Mit Beifuß gegen Corona?

Afrika schwört auf Heilpflanze

Auf der Jagd nach einem Heilmittel für Covid-19 sorgt die Verwendung einer Beifuß-Art in Afrika weltweit für Aufsehen. Afrikanische Ärzte sind überzeugt: Der “Covid-Organics”-Kräutertrunk soll wirksam gegen Covid-19 sein. In Europa wartet man noch auf Studienergebnisse zur Wirksamkeit, die “SZ” ortet “PR-Getrommel”. Es geht auch um Interessen in der Pharmaindustrie.

Wien, 03. August 2020 | Einige afrikanische Staaten setzen in der Behandlung von Covid-19 Erkrankten auf eine Heilpflanze. In Madagaskar produziert und exportiert ein Unternehmen immer größere Mengen an „Covid-Organics“. Das ist ein Kräutertee, der auch die Beifuß-Art Artemisia annua enthält.

Während in zahlreichen afrikanischen Staaten sogar Staatsoberhäupter auf das Getränk schwören und Schulen dieses täglich ausgeben, wird der Wirkstoff der Pflanze hinsichtlich Covid-19-Behandlung in Europa erst noch erforscht. Erste Ergebnisse machen aber neugierig.

Bisher erfolgreich im Einsatz bei Malaria

Entwickelt wurde der Kräutertrunk am “Madagassischen Institut für Angewandte Forschung”. Es besteht aus verschiedenen, auf der Insel heimischen Kräutern, darunter der Beifuß-Art “Artemisia annua”.

Das Extrakt wird bislang erfolgreich zur Vorbeugung und Behandlung von Malaria eingesetzt. Der Wirkstoff Artemisinin wurde in den 1970er Jahren von der chinesischen Pharmakologin Tu Youyou entdeckt. Für die Entdeckung erhielt sie 2015 den Nobelpreis für Medizin. Das uralte chinesische Heilkraut wurde auch vom Vietcong im Vietnamkrieg verwendet und soll dadurch indirekt zum Sieg beigetragen haben, da sie die Partisanen besser vor Malaria geschützt habe als die von den Amerikanern verwendeten Medikamente.

Algerische Forscher hatten bereits im April die Wirksamkeit von Malaria-Medikamenten gegen SARS-CoV-2 getestet und dabei festgestellt, dass Artemisinin wirksamer als das zunächst angepriesene Hydroxychloroquin sei.

Madagaskar: Corona-kranke Tante des Präsidenten mit Beifuß-Art geheilt?

Diese Erfahrung machte soll auch der madagassische Präsident Andry Rajoelina gemacht haben: Als die Corona-Krise auf Madagaskar ausgebrochen war, soll auch seine Tante betroffen gewesen sein. Eine Behandlung mit dem Malaria-Mittel Hydroxychloroquin, von dem mittlerweile davon ausgegangen wird, dass es die Sterblichkeit bei Covid-19 erhöht, war nicht erfolgreich. Eine Behandlung mit Beifuß-Extrakt sollte die Lösung sein.

Die Tante soll bereits nach zwei Tagen wieder gesund gewesen sein. Danach ging alles ganz schnell: Der Präsident ließ den Kräutertrunk „Covid Organics“ vom Forschungsinstitut IMRA in der Hauptstadt Tananarivo im Schnelltest untersuchen. Das positive Ergebnis ließ ihn in Madagaskar und weit über die Landesgrenzen hinweg den Tee als Wundermittel gegen Covid-19 anpreisen. Eine Studie zur tatsächlichen Wirkung des Krauts wurde bislang allerdings noch nicht veröffentlicht.

Kritische Stimmen

Kaputtgesparte Gesundheitssysteme machen vielen afrikanischen Staaten nun auch in der Corona-Krise schwer zu schaffen. In dieser Lage wenden sich einige daher wieder ihren eigenen Heilpflanzen zu.

Im Gespräch mit der „Deutschen Welle“ (DW) soll der Direktor des IMRA-Instituts, Charles Andrianjara, vage von “Tests an einigen Personen” gesprochen haben. Wie die “DW” berichtet, berief er sich dabei auf „die langjährige Erfahrung mit dem Präparat – es seien keine Nebenwirkungen bekannt“. Allerdings hätte er keine wissenschaftlichen Studien zitiert. Schwierig sei darüber hinaus auch die Überprüfung des Kräutertrunks durch andere Forscher, da die Zusammensetzung des Medikaments geheim gehalten wird.

Die Madagassische Akademie der Wissenschaften warnt vor etwaigen Nebenwirkungen. Auch das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Afrika empfahl rigoros angelegte Studien und warnte davor, nicht ausreichend geprüfte Mittel gegen Covid-19 einzunehmen. Dennoch haben bereits mehrere afrikanische Länder den Kräutertrunk aus Madagaskar bestellt.

Ärztin: In Corona-Krise „wertvolles Gut“

Im Interview mit der französischen Zeitschrift Jeune Afrique sagt die afrikanische Ärztin Dr. Luisa Dologuélé: „Artemisia annua ist eine bekannte Pflanze, die in China seit mehr als zweitausend Jahren gegen intermittierendes Fieber eingesetzt wird. Ihre Wirkung gegen viele Erkrankungen wie Malaria oder Bilharziose wird traditionell anerkannt. Wir haben daher alle notwendigen Einblicke, um zu wissen, dass der aus dieser Pflanze hergestellte Kräutertee ohne Risiko und ohne Nebenwirkungen ist, was in einer Notsituation wie der von Covid-19 ein wertvolles Gut ist.“

Rund zwei Millionen Euro seien nötig, um wissenschaftlich festzustellen, ob Beifuß gegen Covid-19 wirksam ist. Ein Hilfsfonds, der von bekannten afrikanischen Stars unterstützt wird, soll dabei unterstützten.

Max-Planck-Institut forscht, “SZ” ortet “PR-Getrommel”

In Europa widmet sich jetzt das Max-Planck-Institut in Potsdam in Zusammenarbeit mit der University of Kentucky (USA) und der Freien Universität Berlin der Frage, ob sich mit Extrakten aus Artemisia annua tatsächlich auch das neuartige Coronavirus bekämpfen lässt. Es ist eine der ersten Studien, in der Wissenschaftler die Funktion dieser pflanzlichen Substanzen in Zusammenhang mit Covid-19 untersuchen. Laut Peter Seeberger, Leiter der Studie und geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts, bekämen jedes Jahr über 300 Millionen Patienten auf Artemisinin basierende Medikamente. Die potenzielle Wirkung sei dabei nicht auf Malaria beschränkt, der Wirkstoff sei bereits gegen andere Krankheiten „recht erfolgreich ausprobiert“ worden.

Erste Ergebnisse wurden Ende Juni präsentiert: „Ich war überrascht, dass Artemisia annua-Extrakte merklich besser funktionierten als reine Artemisininderivate und dass die Zugabe von Kaffee die Aktivität weiter steigerte“, sagt Klaus Osterrieder, Professor für Virologie an der Freien Universität Berlin, der alle Aktivitätstests durchführte. Die Erforschung der Wirkung von Beifuß gegen SARS-CoV-2 geht nun in die nächste Phase: An der University of Kentucky (USA) beginnen klinische Studien am Menschen.

Seebergers Beteiligung an einer Firma, die derzeit eine Reihe von Tees und Kaffees verkauft, die mit Beifuß ergänzt werden, geriet zuletzt in die Kritik: Die Studie sei „allenfalls eine Fingerübung im Labor“, kritisierte die „Süddeutsche“ die Studie als „PR-Getrommel“ mit „dünnem Inhalt“.

Positionierung auf globalem Pharmaziemarkt?

Indes wurde auf Madagaskar bereits mit der Produktion von Beifuß-Pillen begonnen, die sowohl vor Infektionen mit Covid-19 schützen, als auch Infizierte heilen sollen. Der madagassische Präsident ist sich sicher: Madagaskar würde sich damit „auf dem globalen Pharmaziemarkt“ positionieren.

(lb)

Titelbild: Patrick Perry (UKY)

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