Kurz-Berater Braun erneut inhaftiert

“Gewerbsmäßiger Bandenbetrug”

Kurz-Großspender, Ex-Mitglied des Think Tanks Austria und Ex-Wirecard-Vorstandschef Markus Braun ist innerhalb eines Monats zum zweiten Mal festgenommen worden. Nach neuen Erkenntnissen im Finanzskandal dürfte er wohl diesmal nicht aufKaution wieder freikommen. Die verpuffte Summe Wirecards dürfte indes noch höher sein als angenommen.

Wien, 23. Juli 2020| Ein Kronzeuge im Wirecard-Skandal soll nun ausgepackt haben. Der Chef der Wirecard-Tochter CardSystems Middle East war aus Dubai nach München eingeflogen und hatte sich den Ermittlern gestellt. Der ehemalige Wirecard-Führungsetage wird nun von der Staatsanwaltschaft München „gewerbsmäßiger Bandenbetrug“ vorgeworfen. Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats wurde am Mittwoch nun auch der ÖVP- und NEOS-Großspender Markus Braun festgenommen. Braun war Mitglied im „Think Tank Austria“ von Bundeskanzler Sebastian Kurz. Der versucht sich seit der erstmaligen Festnahme Brauns im Juni vom ehemaligen Finanzguru zu distanzieren. Ende Juni war Braun noch gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Laut Staatsanwaltschaft München I wird Braun diesmal in Haft bleiben. Die Ermittlungsbehörde geht davon aus, dass sich nicht wie angenommen 1,9 Milliarden in Luft auflösten sondern mehr als drei Milliarden verloren sein könnten.

Noch nie dagewesener Skandal

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft laufen darauf hinaus, dass der DAX-Konzern womöglich seit 2015 von einer kriminellen Bande geführt wurde – ein in der Geschichte der deutschen Börsen-Oberliga noch nicht da gewesener Vorgang. “Banken in Deutschland und Japan sowie sonstige Investoren stellten, durch die falschen Jahresabschlüsse getäuscht, Gelder in Höhe von rund 3,2 Milliarden Euro bereit, die aufgrund der Insolvenz der Wirecard AG höchstwahrscheinlich verloren sind”, hieß es in der Mitteilung der Ermittler.

Sollte sich das bestätigen, könnte Wirecard zum größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte werden. Bisheriger Spitzenreiter ist das badische Unternehmen Flowtex, das in den 1990er Jahren mit dem Verkauf nicht existenter Spezialbohrmaschinen einen Schaden von gut zwei Milliarden Euro angerichtet hatte.

Geld nicht auffindbar

Die im Münchner Vorort Aschheim ansässige Wirecard hatte vor seinem Insolvenzantrag eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die auf philippinischen Treuhandkonten verbucht sein sollten, nicht auffindbar seien.

“In Wirklichkeit war den Beschuldigten spätestens seit Ende 2015 klar, dass der Wirecard Konzern mit den tatsächlichen Geschäften insgesamt Verluste erzielte”

schrieben die Ermittler in ihrer Mitteilung. Dies bedeutet auch, dass Wirecard niemals in den Dax hätte aufrücken dürfen. Zeitweilig war das Unternehmen an der Frankfurter Börse mehr als 20 Milliarden Euro wert – offenbar auf Basis von Erfindungen.

“Die sehr intensiven Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München I haben ergeben, dass der den Beschuldigten zur Last gelegte Sachverhalt noch einmal ganz erheblich erweitert werden muss”, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding, die Sprecherin der Behörde. “Wir haben ganz umfassende Aussagen eines Kronzeugen.” Demnach sollen die beschuldigten Manager 2015 beschlossen haben, die Wirecard-Bilanz durch vorgetäuschte Einnahmen “aufzublähen” – also nicht vorhandene Scheinumsätze und -gewinne zu melden.

Weiterhin flüchtig ist der Österreicher und Ex-Vorstand von Wirecard, Jan Marsalek. Er wird in Russland vermutet.

(APA/bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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