Corona in St. Wolfgang: Ischgl 2.0 oder Ausrutscher?

Analyse

Die Empörung rund um St. Wolfgang ist riesig und großteils berechtigt. Es ist das nächste Kapitel im türkisen PR- und Coronadesaster.

Thomas Oysmüller

Wien, 29. Juli 2020 | Die Regierung legt in St. Wolfgang einen Richtungswechsel hin. Von Mitte März bis Ende Juli lautete das Kommunikationscredo betreffend Virus: Angst und Radikalmaßnahmen. Der Höhepunkt war die Ansage des Kanzlers, „100.000 Tote“ seien in Österreich zu erwarten. Corona ist nicht die Jarhundert-Todesseuche, wie von Kurz dargestellt, aber sehr ernst zu nehmen. In St. Wolfgang blieben die Hotels jetzt offen, das Virus wurde wie eine Sommergrippe behandelt.

Propaganda aufgeflogen

Die Maßnahme der Regierungen weltweit setzen der Wirtschaft und vor allem dem Massentourismus enorm zu. Nicht nur Österreich will die Tourismussaison durchdrücken. In bekannter türkiser Marketing-Manier rief man bereits im Vorfeld der Saison Österreich zum „sichersten Urlaubsland der Welt“ aus. Eine Sprache, die ebenfalls voll auf Angst setzt – denn immerhin sei es überall in der Welt unsicher, außer in Österreich, gibt die türkise Marschroute vor.

Das Virus ist im Ausland, so die Botschaft von Kurz. Überall kann man sich anstecken – und gerade Urlaubsorte mit hohem Durchzug an Menschen sind besonders gefährdet. Die neue türkise Kommunikationslinie hat durchaus ihre Richtigkeit: Vor allem wenn man jung und fit ist, und sich für einige Wochen von Risikogruppen fernhalten kann, ist die Gefahr zumindest eingegrenzt. Doch bei der ÖVP geht nichts ohne Relativierung: Es seien ja „nur die Praktikanten“, hieß es.

Angst vor Konsequenzen der eigenen Politik

Nachdem die türkis-grüne Regierung auf eine Politik setzte, die offenbar die Ausrottung des Virus als Ziel hatte, überrascht nun die Nicht-Schließung “infizierter” Hotels. Anfang Juli war das in Oberösterreich ganz anders: Weil in acht Schulen jeweils ein Corona-Fall gefunden wurde, schloss man gleich alle (!) Schulen im ganzen Land. Nun gibt es Hotels mit mehreren Infizierten, doch sie bleiben offen. Sebastian Kurz mahnt immer wieder: Das Virus ist nicht auf Urlaub. Offenbar doch.

„Noch immer gibt es keine einheitliche Strategie, was im Falle des Falles passiert“, sagte Sepp Schellhorn (NEOS) am Dienstag in der „Zib2“. Warum nicht? Vielleicht, weil man vor den Konsequenzen der Corona-Radikal-Politik zurückschreckt, denn diese wären klar: Quarantäne, am besten sogar für den ganzen Ort. Das würde die Tourismus-Saison mit einem Schlag zerstören. Es gibt keine schlechtere Werbung für ein Hotel als den Ausblick auf Quarantäne.

Alles richtig gemacht?

Touristen seien ohnehin nicht betroffen, es handle sich nur um Mitarbeiter. Dass die mobile Test-Station (dort konnte man sich freiwillig testen lassen) erst ab Samstag, 13 Uhr los ging und am Sonntagabend schon wieder beendet wurde, könnte einiges erklären. Viele Gäste reisten Samstagvormittag ab, niemand der St. Wolfgang-Besucher wurde verpflichtet, sich einem Test zu unterziehen. Zackzack weiß von Wolfgangsee-Besuchern, die sich mittlerweile privat haben testen lassen, um Gewissheit zu haben. Offizielle Touristentests waren vielen nicht bekannt. Nun werden sie gar nicht mehr angeboten, wie es heißt.

Will man die Zahlen bei Touristen künstlich gering halten? „Nein, so ein Motiv kann man absolut nicht unterstellen“, ist die Antwort.

Wie gut St. Wolfgang die letzten beiden Wochen besucht wurde, verrät der Tourismusverband trotz mehrmaliger zackzack-Nachfrage nicht. Besucher sprechen gegenüber zackzack von einem insgesamt „gut besuchten“ Urlaubsort. Das verstörende Detail, das an Ischgl erinnert: Man habe die Touristen einfach fahren lassen. Die St. Wolfgang-Besucher müssen selbst entscheiden: Isolation oder tun, als wäre nichts.

St. Wolfgang, Ischgl und die Folgen

Die Ischgl-Vergleiche, die vor allem von deutschen Medien bedient wurden, hinken zwar: Weder gab es Apres-Ski-Partys oder ausschweifendes Nachtleben, Mindestabstand ist in den Köpfen der Menschen angekommen, die Menschen waschen öfter ihre Hände, teilen seltener ihre Gläser. Auch die Absage von Indoor-Partys scheint sehr starke Corona-Prophylaxe zu sein.

Allerdings gibt es erst in den nächsten Tagen Gewissheit. Wenn in Deutschland und Österreich dann Infizierte auf St. Wolfgang-Rückkehrer zurückzuführen sind, wird das Echo groß sein. Für den Tourismus in Österreich ist es jetzt schon jetzt ein großer Schaden. Von der Köstinger-Propaganda ist alles verpufft. Schulen zusperren wird jetzt noch schwieriger zu vertreten sein.

Titelbild: APA Picturedesk

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