Das ist die Badezone von Grazer Bürgermeister Nagl

Überall Schlamm

Rund ein Jahr nach Eröffnung des Grazer Mur-Kraftwerks in Puntigam ist für den Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) keine Ruhe in Sicht. Was Nagl den Grazern als attraktive „Badebucht“ oberhalb des Kraftwerks verkaufen wollte, erweist sich nach der Öffnung der Kraftwerksschleusen als abschreckende Schlammzone. ZackZack zeigt die Fotos.

 

Wien, 15. September 2020 | Das Mur-Kraftwerk in Graz-Puntigam wurde entgegen heftiger Proteste und zahlreicher kritischer Expertenstimmen gebaut. Trotz ökologischer Verschlechterungen: mittels Ausnahme-Paragraph im Sinne des „öffentlichen Interesses“ peitschte man das Projekt durch. Dabei verprasste man Millionen an Steuergeldern.

Die verursachten Schäden ließen nicht lange auf sich warten – und wurden mit freiem Auge sichtbar, als letzte Woche die Kraftwerksschleusen auf Grund von Hochwasser geöffnet wurden – und so der Wasserpegel gesenkt wurde. ZackZack veröffentlicht Schreckensfotos vom Bereich oberhalb des Kraftwerks.

„Badebucht“ eine einzige Schlammwüste

In der sogenannten Seichtwasserzone Grünanger befindet sich die „Badebucht“ mit Schiffanlegestelle, einer kleinen begrünten Insel und begrünten Liegeflächen.

Im Konzept der Stadt Graz wirkt das Photoshop-Bild durchaus einladend: Bäume bieten Schatten, Kajakfahrer sind auf dem Wasser unterwegs, Menschen nutzen den Grünbereich am Wasser zur Erholung.

Die Pläne der Stadt wirkten vielversprechend: Badebucht, Liegedecks und Spielplatz sowie ein Radweg sollten für die Grazer ein attraktives Ausflugsziel und Erholungsgebiet sein.  

Auf Anfrage bei der Stadt Graz heißt es gegenüber ZackZack, es sei immer schon klar gewesen, dass im Zuge einer Spülung eine Schlammlandschaft entstehe. Dies normalisiere sich aber mit steigendem Wasserpegel.

Der Bereich, der sich flussaufwärts des frisch gebauten Wasserkraftwerks befindet, glich vergangene Woche einer Sumpfwüste: Am 7. September wurden die Schleusen des Mur-Kraftwerks geöffnet, um das aufgestaute Wasser und mit ihm aufgestaute Sedimente fortzuspülen. Dadurch senkte sich der Wasserpegel im Staubereich. Die Folge: die Uferzonen waren großflächig von Schlamm überzogen, Murkraftwerksgegner sehen ihre Befürchtungen bestätigt.

Zum Durchklicken. Im Bereich oberhalb des Kraftwerks war letzte Woche alles verschlammt: Die Sedimentablagerungen werden sichtbar. Hier kann kein Fisch mehr leben. Fotos: Franz Keppel

Franz Keppel befischt die Mur seit Jahrzehnten. Als Mitglied von „Rettet die Mur“ setzte er sich aktiv gegen den Kraftwerksbau ein – vergeblich. Jetzt dokumentiert er die Schäden, die durch das Kraftwerk entstehen. Die Öffnung der Schleusen und dadurch Freigabe von tonnenweise Sedimentablagerungen hinter den Betonmauern würden für viele Fische zur tödlichen Falle werden:

„Jungfische sind durch den abrupten Sauerstoffentzug sofort tot. Jede Spülung ist derart negativ und eine Schädigung für Unterwasserwelt und Fluss, dass es zum Grauen ist. Das will ja von denen keiner zugeben.“

Mit „denen“ spielt Keppel auf die Kraftwerksbetreiber bzw. -befürworter der Grazer Stadtpolitik an.

Energie Steiermark: Alles bestens

Die Energie Steiermark verwies gegenüber der „Kleinen Zeitung“ auf „Analysen von Ökologen“, die zeigen würden, dass sich der Fischbestand seit Errichtung des Wasserkraftwerks positiv entwickelt habe. Das sei eine glatte Lüge, so Keppel: Aufstiegshilfen für die Fische seien schön und gut,

„aber sollte es der Fisch hinauf schaffen, erwartet ihn ja dort kein Lebensraum. Nur eine Sedimentwüste – der Weg zurück führt aber durch die Turbine, dort wird er zerhäckselt. Dann darf man sich nicht über den Artenschwund und Rückgang der Fische in den letzten 30 Jahren wundern.“

Artenschwund: Fische verlieren Lebensraum

Dieser Artenschwund ist keine Überraschung – immer mehr Kraftwerke zerstören den Lebensraum der Fische. Martin Regelsberger, Kultur- und Wassertechniker, beschreibt die Auswirkungen des Schlamms, der durch das Kraftwerk angestaut wird:

“Der Schlamm deckt die Steine des Flussbetts ab – dadurch verlieren die Fische einen Bereich zum Laichen. Die Energie Stmk sagt immer „Wir haben so viele Fische in unseren Stauräumen“ – natürlich sind die noch da, aber sie können nicht mehr laichen – sie verlieren einen wichtigen Bereich ihres Lebensraums.”

Die Energie Steiermark – der Kraftwerksbetreiber, so Regelsberger, stelle Behauptungen auf, die von Medien und Öffentlichkeit nicht ausreichend hinterfragt würden.

Fischbiologe: Schlamm beweist ökologische Verschlechterung

Assoz. Univ. Prof. Steven Weiss ist Fischbiologe an der Universität Graz – er sieht in der Schlammwüste die Bestätigung für das, was von Kraftwerksgegnern sowie Behörden von vorneherein angenommen wurde: die Verschlechterung der allgemeinen Ökologie des Flusses.

„Der Boden wird verschlammt, das hat enorme Auswirkungen: Die ganze Bodenfauna ist ausgelöscht, Artenvielfalt ist zu 80-90 Prozent reduziert – und dementsprechend die biologische Produktivität.“

Drei weitere Kraftwerke geplant

Drei weitere Mur-Kraftwerke sollen in Planung sein: Das Kraftwerk in Gratkorn wurde bereits genehmigt, Weiss vermutet, dass der Bau hinausgezögert wird, bis es vom Gewessler-Ministerium ein Gesetz für Bundeszuschüsse gibt. Erst kürzlich wurden Pläne für Kraftwerke in St. Michael und Zeltweg bekannt. Beide Gemeinden befinden sich im Schutzgebiet Natura 2000. Für Franz Keppel „ein ökologisches Todesurteil für unsere Flüsse“.

(lb)

Titelbild: Franz Keppel

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