-Anzeige-

Anschläge sollen Wien ins Chaos stürzen

Erdogan-Terrorist packt aus

Ein Agent des türkischen Geheimdienstes hat sich dem Verfassungsschutz gestellt. Feyyaz Ö. soll im August den Auftrag erhalten haben, einen Anschlag auf die Grünen-Politikerin Berivan Aslan zu verüben. Weitere Attentate seien geplant. Eines davon gilt ZackZack-Herausgeber Peter Pilz. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Jetzt packt der Attentäter aus. Und das BVT „vergisst“, einen bedrohten SPÖ-Abgeordneten zu schützen.

 

Wien, 23. September 2020 | Am 22. September um 12.16 Uhr erhält ZackZack-Herausgeber Peter Pilz einen Anruf des Verfassungsschutzes: „Bei uns hat sich ein Türke gestellt, der sagt, dass er vom türkischen Geheimdienst MIT den Auftrag hat, einen Anschlag auf eine österreichische Politikerin auszuführen. Er hat auch weitere Namen von Zielpersonen genannt. Eine davon sind Sie.“

Wenn die Angaben des mutmaßlichen Überläufers stimmen, hatte er den Auftrag, einen Anschlag auf die grüne Ex-Nationalratsabgeordnete Berivan Aslan durchzuführen. Aslan ist dem Erdogan-Regime ein besonders großer Dorn im Auge. Gemeinsam mit Peter Pilz hat sie aufgedeckt, wie der türkische Geheimdienst MIT unter den Augen des BVT ein Netzwerk aus Provokateuren und Spitzeln von Bregenz bis Wien aufgebaut hat.

In Deutschland verfügt der MIT laut Medienberichten über ein Netzwerk von rund 6.000 Spitzeln und Zuträgern. Wie viele es in Österreich sind, ist nicht gesichert. Die Staatsanwaltschaft hat nach einer ersten Überprüfung der Angaben des Überläufers ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es geht um “Verdacht eines verbrecherischen Komplottes.”

Der Zeuge

Der Türke mit italienischem Pass heißt Feyyaz Ö. Fest steht: Der MIT-Agent arbeitete jahrelang als Verbindungsmann des türkischen Geheimdiensts zur US-amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA). Seit 1981 operierte Ö. auch in Österreich. 2017 war er Hauptbelastungszeuge gegen Metin Topuz, der für die DEA am US-amerikanischen Generalkonsulat in Istanbul gearbeitet hatte. Die türkische Regierung warf Topuz vor, den Putschversuch Fethullah Gülens unterstützt zu haben.

DEA-Mann Metin Topuz ist für die Türkei ein Terrorist. Die Aussage des MIT-Agenten Feyyaz Ö. brachte ihn hinter Gitter. Bild: Screenshot tr.euronews.com

Der Fall sorgte für nachhaltige diplomatische Verstimmung zwischen den USA und der Türkei. Die USA halten Topuz für unschuldig. Außenminister Michael Pompeo bezeichnete die Vorwürfe gegen Topuz als „unbegründet“. Der türkische Premier Binali Yildirim antwortete, die Türkei werde sich nicht vorschreiben lassen, wen sie verhaften oder anklagen solle. Topuz wurde wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ verurteilt. Bei seiner Einvernahme durch Beamte des BVT sagt Feyyaz Ö. aus, man habe ihn zu einer falschen Zeugenaussage gegen Metin Topuz gezwungen. Dazu habe er eine Blanko-Unterschrift auf einem leeren Dokument geleistet.

Ein neuer Auftrag

Im Zuge des Prozesses gegen Topuz wurde Feyyaz Ö. als Agent enttarnt. Türkische Medien berichteten offen über den „DEA-Informanten“ im Zeugenstand. Wie nützlich ist Ö. noch als Agent? Und wie glaubwürdig als Kronzeuge gegen den MIT? Die Verfassungsschützer nehmen die Angaben von Feyyaz Ö. ernst. Als MIT-Mitarbeiter ist Ö. mittlerweile pensioniert, aber noch gut genug, um für eine letzte Mission benutzt zu werden: Ö. erhält einen neuen Auftrag. In Belgrad soll er eine Kontaktperson treffen, die ihm weitere Anweisungen erteilt.

Feyyaz Ö. sagt aus, dass er den Auftrag erhalten habe, einen Anschlag auf Berivan Aslan durchzuführen. Die Verfassungsschützer fragen, warum. Ö. antwortet: Um Chaos zu verbreiten – „egal ob sie stirbt oder nur verletzt wird“. Das BVT befürchtet einen terroristischen Anschlag.

Ö. arbeitet nicht alleine. Als Erfüllungsgehilfe muss er auf Befehle warten. Der Terrorist soll losschlagen, sobald er ein „Zeichen aus Innsbruck“ erhält. Damit ist klar: Der Führungsagent des Attentäters sitzt in der Tiroler Landeshauptstadt. Über Innsbruck reist Feyyaz Ö. nach Wien.

Der Attentäter weiß nicht viel über sein Opfer. Er kennt den Namen der Zielperson, weiß, wie sie aussieht. Sonst nichts.

Jetzt, im September 2020, sitzt Feyyaz Ö. im Hotel Wombat’s am Wiener Naschmarkt und wartet auf den Einsatzbefehl. Wo und wann genau das Attentat stattfinden wird, soll er erst kurz zuvor erfahren.

In diesem Wiener Hostel wartete Feyyaz Ö. auf seinen Einsatzbefehl. (Bild: MP/ZackZack)

Laut Feyyaz Ö. befinden sich noch weitere MIT-Agenten in Wien. Er selbst sei nur derjenige, der den Abzug betätigen soll. Aber Feyyaz Ö. sagt, er habe Angst, dass ihn sein Geheimdienst fallen lässt, sobald er den Auftrag ausgeführt hat.

Ö. weiß, dass die türkischen Behörden ihn in der Hand haben. Seine Konten sind durch die türkische Regierung gesperrt, seine Familie bedroht. Ö. befürchtet, nach der Tat entweder den österreichischen Behörden überlassen zu werden oder in der Türkei ohne Prozess in einem Gefängnis zu verschwinden: „In der Türkei machen sie das so. Sie werfen dich für zwei bis drei Jahre ins Gefängnis, auch ohne Beweise.“

Der Attentäter packt aus

Ö. sieht, wie er sagt, nur noch einen Ausweg. Das LVT Wien hält in seinem Anfalls-Bericht fest: „Am 15. September um 13.30 Uhr kam der Ö. Feyyaz in das Hauswachzimmer 1010 Wien, Schottenring 7-9.“ Als Geheimdienstagent weiß er, wohin er sich wenden muss. In der Landespolizeidirektion am Schottenring hat das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) seinen Sitz.

Eine Stunde später vernehmen die LVT-Beamten Ö. zum ersten Mal. Sie stellen zwei italienische Handys und einen Datenstick sicher. Darauf finden sich Kontaktdaten und Chats weiterer MIT-Agenten.

Türkischer Geheimdienst plante Anschlagsserie in Österreich

Wenige Stunden danach, um 19:15 Uhr, wird Berivan Aslan informiert. Das erste Vernehmungsprotokoll geht zum BVT und zur Staatsanwaltschaft. Feyyaz Ö. hat jetzt Angst um sein Leben. Das BVT stellt ihn unter Polizeischutz. Sollten die Angaben von Feyyaz Ö. stimmen, ist dem österreichischen Nachrichtendienst unverhofft ein großer Fang gelungen. Ö. kennt die Struktur des MIT, kennt die Identität weiterer Agenten: „Die großen Leute sind nicht in Österreich, sondern am Balkan. Hier in Österreich kenne ich nur die kleinen Leute.“

Am 21. September finden die Verfassungsschützer in der zweiten Vernehmung des türkischen Agenten heraus, dass eine ganze Reihe von Anschlägen geplant war: Ö sagt, er habe gehört, wie seine Auftraggeber vier weitere Zielpersonen genannt haben. Eine davon ist Peter Pilz. Das LV Wien beschließt, ihn sofort zu informieren und ihm Schutz anzubieten.

Ungeschützt in Brüssel

Neben Pilz steht mit Andreas Schieder ein prominenter Politiker der SPÖ auf der Liste. Der EU-Abgeordnete und frühere Klubobmann im Nationalrat hat sich gemeinsam mit Aslan und Pilz für Menschenrechte in der Türkei eingesetzt. In Demonstrationen von Erdogan-Provokateuren mitten in Wien wurde sein Bild neben dem von Berivan Aslan hochgehalten.

Schieder ist fassungslos, als ihn Pilz am Vormittag des 23. September informiert, dass auch er Zielperson des MIT-Terrors ist. „Bis heute hat mich niemand aus dem BVT angerufen. Niemand hat mir Beratung oder Schutz angeboten. Ich halte das für einen Skandal.“

Ein mutmaßlich geplanter Anschlag ist verhindert, weil sich der Attentäter gestellt hat. Doch wenn Feyyaz Ö. Recht hat, sind vielleicht noch weitere Terroristen in Erdogans Auftrag in Österreich und Brüssel aktiv. Ob auch sie gerade auf das „Zeichen aus Innsbruck“ warten?

(red)

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

Folge einem manuell hinzugefügten Link
Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben

ZackZack braucht dazu eine starke Basis:

DICH

Auf dem Boulevard fahren alle rechts in dieselbe Richtung. Wir sind der erste Gegenverkehr.

Schließen