Ärzte ohne Grenzen über Lage in Moria

Verlangen Aufnahme der Menschen

Während sich Bundeskanzler Sebastian Kurz gegen die Aufnahme von Kindern aus Moria ausspricht, verlangt die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in einer Pressekonferenz die Aufnahme von Menschen aus Moria. Sie schildern die menschenunwürdigen Zustände auf Lesbos.

 

Wien, 18. September 2020 | Die Lebensbedingungen der Flüchtlinge in Moria waren bereits vor dem verheerenden Feuer katastrophal. Mit dem Brand hat sich die Lage zugespitzt. Mitarbeiter der unter dem Namen „Ärzte ohne Grenzen“ bekannten NGO (franz.: Médecins Sans Frontières, kurz MSF) verlangen von der EU eine langfristige Lösung sowie die Verteilung der Flüchtlinge auf EU-Länder.

Ärzte ohne Grenze errichteten nach Feuer zweite Klinik

Ein aus Lesbos zugeschalteter Mitarbeiter schilderte während einer Pressekonferenz am Donnerstag seine Eindrücke: Während eines großen Polizeieinsatzes zur Evakuierung der Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager sei den Menschen der Zugang zu ihrer Klinik und somit die Möglichkeit zur notwendigen medizinischen Versorgung verwehrt worden. Laut Marcus Bachmann, Berater für humanitäre Angelegenheiten bei MSF, befinde sich mittlerweile niemand mehr dort.

MSF hat insgesamt zwei medizinische Kliniken in Moria errichtet. Eines davon wurde unmittelbar nach dem Ausbruch des Feuers in der Nähe des Lagers aufgebaut, aufgrund des hohen Bedarfs und um den Opfern des Feuers eine sofortige Behandlung geben zu können. Außerdem wurde ein Shuttle-Service von MSF zwischen den zwei Kliniken organisiert, um an Schwerverletzten die jeweiligen medizinischen Eingriffe vollziehen zu können. Die Mehrheit der Patienten leiden unter schweren Hautverletzungen und -erkrankungen, chronischen Erkrankungen und psychischen Traumata.

Griechenland erschwert Arbeit von NGOs

Darunter befinden sich mehrere Neugeborene, Diabetiker und auch Personen höheren Alters mit fortgeschrittenen Lungenerkrankungen, die eine Hochrisikogruppe für Covid-19 darstellen. All diesen Menschen fehle es nicht nur an einer Unterkunft und ausreichender medizinischer Hilfe, sondern auch an Sanitäranlagen sowie Wasser- und Grundnahrungsmittelversorgung, so der MSF-Mitarbeiter aus Lesbos. Im Lager bietet die griechische Krankenkasse EOPYY ihre Hilfe an, die Mehrheit der Hilfsbedürftigen befindet sich allerdings auf der Straße. Ihnen bleibt die Hilfe durch die Krankenkasse verwehrt. Zurzeit ist MSF mithilfe einer weiteren NGO auf Lesbos der einzige Anbieter von medizinischer Versorgung für die nach dem Brand obdachlos gewordenen Menschen.

Nachdem Griechenland die Restriktionen für NGOs verschärft hatte, wurden viele aus Lesbos vertrieben und müssen nun durch ein Dickicht der Bürokratie, um ihre Hilfe anbieten zu dürfen. Die Hilfspakete mancher EU-Staaten wissen die MSF-Mitarbeiter zwar zu schätzen, aber damit sei nicht alles getan. Von den 4000 Kindern 400 aufzunehmen sei nicht genug. Die einzig richtige Hilfe bestehe darin, die Flüchtlinge auf alle EU-Länder zu verteilen und ihnen so ein würdevolles Leben in Sicherheit zu ermöglichen.

Neues Lager, keine Lösung

Währenddessen bleibt die Stimmung zwischen den Flüchtlingen und den Bewohnern von Lesbos sehr angespannt. Hilfsorganisationen wie MSF werden verbal attackiert und eingeschüchtert. Ihre Kliniken seien mit Steinen beworfen, schildern die Ärzte. Zeitweise mussten die Ärzte ihre Arbeit aus Sicherheitsgründen einstellen.

Die griechische Regierung baut indes ein neues Lager für die Flüchtlinge, die auf der Straße gelandet sind. Für die Mitarbeiter von MSF keine wirkliche Lösung. Ein hastig aufgebautes Lager sei kein langfristiges Mittel, um das Leid auf der Insel zu schmälern. Bis zu 10.000 Menschen soll das Lager fassen können. Es gleicht allerdings einem Gefängnis: Wer sich einmal im Lager befindet, soll nicht mehr die Möglichkeit haben, es zu verlassen.

„Genug ist genug“, sagt der MSF-Mitarbeiter vor Ort. Marcus Bachmann sieht im Bau eines neuen Lagers nur eine Wiederholung der vergangenen Ereignisse: „Aus der Asche Morias kann nicht ein Moria 2.0, baugleich mit den gleichen systematischen Mängeln, entstehen. Das ist menschenunwürdig.“

Österreich hat die Kapazitäten, der Wille fehlt

Er fordert Österreichs Teilnahme an der Evakuierung der Menschen in Moria. Die Argumentation von Bundeskanzler Kurz, die Brandstiftung nicht mit der Aufnahme von Flüchtlingen zu belohnen, bezeichnet er als „Opfer-Täter-Umkehr“. Die Flüchtlinge seien keine Täter, sondern Opfer eines Systems, das die EU seit dem Deal mit der Türkei 2016, etabliert habe. Das System führe unweigerlich zu der Situation, die zurzeit auf Moria herrsche.

(nb)

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben