Söder-Beben

Corona-Posterboy kassiert Einlauf von Epidemiologen

Markus Söder wurde vielfach für sein beherztes Corona-Management gelobt. Doch das Bild des souveränen bayrischen Löwen bekommt erste Risse. Nach dem letzten Testchaos bekommt der Ministerpräsident nun eine ordentliche Ansage vom Chef eines Gesundheitsamtes.

 

Wien, 22. Oktober 2020 | Markus Söder (CSU) war bis vor kurzer Zeit in Bayern das, was Sebastian Kurz (ÖVP) in Österreich lange nicht mehr ist: der Corona-Kapitän, der das Schiff durch die Krise lenkt. Seit Monaten wird er deshalb als aussichtsreichster Kanzlerkandidat der Union und damit Nachfolger von Angela Merkel gehandelt. Doch auch in München herrscht langsam Götterdämmerung.

Nach dem Testchaos im August (fast 1.000 infizierte Reiserückkehrer, viele warteten ewig auf die Testergebnisse), prescht jetzt ein Epidemiologe vor und kritisiert den Ministerpräsidenten scharf. Brisant: der Experte ist Chef eines bayrischen Gesundheitsamtes.

„Über die Erkrankten wissen wir nichts“

Friedrich Pürner leitet das Gesundheitsamt Aichach-Friedberg im bayrischen Schwaben. Dem „Münchner Merkur“ gab er heute ein bemerkenswertes Interview. Der Facharzt und Epidemiologe hält die bayrische Corona-Strategie schlichtweg für falsch.

„Auch wenn ich möglicherweise meine Beamten-Karriere aufs Spiel setze“,

sagte Pürner, der die Fixierung der Politik auf die Summe der positiv Getesteten für wenig sinnvoll hält.

„Über die Erkrankten wissen wir nichts. Würde die Zahl der Schwerkranken signifikant steigen, müssten wir was unternehmen. Aber gehandelt wird derzeit nur, weil wir lediglich positive Befunde haben. Entscheidend für uns Epidemiologen ist: Wie krankmachend ist eine Erkrankung?“

Hier gehe es vor allem auch um mögliche Folgeschäden und ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen.

Nicht Ängste schüren, sondern Zuversicht geben

Doch die Coronapolitik drehe sich vor allem um das Ampelsystem und Inzidenzwerte, die willkürlich gewählt seien. „Man weiß nicht, wie viele Personen Symptome haben und krank sind.“ Pürner fordert einen maßvollen Weg in der Coronapolitik. Statt Ängste schüren, sollte Zuversicht geben im Mittelpunkt stehen.

Im Hinblick auf Schüler betont er die Verantwortung der Lehrer bei der Aufklärung: „Lehrer sollten das Thema Hygiene behandeln. Damit Schüler Händewaschen, Einmal-Handtücher verwenden, nicht Hände schütteln, auf Abstand gehen, wenn sie rotzen oder husten und dass sie etwa bei starker Erkältung oder Fieber zuhause bleiben. Wenn ich Herrn Piazolo (bayrischer Kultus- und Unterrichtsminister, Freie Wähler, Anm.) beraten dürfte, würde ich ihm sagen: Lassen Sie die Schulen offen, befreien sie die Schüler vom Mundschutz, lassen Sie lüften, aber nicht andauernd. Wir brauchen Lehrer mit Zuversicht. Lehrer, die sagen: Wir kriegen das hin.“

Kritik an neuer Ampelfarbe

Bayern hat derzeit mit einer kritischen Corona-Situation zu kämpfen. Für das Berchtesgadener Land, direkt in Grenznähe zum Salzburger Land, wurde eine Ausgangssperre verhängt. Derweil kündigte Ministerpräsident Markus Söder am Mittwoch eine „dunkelrote Warnstufe“ an. Dafür kassierte er vom Deutschen Städtetag Kritik: man dürfe die Akzeptanz der Bevölkerung in Maßnahmen nicht verspielen. Das Regelsystem müsse verständlich sein, hieß es.

Auch die Opposition sieht die neue Farbe skeptisch: „Eine Ampel mit vier verschiedenen Farben ist problematisch. Kein Mensch weiß dann im Prinzip, woran er ist“, so die Kritik von Horst Arnold (SPD-Fraktionschef) im Radiosender „Bayern 2“.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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