsident Alexander van der Bellen rangiert zwischen den beiden mit fast 150.000 Instagram-Followern.

Blümel ergreift die Flucht

Besonders eklatant ist die Flucht Gernot Blümels von Twitter auf Instagram. Der Finanzminister löschte diese Woche kurz vor Bekanntgabe seiner Kandidatur als ÖVP-Wien-Spitzenkandidat alle Beiträge auf Twitter. Auch die ÖVP Wien hat mittlerweile sämtliche Tweets gelöscht. Laut Volkspartei ist der Blümel-Account kein „Kommunikationskanal“ mehr. Stattdessen bespielt dieser seit Mittwoch seinen Instagram-Account mit fünf Beiträgen in nur zwei Tagen.

Ein Blick auf Blümels Facebook-Account erklärt womöglich, wieso. Der Finanzminister ist seit Wochen mit seinen eigenen Fehlern konfrontiert. Unter sämtlichen Beiträgen wird er auf seine U-Ausschuss-Vergesslichkeit, seine Budget-Rechenschwäche und neuerdings seinen Lapsus bei der mangelnde Unterscheidung der Wiener Gemeindebezirke erinnert.

Blümel kommt auf Facebook derzeit nicht gut an.

Vor Kritik versteckt?

Der Vorteil an Instagram für Türkis: die Diskussionsfreudigkeit der Nutzer ist auf dem bildlastigen Kanal bedeutend geringer als auf Facebook oder Twitter. Während sich auf Austro-Twitter vor allem kritische Journalisten und Oppositionspolitiker tummeln – die sich auch äußert meinungsstark zur türkisen Poltik äußern – ist der Umgang mit der Instagram-Community bedeutend einfacher.

Sujets mit eher mittelmäßigem Informationsgehalt funktionieren für die Volkspartei dort besser. Auch der “Tik-Tok”-Hype um Sebastian Kurz könnte einen ähnlichen Antrieb gehabt haben, denn politische Inhalte spielen auf dem chinesischen sozialen Netzwerk eine untergeordnete bzw. eher subtile Rolle. Der Social-Media-Stratege Philipp Maderthaner, auch als “Kanzlermacher” bekannt, bestritt jedenfalls eine Kampagne für “Sexsymbol Sebastian Kurz” verantwortet zu haben.

Twitter verbietet politische Werbung

Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass Twitter im November letzten Jahres politische Werbung untersagt hatte – ein äußert bedeutender Faktor für die österreichische Volkspartei. Allein am Mittwoch gab die ÖVP über Facebook und Instagram rund 2.000 Euro aus. Sollte dieser Schnitt bis zur Wien-Wahl gehalten werden, könnte sich das Werbevolumen auf nahezu 200.000 Euro addieren. In der heißen Phase des Wahlkampfes dürfte diese Summe jedoch nochmal deutlich steigen.

Türkise Werbeausgaben am 15. Juli 2020 auf Facebook und Instagram.

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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