Kurier-Nebelgranate:

Ibiza-Zitate größtenteils bekannt

Der Kurier veröffentlichte gestern „neue“ Zitate aus dem Ibiza-Video. Spitzenpolitiker und Journalisten des Landes vermuten darin eine Nebelgranate. Die „exklusiven“ Ibiza-Passagen sind jedoch größtenteils bekannt.

Wien, 02. September 2020 | Die Tageszeitung “Kurier” ließ am Dienstag aufhorchen: „Der KURIER konnte das gesamte Ibiza-Video einsehen. Welche bisher unbekannten Aussagen Strache dort noch getätigt hat, könnt ihr ab 18:00 auf kurier.at lesen“, hieß es auf dem Twitter-Kanal des Blattes. Beigefügt wurden dem Tweet vier Zitate der auf Ibiza anwesenden Charaktere.

Wie „neu“ die vom Kurier veröffentlichten Zitate sind, hat sich ZackZack angeschaut und mit dem am 22.08.2019 erschienenen Buch der “SZ”-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier verglichen.

Großteil bereits aus Ibiza-Buch bekannt

Das Ibiza-Video hat über die Landesgrenzen hinaus für Wirbel gesorgt. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus stellten unter anderem im Beisein einer Fake-Oligarchin Überlegungen zum Kauf der “Kronen Zeitung” an. Ein Großteil der am Dienstag veröffentlichen Zitate sind im Buch zu finden. In den „neuen“ Zitaten des “Kurier” wird Strache zum Start der Verhandlungen so zitiert:

„Wir haben schon gesprochen Kronen Zeitung, na?“ Und Strache weiß, anders als bisher behauptet, Bescheid: „Ja, was ist da schon vorangeschritten, was ist da wirklich konkret?“ Sowohl dieses Zitat, als auch das von Johann Gudenus, der die “Kronen Zeitung” als das „Hauptthema“ bezeichnet, ist bereits im Buch enthalten!

“Hauptthema” Krone. Seite 57 im Buch “Die Ibiza-Affäre”.

Auch Strache-Zitate über den Holocaustleugner und „Rabbi“ Moishe F. sind nicht gänzlich neu. Strache sagte laut Kurier: „Ein Lustiger, ein Lieber. Ich mag ihn ja, aber seine Aussagen teilweise…hu, ist der schräg“.

Strache-Aussagen über den Holocaust-Leugner Moishi F. Seite 36 im Buch “Die Ibiza-Affäre”.

Orbán-Fantasien auch im Buch

Straches Anbetungen an Orbán, die der Kurier am Dienstag veröffentlichte, sind ebenfalls größtenteils „old news“. So soll Strache über Orban gesagt haben: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen.“ Eine Passage, die ebenfalls im Buch enthalten ist, genauso wie die Aussagen über Milliardär George Soros, wonach dieser „die Konterrevolution“ plane, und dass die Sozialdemokratie von jüdischen Industriellen und Logen unterstützt werde. Hingegen ist das Zitat von Gudenus („Der Orbán rockt das Land“) tatsächlich neu.

Strache-Aussagen über Orban und Soros. Seite 44/45 im Buch “Die Ibiza-Affäre”.

Buch und Kurier unterscheiden sich

In den “exklusiven” “Kurier”-Zitaten kam es auch zu einer unterschiedlichen Darstellung im Vergleich zum Buch der Ibiza-Aufdecker. Strache soll über den Homosexuellen-Hasser und Leugner des Völkermords in Srebrenica, Dragan Markovic, gesagt haben, dieser sei „ein geiler Typ“. Im Buch der SZ-Journalisten soll Strache dies jedoch über den serbischen Warlord Zeljko Raznatovic gesagt haben.

Unterschiedliche Personen im Buch und Kurier. Seite 46 im Buch “Die Ibiza-Affäre”.

Ebenso sind die Goldgeschäfte des Ex-FPÖ-Chefs keine Neuigkeit. Der “Kurier” zitiert Strache so: „Ich, Trottel, hör mir den an und denke mir: geile Geschichte. Die Gold-Unze steigt von 470 auf 500, auf 550 Dollar, auf 570, auf 600 auf 650. Ich Trottel verfluche mich schon, kaufe dann zum Glück mit 80 Prozent meiner Ersparnisse Gold. Und weißt Du, wie ich es verkauft habe, bei 1.300 Euro. Das war das Geschäft meines Lebens, hat mir meine Hütte möglich gemacht, zack so.“

Strache im Goldrausch. Seite 147 im Buch “Die Ibiza-Affäre”.

Keinerlei “Kurier”-Zitate zu Großspendern oder Postenbesetzung

Zitate wie „I am the Red Bull Brother“ oder “die Ausbootung der Strabag oder den Verkauf des Wassers” von Strache sind ebenfalls hinlänglich bekannt. Wirklich neu unter den “Kurier”-Zitaten sind Aussagen über Straches Pläne für die Nationalratswahl 2017: „Also wir wollen Erster sein, ganz offene Antwort“. Der Lockvogel antwortete: „Ich möchte auch Kosmonautin sein.“ Auch Gudenus’ Meinung über die Bundespräsidentenwahl war noch nicht bekannt: „Sie wurden gefälscht, die Wahlen, sehr stark.“

Im Gegensatz zum Aufdecker-Buch wurden hingegen keinerlei Stellen über mögliche Postenvergaben oder Großspender vom “Kurier” veröffentlicht. Tatsächlich ist aber genau dieser Strang der Ibiza-Affäre Hauptfokus des Ibiza-U-Ausschusses, der neben der FPÖ vor allem auch die ÖVP ins Zwielicht rückt.

Journalisten und Poltiker orten Nebelgranate

Unter zahlreichen Spitzenpolitkern und Medienschaffenden in Österreich sorgt die plötzliche Veröfftlichung der teilweise bekannten Passagen für Verwunderung. NEOS-Abgeordnete und U-Ausschuss-Fraktionsführerin Stephanie Krisper glaubt nicht an einen Zufall.

Auch “Standard”-Journalist Fabian Schmid schließt einen Zusammenhang zwischen dem am Montag veröffentlichten ZackZack-Bericht und den am nächsten Tag herausgespielten Kurier-Zitaten nicht aus, stellt aber in einem zusätzlichen Kommentar klar, es handle sich beim Teil “wohl aus Soko” um Mutmaßungen.

Dass das Ibiza-Video noch immer nicht dem U-Ausschuss vorliegt, ist für den SPÖ-Fraktionsführer Krainer ein Skandal.

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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