Eine schallende Ohrfeige für Türkis

Kommentar

Und wenn sich die bürgerlichen Medien noch so sehr verrenken: In Wien erlebte die türkise Bewegung ihre erste schmerzhafte Niederlage. Kommentar von Thomas Walach

Wien, 12. Oktober 2020 | Stellen wir uns einen Moment lang vor: Rapid erreicht das Achtelfinale der Champions League. Jubel, Trubel, allgemeine Heiterkeit außerhalb Favoritens. Im Achtelfinale scheiden die Hütteldorfer dann aus. Macht nichts, ein wirklich toller Erfolg.

Jetzt denken wir uns vor, den Bayern passierte dasselbe. Wehklagen, Schuldzuweisungen, die „Bild“ drei Tage lang voller Jammern und Häme.

Eine Frage der Verhältnisse

Sieg und Niederlage sind eine Frage der Verhältnisse. Die Neue ÖVP hat nach rund drei Jahren ihres Bestehens gerade ihre erste schlimme Niederlage eingefahren. Knapp 19 Prozent in Wien – das ist für die türkise Startruppe eine Ohrfeige, die bis nach Vorarlberg schallt. „Türkis hat sich fast verdoppelt“ – man hat die Stimme Peter L. Eppingers förmlich im Ohr. Das stimmt. Wenn man das Ergebnis mit dem vollständigen Desaster von 2015 vergleicht. 2005 hatte Gio Hahn knapp 19 Prozent erreicht, 2010 schafften die Schwarzen immer noch 14 Prozent. Im Bund steht die Neue Volkspartei laut Umfragen bei rund 40 Prozent – das zur Einordnung.

Noch im Sommer sagten Umfragen den Türkisen 25 Prozent voraus. Eine mögliche Koalition aus ÖVP, Grünen und Neos stand mit 47 Prozent an der Schwelle zur Mandatsmehrheit. Die ÖVP setzte sich zum Ziel, die Sozialdemokratie vom Bürgermeistersessel zu stoßen und entweder Blümel oder notfalls Hebein hinaufzuhieven.

Wahlziel meilenweit verfehlt

Von diesem Ziel ist die ÖVP heute so weit entfernt, dass uns schon die Vorstellung lächerlich vorkommt. Aber noch vor drei Monaten glaubte Türkis, der österreichischen Sozialdemokratie in Wien das Rückgrat brechen zu können.

Wenn sich nun nach der Wien-Wahl dank der befremdlichen Einladungspolitik des ORF eine Runde von drei bürgerlichen Chefredakteuren zusammensetzt und vom Erfolg der ÖVP fantasiert, ist das schlicht meschugge.

Zwei Drittel der FPÖ-Wähler waren zu haben, doch trotz strammen Rechtsaußenkurses konnte die ÖVP nur vergleichsweise wenige gewinnen (dasselbe gilt im Übrigen für die SPÖ mit ihrem Anspruch, Wiens Arbeiter zu vertreten). Der ÖVP-Spitzenkandidat ist in der Bundeshauptstadt unbeliebt. Wie unbeliebt, zeigen Nachwahlbefragungen. Nur 10 Prozent der deklarierten ÖVP-Wähler nannten Blümel als wichtigstes Wahlmotiv. Zum Vergleich: Der alte neue Bürgermeister Michael Ludwig erzielte einen doppelt so hohen Wert. Dafür erklärten 20 Prozent jener, welche die ÖVP diesmal nicht mehr gewählt hatten, es läge gerade an Blümel.

Die gähnende Leere hinter Kurz

Der Neuen ÖVP bereitet dieser Umstand gewiss Sorgen. Blümel gilt als rechte Hand von Kanzler Kurz. Dass schon die Nummer Zwei der Türkisen so unbeliebt ist, zeigt: Bei der Neuen Volkspartei herrscht hinter Kurz gähnende Leere. Türkis hat das politische Wohl und Wehe von Parteien, die nur auf den Frontmann ausgerichtete sind – Haiders BZÖ, die Liste Pilz, das Team HC Strache – vor Augen. Solche Bewegungen sind keine dauerhaft maßgeblichen politischen Kräfte. Es sind Strohfeuer.

Das Feuer der Neuen ÖVP brennt noch hell. Aber schon die Gemeinderatswahlen in Vorarlberg haben gezeigt, dass Türkis nicht unbesiegbar ist. Und in Wien hat die Bewegung gerade ihre erste wirklich schmerzhafte Niederlage eingefahren. Daran kann auch die Jubelberichterstattung linientreuer Medien nichts ändern.

Titelbild: APA Picturedesk

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