Russischer Agent hofiert von Österreichs Politik?

Jan Marsalek

Jan Marsalek dürfte in Moskau sein, er wird von russischen Geheimdiensten offenbar gedeckt. Zugleich war er Ehrensenator in der Österreich-Russischen Freundschaftsgesellschaft. Dort hofierte ihn die Politelite des Landes. Über dessen Generalsekretär gingen Informationen und Empfehlungen von „Jan“ an Johann Gudenus, wie Chatprotokolle belegen.

 

Wien/Moskau, 04. September 2020 | Jan Marsalek war Ehrensenator und Spender der Österreich-Russischen Freundschaftsgesellschaft. Jetzt, nach dem Zusammenbruch des Wirecard-Kartenhauses, sitzt Marsalek offenbar in einem Anwesen nahe Moskau. Dort wird er offenbar geschützt von russischen Geheimdiensten, wie das „Handelsblatt“ diese Woche berichtete.

Österreich-Russische Freundschaft mit Agenten?

Zumindest zusammengearbeitet hat Marsalek mit dem russischen Geheimdienst, ist sich der russische Investigativjournalist Roman Dobrochotow sicher. Sicher ist auch: Er war Ehrensenator in der Österreich-Russischen Freundschaftsgesellschaft (ORFG). Die bilaterale Organisation ist mit hochkarätigen, einflussreichen österreichischen Personen besetzt. Alleine im Vorstand sitzen Harald Mahrer (ÖVP-WKÖ-Chef), Gewerkschaftschef Wolfgang Katzian oder Karlheinz Kopf (ÖVP). Präsident ist Richard Schenz (WKÖ-Vizechef), Vizepräsident ist der SPÖ-Abgeordnete Christoph Matznetter.

David Stögmüller, für die Grünen im U-Ausschuss und in den Sommerwochen mit Aktenstudium beschäftigt, ist erstaunt vom Umfang des Wirecard-Skandals. Er verlangt mehr Fokus auf die ORFG:

„Die Österreich-Russische Freundschaftsgesellschaft ist die Drehscheibe für den russischen Einfluss in Österreich. Hier sitzen alle Vertreter der Großparteien direkt an der Front, um für Russland zu lobbyieren. Die Frage ist: Was will Russland und wo hat die ORFG für Russland was gemacht. Es gibt Zusammenhänge mit Gazprom, Güssinger, Libyen und noch viel mehr.“

Drehscheibe Freundschaftsgesellschaft?

Stögmüllers Verdacht hat Gründe: Florian Stermann, Generalsekretär der ORFG, versorgte Johann Gudenus mit Geheiminformationen. Das zeigen Chatprotokolle, die auf Gudenus‘ Handy zufällig gefunden wurden und ZackZack vorliegen. Darin wird auch immer wieder von „Jan“ gesprochen. So schlug Stermann dem damaligen FPÖ-Klubchef unter anderem eine Person zur Leitung „des österreichischen Nachrichtendienstes“ vor. Die Informationen kommen laut Stermann direkt „von Jan aus dem BVT“.

Auch wenn Stermann der FPÖ Informationen von „Jan“ weitergab, wusste er offenbar auch über die ÖVP Bescheid. Auch Johann Gudenus saß im Vorstand der ORFG. Über seine Verbindung zu Stermann sagte Gudenus vor dem Ibizia-U-Ausschuss:

„Ich bin mit dem Herrn privat befreundet. Und man macht sich vielleicht die nächste Grillerei aus oder dass sich unsere Kinder treffen“.

Nichts besonders also.

Aber ist mit „Jan“ Jan Marsalek gemeint? Der Verdacht liegt nahe, denn immer wieder geht es um Moskau und russische Interessen. Versuchte Marsalek gar einen Moskau-treuen BVT-Chef zu installieren und benutzte dafür die ORFG? Die ORFG ließ das Angebot zu einer Stellungnahme unkommentiert verstreichen. Vizepräsident Christioph Matznetter sagte aber gegenüber ZackZack:

“Solche Dinge braucht die ORFG nicht. Wir sind gerade dabei, eine Neuaufstellung zu machen, Herr Stermann wird in Kürze als Generalsekretär abgelöst. Ich persönlich habe Jan Marsalek nie getroffen.”

Kurz-Connection zu Marsalek?

Dass die Affäre Marsalek aber keinesfalls eine reine FPÖ-Affäre ist, zeigt sich beim Thema Libyen. Dort wollte Marsalek eine Miliz aufbauen. Just zu jener Zeit war der damalige Außenminister Sebastian Kurz „überraschend“ nach Libyen geflogen und hatte stärkere Interventionen verlangt – ZackZack berichtete. Stermann gilt zudem als Vertrauter von Ex-ÖVP-Innenminister Ernst Strasser.

Die Moskauer „Versija“ glaubt, dass der Geheimdienst-Skandal rund um Marsalek und Wirecard erst anrollt: „Wir sehen nicht das Ende, sondern den Anfang einer großen Spionage-Geschichte von letztendlich größerer Bedeutung als die Affäre um den NSA-Überläufer Snowden.“ Und möglicherweise stecken Teile der österreichischen Politik mittendrin in dieser Affäre.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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