Redakteure mussten Positiv-Stories über Landesregierung schreiben

Bezirksblätter NÖ

Interne E-Mails die „profil“ und „Ö1“ vorliegen, zeigen ein fragwürdiges Bild. Bezirksblatt-Redakteure Niederösterreich mussten Positiv-Geschichten über Bauernbund und Landesregierung schreiben.

 

Wien, 05. Oktober 2020 | „Mit dem Bauernbund wurde eine Geschichte vereinbart, die in Kalenderwoche 9 erscheinen MUSS“. So lesen sich Dutzende interne Mails der Bezirksblatt-Chefredaktion Niederösterreich an die Redakteure, die dem „profil“ und dem Ö1-Magazin „doublecheck“ vorliegen. Das auflagenstärkste Print-Medium Niederösterreichs kennzeichnete laut „profil“ die Positiv-Stories über Politiker und Bauernbund nicht. Auch eine “Stoßrichtung”, welche der Artikel haben solle, sei genannt worden, etwa: “Wir stehen an der Seite der Bauern”.

“Internes Wording”

Der Bezirksblätter NÖ-Chefredakteur Christian Trinkl, der 2019 auch Mails an Redakteure geschickt haben soll, schrieb laut “profil”: „Die Obleute (des Bauernbundes, Anm.) sind gebrieft, dass wir die Geschichte mit ihnen machen und sollten euch genügend Info geben können.“. Trinkl dementierte aber gegenüber der APA, bestellte Texte wären jedenfalls gekennzeichnet. Bei den “Muss-Geschichten” handle es sich um ein “internes Wording”, so Trinkl.

Auch Geschichten über die Landesregierung sollen intern als „gebucht“ bezeichnet worden sein. In der Artikel-Serie über die Vorzüge der EU wurden nur die sechs ÖVP-Landesregierungsmitglieder, jedoch nicht die der FPÖ oder SPÖ interviewt. Das Büro von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sagte gegenüber „profil“: “Es gab keine finanzielle Gegenleistung.“

Presserat sieht “Irreführung”

Bezahlte Geschichten der ÖVP Niederösterreich gab es in den Bezirksblätter allerdings auch, heißt es. Die beiden Bezirksblätter-Chefredakteure hatten mehrere Diskussionsveranstaltungen in der ÖVP-Parteizentrale moderiert. Unter dem Titel „Politik und…“ wurden über die Facebook-Seite der Bezirksblätter die Gespräche zwischen Chefredakteuren und Politikern gestreamt. Im Hintergrund prangte das Zeitungslogo, ohne einen Hinweis auf die Werbepartnerschaft. Für den Presserat kommt diese Form ohne Kennzeichnung von Werbebeitrag „einer Irreführung“ für den Leser gleich.

Chefredakteur Trinkl meint dazu, man sei im Hinblick auf die geäußerten Vorwürfe auch gerne bereit, “mit dem Presserat zu kooperieren und alle Fragen, die diesbezüglich vom Presserat an uns herangetragen werden, auch zu beantworten.“ Trinkl sagt auch: “Mein Stand jetzt ist, dass wir uns nichts vorzuwerfen haben”, sagte er.

Laut Ö1-“Mittagsjournal” unterschrieben die Redakteure Jahreszielvereinbarungen: sollten genügend Anzeigen gebucht werden, gebe es für die Redakteure Prämien. Eine Praxis, die Trinkl verteidigt. Redakteure würden auf lokaler Ebene an sogenannten Advertorials – Werbetexten – für Kunden mitschreiben, sagt er zum “Standard”. Dies werde aber laut Trinkl als Werbung ausgewiesen und beeinträchtige die Berichterstattung nicht. Bei den Prämien handle es sich um einen niedrigen dreistelligen Betrag.

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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