Blümel setzt Menasse-Post mit Verleumdung gleich

ÖVP-Zensur

Für gehörig Wirbel sorgte Gernot Blümel am Donnerstag, als er von seiner Facebook-Seite einen kritischen Tweet des Schriftstellers Robert Menasse löschte. Die Begründung Blümels ist skurril: Er setzt Menasses Kommentar mit Hass-Postings gleich. ZackZack fragte bei Menasse nach.

Wien, 25. September 2020 | Gernot Blümel lernte am Donnerstag den Streisand-Effekt kennen. 2003 verklagte die Sängerin Barbara Streisand einen Fotografen, der die Küste vor ihrem Domizil fotografiert und auch Streisands Haus abgebildet hatte. Durch die mediale Berichterstattung darüber erreichte Streisand den umgekehrten Effekt. Erst dadurch erfuhr die Welt davon, dass es sich um ihr Haus handelte. Der Streisand-Effekt war geboren.

Ungefähr so ergeht es jetzt auch Gernot Blümel.

Menasse löschte Post nicht persönlich – Blümel-Zensur

Ein kritischer Post des Schriftstellers Robert Menasse gegen den Finanzminister wurde vom ÖVP-Social-Media-Team gelöscht. Erst durch die Löschung erreichte der Post enorme Aufmerksamkeit in der österreichischen Medienlandschaft. Dass Menasse den Post nicht selbst löschte, erfuhr ZackZack vom Schrifsteller persönlich: „Warum hätte ich das machen sollen?“, fragte Robert Menasse ZackZack zurück auf die Frage, ob der Kommentar vielleicht von ihm gelöscht wurde. „Natürlich nicht“, stellte er schleunigst klar.

Ein Autor von einem Format des Menasse zensiert sich natürlich nicht selbst. Somit ist sicher: Blümel zensierte Menasse. Zahlreiche Nutzer kopierten Menasses Post und kommentierten ihn unter Blümels Beiträge. Auch mit Screenshots wurde Blümel auf seinem Facebook-Kanal überhäuft.

Setzt Menasse-Post mit “verleumderischen, rassistischen und extremistischen” Kommentaren gleich

So viel Kritik war dem Finanzminister dann zu viel. Am Abend schickte Blümel einen Post unter seinen Beiträgen raus. Der Versuch zu erklären, warum er den Post von Menasse gelöscht hatte, ging allerdings nach hinten los. Blümel freue sich über „konstruktive und sachliche Beiträge“, aber „beleidigende, verleumderische, rassistische und extremistische Kommentare werden umgehend gelöscht“. Auch Screenshots bekam der Finanzminister in Massen darunter kommentiert.

Alles, was nicht bei 3 am Baum ist, wird gelöscht

Rigoros wurden Posts unter Blümels Beiträgen gelöscht. Das Social-Media-Team des Finanzministers sieht scheinbar den Kommentar vom bekannten Schriftsteller Menasse als „beleidigend, verleumderisch, rassistisch oder extremistisch“ an. Auf Nachfrage bei der Wiener Volkspartei, wieso man den Kommentar löschte und welche Textstellen Menasses die Kriterien zur Löschung erfüllen würden, erhielt ZackZack keine Antwort aus der Lichtenfelsgasse. Auch der “Sprecher der Bewegung” Peter L. Eppinger war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Gegenüber der APA war die ÖVP hingegen bereit eine Stellungnahme abzugeben “Er habe auf der Seite der ÖVP Hitler-Vergleiche zu unterlassen”, wurde in der übermittelten Stellungnahme betont.

Auch in den sozialen Netzwerken wird nun klar, wie sehr Blümels Begründung nach hinten los ging. ZIB 2-Moderator Armin Wolf sieht im ÖVP-Social Media-Verhalten ein “Worst Practice-Beispiel für Seminare”.

Der Menasse-Post im Wortlaut:

Lieber Gernot Blümel, was meinen Sie mit „Wien wieder nach vorne zu bringen“? Was ist „vorne“? Wo ist dieses „vorne“? Wieso „wieder“? Das bezieht sich offenbar auf die Geschichte der Stadt – wann war Ihrer Meinung nach Wien „vorne“, und daran müsse man nun „wieder“ anschließen? Meinen Sie Zeit VOR dem roten Wien, als die Stadt einen antisemitischen Bürgermeister hatte, von dem Hitler lernte? Können Sie sich bitte konkret ausdrücken?
Ich möchte Sie an Folgendes erinnern: So gut wie alles, was Wien heute so lebenswert macht und international bewundert und von den Wienern geliebt wird, hätte es mit Christdemokratischer bzw ÖVP-Regierung nicht gegeben: Gemeindebauten, sozialer Wohnbau (und dadurch immer noch einigermaßen leistbares Wohnen), denn Christdemokraten haben nie gezeigt, dass sie in Wien bauen können oder wollen, sie haben nur gezeigt, dass sie in Gemeindebauten hineinschießen, weiters: es gäbe keine Fußgängerzonen (ich erinnere mich, wie die ÖVP schon gegen die erste Fußgängerzone, am Graben, mobilisiert hat), es gäbe keine U-Bahn (ich erinnere mich, wie die ÖVP gestänkert hat, dass mit der U1 jetzt Proleten in 10 Minuten in die City kommen können…), es gäbe keine Donauinsel (ich erinnere mich, wie die ÖVP dagegen mobilisiert hat, zum Glück hilflos!), es gäbe keine UNO-City und kein Konferenz-Zentrum (die ÖVP hat ein Volksbegehren gegen Wien als Internationale Metropole gestartet), und es gäbe keine Stadterneuerung (die ÖVP wollte, dass Hauseigentümer abreißen und demolieren können, wenn es Spekulantenprofit verspricht), und und und und – und Sie, Herr Blümel, wagen es, Wien schlecht zu machen und glauben im Ernst, dafür gewählt zu werden? Sie, als Vertreter einer Partei, die, zum Glück erfolglos, die Entwicklung Wiens zu einer lebenswerten und bunten Metropole bekämpft hat, wollen Wien in ein „vorne“ bringen, das Sie selbst nicht genauer definieren können, das aber nach allen Erfahrungen mit Ihrer Partei näher beim Mittelalter ist als bei den Bedürfnissen der Zeitgenossen. Als Finanzminister wurden Sie auffällig als einer, der sechs Nullen vergisst. Dann waren Sie nicht imstande, ein EU-Formular korrekt auszufüllen. Ich empfehle Ihnen zu schweigen.
Passt in diesem Fall besonders gut zu Mag. phil Blümel: Si tacuisses, philosophus mansisses.
Für alle Nichtlateiner: Soll heißen: Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben.
Danke Robert Menasse!
Update: 16:10: Der Artikel wurde durch die ÖVP-Stellungnahme gegenüber der APA ergänzt
(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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