Eugen Freunds Wahlbeobachtungen

Mr(s). Vice-President

Was ist los im US-Wahlkampf? Bis zur Präsidentschaftswahl am 03. November schreibt USA-Experte Eugen Freund wöchentlich über Tops, Flops und Trends. Zu lesen jeden Freitag bei ZackZack. Heute: Die Zweiten werden vielleicht die Ersten sein.

Wien, 09. Oktober 2020 | Die erste und letzte Debatte der Kandidaten für die Vizepräsidentschaft ist vorbei und eines lässt sich mit Sicherheit sagen: sie wird den Wahlausgang nicht wesentlich beeinflussen. Auch wenn im konkreten Fall diesen beiden Persönlichkeiten mehr Bedeutung zukommt, als bei (fast) jeder Wahl seit 1945 – ihre Chefs sind deutlich älter als sie. Die Chance, oder besser: die Gefahr, dass einer der beiden (Trump ist 74, Biden 78) die nächste Legislaturperiode nicht durchsteht, ist zumindest größer, als bei irgendeinem ihrer Vorgänger.

Okay, das Alter (oder die Jugend) ist auch keine Garantie zum Überleben. Am 22. November 1963 wurde der damals jüngste US-Präsident, John F. Kennedy, in Dallas, Texas, erschossen. Er war zu dem Zeitpunkt 46 Jahre alt, jünger als Barack Obama. Kennedys Vizepräsident, Lyndon B. Johnson, war neun Jahre älter als er. Ronald Reagan war am Ende seiner Amtszeit deutlich älter als Trump und gleich alt wie Biden jetzt, litt aber bereits an der Alzheimer-Krankheit (etwas, das vom Weißen Haus, so gut es ging, kaschiert wurde.)

Eine Frau als Vize? Gab’s auch noch nie

Kamela Harris ist erst die dritte weibliche Vizepräsidentschafts-Kandidatin seit 1945 (vorher hat es ohnehin keine gegeben.) Geraldine Ferraro schrieb 1984 Geschichte, als Walter Mondale sie im Kampf gegen Ronald Reagan’s zweite Amtsperiode aufstellte. Sie war eine Kongressabgeordnete aus New York, hatte also den Stallgeruch des Establishments. (Das Team Mondale/Ferraro verlor katastrophal: ein einziger Bundesstaat war auf ihrer Seite , 525 von 538 Wahlmännern stimmten für Reagan). Nicht viel besser ging es Sarah Palin, die die erste republikanische Vize hätte werden sollen, als sie 2008 gemeinsam mit dem hochangesehenen Senator John McCain gegen das Team Barack Obama/Joe Biden antrat. Obama streifte 365 Wahlmänner ein, McCain nur 173.

Pence als Aushilfs-Trump

Jetzt also unternimmt der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden den dritten Versuch. Nach der Debatte steht zumindest so viel fest: Fehlgriff ist sie keiner. Mike Pence wiederum ist ein gewiefter alter Hase. Dennoch war es erstaunlich zu sehen, wie sehr er sich zum Fuß-Soldaten des Präsidenten entwickelte: keine Lüge von Donald Trump, die er nicht auch wiederholte („Die Gesundheit der Amerikaner stand immer an erster Stelle in den Handlungen des Präsidenten“) und auch er selbst hielt es mit der Wahrheit nicht immer so genau: „Wir werden weiterhin auf die Wissenschaft hören, wenn es um den Klimawandel geht.“ Offensichtlich strahlt die Persönlichkeit des Präsidenten auf seine Mitarbeiter ab. Das konnte man auch bei Trumps Leibarzt erkennen, der jeder spezifischen Frage zum Zeitpunkt der Infektion auswich. Fazit: wenn man in seinem Dunstkreis steht, schwurbelt man herum wie Donald Trump, oder man hält es mit ihm nicht aus, wie das bisher über 400 Personen getan haben.

8 Jahre zum Erbrechen?

Chris Rock, der US-amerikanische Schauspieler und Komödiant, stellte bei seinem Auftritt auf „Saturday Night Live“ die nicht unberechtigte Frage: „In welchem Beruf kann man sich vier Jahre halten, egal was man angestellt hat? – Nehmen wir einen Koch als Beispiel. Stellen Sie sich vor, der kocht so, dass die Leute jeden Tag erbrechen. Da kann man ja auch nicht sagen: Sein Vertrag läuft für vier Jahre, jetzt müssen wir halt vier Jahre erbrechen!“ Oder sogar acht Jahre. Denn trotz der guten Umfragen hat Joe Biden die Wahl noch nicht gewonnen. Gerade die (überstandene?) Corona-Erkrankung spielt Trump wieder in die Hände. Seine Anhänger wittern Morgenluft – ihr Kandidat ist so stark, dass er sogar eine tödliche Krankheit überwinden kann. Abgesehen davon, dass die Trump-Anhänger – und er selbst – ohnehin zur Gruppe jener gehören, die die Gefährlichkeit der Krankheit leugnen. Doch diesen Widerspruch lassen sie gerne beiseite.

Auch die Latinos in wichtigen Bundesstaaten wie Arizona oder Florida sind nach Meinungsumfragen von Joe Biden weniger begeistert, weil – so schreibt Thomas B. Edsall in der „New York Times“ – sie sich der Gruppe von „Farbigen“ („people of color“, wie sie Biden nennt) nicht zugehörig fühlen.

Und schließlich kommt noch das leidige Problem der Briefwähler hinzu – in dieser Gruppe haben immer schon die Demokraten dominiert. Doch genau diese Briefwähler diskreditiert Donald Trump ständig – wenn das Ergebnis knapp ausfällt, wird er es, wie er nicht müde wird anzukündigen, beeinspruchen.

Das leidige Problem mit der Wählerregistrierung

Um in den USA wählen zu dürfen, muss man sich registrieren. Das machen republikanische Behörden vor allem potentiellen demokratischen Wählergruppen schwer, in dem sie Papiere verlangen, die die oft nicht haben, etwa einen Pass. Es gibt keine Meldezettel, wie wir sie gewohnt sind. Oft genügt ein Brief des Strom- oder Wasserversorgers, mit der man dann seinen Wohnsitz nachweisen kann. In den wahlentscheidenden Bundesstaaten Pennsylvania, Wisconsin und Michigan haben sich bis Ende August 6 Prozent mehr Wähler registrieren lassen, doch auf der Seite der Demokraten ist gleichzeitig ein Rückgang von 38 Prozent gegenüber 2016 zu bemerken. Keine gute Entwicklung für Joe Biden, der sich gerne als ein glaubwürdiger Vertreter der Arbeiterklasse sieht. Im Moment scheint es jedoch, dass sich Trump mit seinem erratischen Verhalten als Corona-Erkrankter mehr Schaden zufügt als Nutzen.

Titelbild: APA Picturedesk

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