Armenien und Aserbaidschan im Krieg

Völlige Eskalation

Am Sonntag kam es in der Grenzregion von Armenien und Aserbaidschan Berg-Karabach zu schweren Zusammenstößen. Nach Angaben der pro-armenischen Regionalregierung bombardierte Aserbaidschan die betroffene Region. Daraufhin rief Armenien das Kriegsrecht aus. Es handelt sich um die größte Eskalation seit Jahrzehnten.

 

Wien, 28. September 2020 | Die Region Berg-Karabach (Artsakh) gehört völkerrechtlich zwar zum islamisch geprägten Aserbaidschan, aber hat eine mehrheitlich armenische Bevölkerung und wird von Armenien kontrolliert. Seit 1994 herrscht in dem Gebiet offiziell Waffenruhe, die immer wieder gebrochen wurde. Nun hat der seit fast 30 Jahren andauernde Konflikt seinen Höhepunkt erreicht.

Verantwortung unklar

Russischen Nachrichtenagenturen gegenüber gab das aserbaidschanische Verteidigungsministerium bekannt, eine Militäroperation im stark verminten Niemandsland zwischen den zwei Staaten gestartet zu haben. Mittlerweile sind Tote und Verletzte gemeldet worden, darunter auch Zivilisten, die in der Region leben. Aufseiten Aserbaidschans wurden fünf zivilistische Todesopfer bestätigt, Armenien bestätigte zwei. 16 getötete Soldaten wurden auf armenischer Seite bestätigt, Aserbaidschan sprach nur von „mehreren toten Soldaten“. Gerüchten zufolge sind die Todeszahlen auf beiden Seiten bereits weit höher.

Generalmobilisierung in Armenien

Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan warnt im armenischen Fernsehen: „Wir stehen vor einem umfassenden Krieg.“ Er verkündete eine Generalmobilmachung der männlichen Bevölkerung, auch in Aserbaidschan gilt Kriegszustand mit Ausgangssperren. Bis zu 10000 armenische Männer hätten sich gemeldet, um an der Front ihr Land zu verteidigen. Der Premierminister Armeniens erklärt in einer Rede „keinen einzigen Millimeter Land und keinen einzigen Millimeter an armenischen Rechten“ aufgeben zu wollen.

Armenien mobilisiert seine Armee

Türkei – Russland

Währenddessen bekommt Aserbaidschan militärische Unterstützung von der Türkei, die das Verhalten Armeniens verurteilt und ihnen den Vorwurf macht, gegen internationales Recht verstoßen zu haben. Dem armenischen Verteidigungsministerium zufolge soll die Türkei Aserbaidschan mit 4000 Söldner aus Syrien ausgestattet haben, bestätigt sind diese Berichte nicht.

Transportiert die Türkei islamistische Söldner aus Syrien in das neue Kriegsgebiet? Diese Berichte sind bisher von keiner unabhängigen Quelle bestätigt.

Russland hat seit Anbeginn des Konflikts versucht, die Vermittlerrolle zu übernehmen, aber blieb aufgrund mangelnder Kompromissbereitschaft beider Seiten bisher erfolglos. Nun hofft das völlig verarmte Armenien, die Russen als Schutzmacht hinter sich zu haben.

Alter Konflikt

Seit dem Zerfall der Sowjetunion erheben beide Länder Anspruch auf das Gebiet und sind verfeindet. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, den Konflikt angefacht zu haben, obwohl der Angriff am Sonntagmorgen, der das Fass zum Überlaufen brachte, von Aserbaidschan gekommen sein soll. „Die gesamte Verantwortung dafür hat die militärisch-politische Führung Aserbaidschans.“, so die Sprecherin des armenischen Verteidigungsministeriums. Aserbaidschan weist die Anschuldigung zurück.

(nb)

Titelbild: APA Picturedesk

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