Moria: Tausende Kinder in der Flammenhölle

Moria, das Camp der Hoffnungslosigkeit, ist in der Nacht auf Mittwoch fast vollständig abgebrannt. Tausende Kinder, darunter viele unbegleitete Minderjährige, kämpften ums Überleben. Die Ursache des Infernos ist noch unklar, das Ausmaß der politischen Untätigkeit nicht.

Wien, 09. September 2020 | Gestern Nacht brannte das Flüchtlingscamp im griechischen Moria fast vollständig ab. Stundenlang wütete die Flammenhölle, angepeitscht von 70 Stundenkilometer Mittelmeerwind – und vom Wegschauen der Europäischen Union.

Viele Länder, auch Österreich, weigern sich noch immer, Schutzsuchende aus Moria aufzunehmen. Die Stadt Wien will zumindest 100 Kinder holen, SPÖ und Grüne haben dem NEOS-Antrag bereits zugestimmt.

Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Bild: APA Picturedesk.

Da auch Wohncontainer abfackelten, wurde das Camp evakuiert. Über Tote und Verwundete ist bislang nichts bekannt. Die konservative griechische Regierung hat unterdessen eine Krisensitzung einberufen.

Schande: Cops behindern Menschen mit Barrikaden

Das Camp war aufgrund mehrerer Coronafälle unter Quarantäne gestellt worden. Jetzt, da es abgebrannt ist, versuchen die griechischen Behörden, die Quarantäne offenbar auf andere Art fortzusetzen: mehreren Medienberichten zufolge hinderten Polizisten Menschen aus dem Camp an der Flucht, indem sie Barrikaden aufstellten. Damit wolle man die Route zur Stadt Mytilini schließen.

Wie es mit den Geflüchteten weitergeht, ist unklar. Der Bürgermeister der Stadt scheint zumindest andere Sorgen zu haben: „Es ist eine sehr schwierige Situation, weil einige von jenen, die da draußen sind, positiv auf das Coronavirus getestet worden sind“.

EU sichert Finanzierung für gerade einmal 400 Kinder zu

Derweil meldete sich EU-Innenkommissarin Ylva Johansson zu Wort. Sie will schnelle Hilfe für 400 unbegleitete Kinder und deren Evakuierung zusichern. “Die Sicherheit und der Schutz aller Menschen in Moria hat Priorität”, so Johansson. Was mit den anderen Kindern passieren soll, ist unklar. Das Camp war hoffnungslos überfüllt: bei weniger als 3.000 Plätzen Kapazität hausten bis zu 13.000 Schutzsuchende, darunter wohl bis zu 4.000 Kinder.

Bis vor der Umsiedelung von einigen Tausend Migranten aufs griechische Festland waren sogar knapp 8.000 Kinder im Elendslager auf Moria, darunter über 1.000 unbegleitete Minderjährige.

Hier brennt die europäische Idee. Bild: APA Picturedesk.

ÖVP bleibt bei Knallhart-Kurs

Die NEOS forderten heute eine Aufnahme durch Österreich, während sich Grünen-Abgeordnete Ernst-Dziedzic zumindest für die Evakuierung aussprach. Auch die SPÖ und Hilfsorganisationen forderten eine rasche Evakuierung des Camps.

“Moria ist zum Inbegriff des Totalversagens der europäischen Flüchtlingspolitik geworden, das jetzt im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Inferno geführt hat”,

sagte Diakonie-Direktorin Moser laut APA.

Die ÖVP wandelt allerdings weiter auf den Spuren der FPÖ. Innenminister Karl Nehammer sprach sogar von “illegalen Migranten”, die in Griechenland bleiben müssten. Außenminister Schallenberg kündigte an, dass man bei der derzeitigen Linie bleiben werde. Bundeskanzler Sebastian Kurz schloss erst kürzlich eine Aufnahme aus, indem er einem Gesprächspartner im „Krone“-Talk abfällig erklärte, dass es noch größeres Leid auf der Welt gebe:

„Also, sie haben ja genug Kenntnis von der Welt, dass sie wissen, dass es ganz viele Kinder gibt, die unter noch deutlich schlechteren Bedingungen leben, und zwar nicht in Europa, sondern anderswo auf der Welt“.

Seit Monaten gibt es Debatten über die Aufnahme von Kindern durch Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Bis auf ein paar Ausnahmen und Beteuerungen ist bislang nicht viel passiert. Die Ursache der Feuerhölle ist zur Stunde noch unklar.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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