Die Test-verschwörung

Köstinger, WKO, McKinsey – Wer zahlte US-Riesen fette Honorare?

McKinsey soll für eine Testinitiative von Bund und WKO riesige Honorare kassieren. Wer zahlt dafür? Köstinger-Ministerium und WKO behaupten: ein Labor-Konsortium hat das Beratungsunternehmen beauftragt. Doch die beteiligten Labore wissen nichts davon. Ein Krimi um Testflops, fette Honorare und Verantwortung, die keiner übernehmen will.

Wien, 23. Juli 2020 | Ein Bericht der „Krone“ sorgte für Wirbel: hat das Köstinger-Ministerium horrende Beratersummen an den US-Riesen der Beratungsbranche, McKinsey, gezahlt? Ein Köstinger-Sprecher dementiert gegenüber zackzack: Man könne die Behauptung nicht nachvollziehen, es gebe keinen Auftrag des Ministeriums an die Berater. Wer bezahlt also McKinsey? Der Auftrag kam offenbar vom Köstinger-Ministerium (BMLRT), das legen Ministeriums-Unterlagen nahe.

Wer ist der Auftraggeber? Zackzack auf Spurensuche

So hat die „Krone“ gestern und heute darüber berichtet, dass offenbar ein selbst für die Branche unüblich hohes Wochen-Honorar von rund 200.000 Euro an McKinsey geflossen sein soll. Auftraggeber: vermutlich das Tourismusministerium oder die WKO. Der Artikel machte Wirbel, auf Twitter sahen sich ein Ministeriumssprecher sowie ein WKO-Vertreter zu Dementis gezwungen:

Das Köstinger-Ministerium stellt klar: “Nichts damit zu tun”. Screenshot: Twitter.

Ein Sprecher der WKO verteidigt seine Organisation. Doch die privaten Unternehmen sagen, sie hätten niemanden beauftragt.

Unterlagen aus dem Ministerium

Telefonate und Emailverkehr mit Ministeriumsvertretern, WKO-Mitarbeitern und McKinsey-Leuten ergeben zunächst ein chaotisches Bild: niemand will verantwortlich sein, niemand hat die Berater beauftragt, McKinsey selbst vertröstet immer wieder mit Rückrufen, aber meldet sich offiziell nicht zurück. Die offizielle Variante von Bund und WKO lautet: ein Laborkonsortium hätte McKinsey beauftragt, bei der Durchführung der Testoffensive beratend zur Seite zu stehen. Es handle sich demnach um keinen öffentlichen Auftrag. Die WKO sagt auf Anfrage, sie unterstütze das Projekt lediglich durch den direkten Kontakt zu den Tourismusbetrieben. Zwecks McKinsey-Auftrag solle man sich bei den Laboren melden. Die sagen zu zackzack: mit McKinsey haben wir nichts zu tun!

Unterlagen aus dem Köstinger-Ministerium mit den Logos des Ministeriums und der WKO zeigen: das BMLRT verweist auf McKinsey als “operativen Umsetzungspartner”. Die Unterlage richtet sich an Labore, die neu dazu kommen wollen. Sie können also schwerlich den US-Branchenriesen beauftragt haben.

10 Euro pro Test an McKinsey?

Der Inhaber eines Partnerlabors lässt gegenüber zackzack eine Bombe platzen: McKinsey soll demnach bis zu 10 Euro bei jedem Test mitschneiden. Die Labore verlangen unterschiedliche Preise, die Obergrenze liegt bei 85 Euro pro Test. Das ist durch eine Anschober-Verordnung so gedeckelt, obwohl in Bayern vergleichbare Tests schon für 52 Euro zu haben sind. Sind die Tests in Österreich deshalb teurer, weil McKinsey 10 Euro pro Test bekam?

Die Labore bekommen laut eigener Aussage den vollen Betrag für die Tests direkt vom Bund ausgezahlt. Darin enthalten seien EDV-Kosten, Analyse der Tests und allgemeine Abwicklungskosten. Die Labore bezahlen also nicht für die Dienste des “Umsetzungspartners”.

Fakt ist: die Labore, die teils nichts voneinander wissen, haben alle von einer Involvierung des Beratungsriesen gehört. Was genau McKinsey macht, weiß aber keines der Labore. Das Konsortium selbst scheint wenn überhaupt äußerst lose organisiert zu sein. Vonseiten der Kärntner Landesregierung ist laut OTS vom 23. Mai betreffend Testkapazitäten von einem „Netzwerk aus privaten Labors“ die Rede. Über das Onlineportal des Bundes und der WKO „Sichere Gastfreundschaft“ können sich die Labore bewerben, solange sie nicht über die 85 Euro Mindestgrenze pro Test kommen.

Netzwerk oder Konsortium? Und welche Organisationsform rechnet ab? Fest steht: Irgendjemand muss McKinsey zahlen. Die Labore sind es nicht. Sowohl Tourismusministerium, als auch WKO dementierten gegenüber zackzack, den Auftrag für McKinsey erteilt, geschweige denn Geld dafür bezahlt zu haben. Irgendjemand sagt die Unwahrheit.

Hotelier NEOS-Schellhorn verlangt Aufklärung

Für die pinken Mandatare Sepp Schellhorn und Gerald Loacker, die in der Sache recherchieren, stinkt die Posse zum Himmel. Schellhorn schieß scharf gegen Köstinger wegen des Testflops:

Das Projekt Safe A ist ein steuerfinanzierter Flop und steht zur Gänze unter der Obhut von Tourismusministerin Köstinger. Angekündigt wurde eine Teststrategie und ab 01. Juli 65.000 Tests wöchentlich flächendeckend in ganz Österreich. Fakt ist, wir stehen bei 10.000 Tests bisher und auf die Teststrategie warten wir immer noch. Ein Leitfaden, was passiert im Fall einer positiven Testung, wurde vom Ministerium ebenfalls nicht mitgeliefert.“

Zudem verlangt er Aufklärung zur Rolle von McKinsey und WKO:

Schweigen herrscht auch zur beauftragten Elite-Beratung McKinsey. Wer finanziert deren kolportiertes Honorar von wöchentlich 200.000 Euro? WKO und Tourismusministerin drücken sich hier feige weg und verweisen auf ein von der Politik eingesetztes Labor-Konsortium. Zum Konsortium selbst schweigt man sich aus, als Ansprechpartner wird von der WKO ein McKinsey Berater angeführt. Hier werden Nebelgranaten geworfen, es gibt keinen einzigen Hinweis auf die Existenz eines Labor-Konsortiums.“

Man erwarte von uns Tourismusbetrieben, „dass wir unsere Mitarbeiter freiwillig testen lassen. Ohne Teststrategie und ohne Leitfaden. Das ist Politik des ganz alten Stils: Null Strategie und null Transparenz, aber am Ende kommt der Steuerzahler zu 100 Prozent dafür auf“, so Schellhorn. Er fragt: „Finanziert hier also der Steuerzahler das Honorar für McKinsey durch überteuerte Tests? Diese Vermutung liegt auf der Hand.“

Sepp Schellhorn, aber auch die SPÖ haben bereits parlamentarische Anfragen angekündigt (Hier geht’s zur NEOS-Anfrage).

Sepp Schellhorn. Bild: APA Picturedesk

Testinitiative als „größte PR-Show überhaupt“

Die Bundesregierung hat die Krise der Tourismus- und Hotelbranche zur Chefsache erklärt. Groß angelegte Kampagnen sollen, flankiert von Grenzkontrollen und Warnungen für den Westbalkan, zum Heimaturlaub anregen.

Ein wichtiger Kampagnenteil ist dabei besagte Testinitiative für Hotels unter dem Namen „Safe A“. Doch das Hoteltesten will nicht so recht anlaufen: statt wie angekündigt 65.000 Coronatests pro Woche durchzuführen, sind bisher insgesamt 10.200 gemacht worden, heißt es via „APA“.

Die „größte PR-Show überhaupt“ sagt Sepp Schellhorn, der selbst Hotelier ist. Bis man wirklich flächendeckend teste, sei der Sommer wohl längst vorbei. PR-technisch hätte das Projekt ursprünglich von einer Wiener PR-Beratung begleitet werden sollen. Doch deren Chef hatte, wie er gegenüber zackzack erörterte, “nach einem ersten Brainstorming” davon abgesehen. Kein Wunder, denn der ÖVP-nahe PR-Profi Wolfgang Rosam hatte als Herausgeber des Gourmet-Magazins “Falstaff” mit einem Shitstorm rund um eine Schaumwein-Inszenierung von WKO-Chef Harald Mahrer zu kämpfen. Da wäre ein Auftrag für dessen Organisation aus PR-Sicht unvorteilhaft gewesen.

Die ÖVP und die Beratungsriesen

Warum überhaupt McKinsey? Auf der Website des Beratungsriesen sind große Covid-19-Projekte gelistet, man macht sich die Krise unternehmerisch zunutze – an sich ein normaler Vorgang. Jedoch gebe es die AGES, zuständige Ministerien und andere Organisationen des Bundes, mit denen man weit billiger wegkommen würde.

Dabei ist die ÖVP nicht das erste Mal mit Beratungsriesen auf Tuchfühlung: es gibt im näheren Umfeld des Bundeskanzlers enge Verbindungen zu ehemaligen oder amtierenden Mitarbeitern der „Big 5“, den größten und umsatzstärksten Unternehmensberatungen der Welt. Der stellvertretende Kabinettschef des Bundeskanzlers, Markus Gstöttner, arbeitete sechs Jahre lang als „Associate Partner“ für McKinsey in London. Schattenkanzlerin Antonella Mei-Pochtler und Kurz-Kabinettschef Bernhard Bonelli haben beide eine Vergangenheit beim Konkurrenten Boston Consulting Group. Erstere ist teilweise weiterhin amtierend in Aufsichtsräten tätig, obwohl sie Sebastian Kurz direkt aus dem Kanzleramt heraus berät.

Die Überschneidungen zwischen schillernder Beraterwelt und Regierungskreisen sind unverkennbar. Wer wen zahlt ist unklar, Transparenz gibt es jedenfalls im Rahmen der Testinitiative kaum. Es läge im Interesse der Steuerzahler, hier Licht ins Dunkel zu bringen.

(wb/mp)

Titelbild: APA Picturedesk

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