Eugen Freunds Wahlbeobachtungen

“60 Minutes” Trump

Was ist los im US-Wahlkampf? Bis zur Präsidentschaftswahl am 03. November schreibt USA-Experte Eugen Freund wöchentlich über Tops, Flops und Trends. Zu lesen jeden Freitag bei ZackZack. Heute: “60 Minutes” Trump

Wien, 23. Oktober 2020 | Es sind schon 34 Jahre her, doch ich erinnere mich noch gut: das Team von „60 Minutes“ baute mein Wohnzimmer in Wien zu einem TV-Studio um. Seit 1968 gehörte dieses Fernsehmagazin zu den angesehensten Programmen des amerikanischen investigativen Journalismus: angesehen auch im Sinne von meist gesehen.

Mike Wallace war damals (und bis 2006) der Chefreporter und Chefinterviewer dieser Sendung. Meist teilten sich diese knappe Stunde vier Redakteure auf: „I’m Mike Wallace, I’m Morley Safer, I’m Harry Reasoner, and I’m Andy Rooney.“ So begann die Signation während meiner Zeit in New York in den 1980er Jahren. Und Mike Wallace saß nun bei mir im Wohnzimmer und interviewte Axel Corti (warum das Gespräch ausgerechnet bei mir und nicht in der – da bin ich mir sicher – viel schöneren Wohnung der Cortis aufgenommen wurde, weiß ich heute nicht mehr.) Wallace war natürlich wegen Kurt Waldheim nach Wien gekommen, um die Geschichte des ehemaligen Nazi-Mitläufers, der nun österreichischer Bundespräsident werden wollte, für seine Seher aufzubereiten. Von Axel Corti und meiner Wohnung war im fertigen Beitrag nichts zu sehen. Es war nicht das erste Interview, das der Schere zum Opfer gefallen ist.

Trump führt Regie

Was das alles mit dem amerikanischen Wahlkampf zu tun hat, werden Sie jetzt vielleicht fragen. „60 Minutes“ gibt es immer noch und es löst immer noch Kontroversen aus: diesmal, weil Donald Trump interviewt wurde und ihm die Fragen so missfielen, dass er das Gespräch abrupt beendete. Danach drohte der Präsident, selbst Teile des Interviews zu veröffentlichen um zu beweisen, wie unfair die Fragen waren. Und das tat er auch, auf seinem Facebook Kanal. Da sind ihm Zig-Millionen Zuseher sicher, etwa so viele, wie auch „60 Minutes“ jede Woche hat – mit einem großen Unterschied: seine Follower auf den Sozialen Medien befinden sich mehrheitlich in der Trump-„Bubble“, während konventionelles Fernsehen ein gemischtes Publikum hat. Was Trump von den traditionellen Medien hält, weiß man mittlerweile ohnehin: weil sie ihm kritisch gegenüber stehen, nennt er sie (mit Ausnahme der rechtskonservativen „Fox News“) „Fake News“ oder „Lügner“, aber er kann nicht umhin, dort auch aufzutreten.

„Es ist nicht Ihre Schuld!“

Die letzte TV-Konfrontation in der Nacht zum Freitag war so eine Gelegenheit. Beim ersten Mal ging für den Präsidenten alles schief, was schief gehen konnte. Sein rüdes Verhalten, sein ständiges Unterbrechen schadete ihm mehr als es ihm nützte. Umso gespannter war man, wie Trump mit seiner allerletzten Chance umgehen würde, ob er sich (finally) als würdiger Hausherr des „White House“ erweisen würde. Immerhin rang er sich gegenüber seinem Konkurrenten Joe Biden ein „Es ist nicht ihre Schuld“ ab, als es um COVID-19 und die desaströsen Folgen für die US-Bevölkerung ging. (Schuld ist, nach Trump, natürlich China).

Das war freilich das einzige Mal, dass er Biden nicht für etwas verantwortlich machte. Ob es nun ein gescheitertes Gesundheitssystem ist, die Transformation von Erdöl zu nachhaltiger Energie, die Rassenkonflikte, das Problem der Einwanderung – immer drehte Trump den Spieß um und schob Biden (oder gelegentlich seinem Vorgänger Barack Obama) für die Fehlentwicklungen die Schuld zu. Dass er sich dennoch in Widersprüche verwickelte, fiel nicht einmal der Moderatorin auf. Immer wieder warf er Biden vor ein „Do-Nothing-Politiker“ zu sein, aber dennoch – durch seine Aktionen – großen Schaden angerichtet zu haben. Beides geht eigentlich nicht. Trotz allem war es diesmal eine viel diszipliniertere Auseinandersetzung: dabei half, dass die Moderatorin Kristen Welker einen Knopf benützte, mit dessen Hilfe sie das Mikrofon des jeweiligen Zuhörers (und potentiellen Zwischenrufers) ausschalten konnte.

Donald, der Faserschmeichler

Offenbar hatte sich der Präsident aber auch vorgenommen, nicht noch einmal als Rabauke aufzutreten. Gewonnen, oder besser: verloren hat keiner. Und, so betrachtet, war eher Trump der Gewinner der Debatte. Er könnte die paar hunderttausend Unentschlossenen, die es tatsächlich noch gibt, und die den Ausschlag geben, positiv beeinflusst haben. Dazu kommt noch, dass in einigen der Staaten, die maßgeblich sind für Erfolg oder Misserfolg (die sogenannten „Swing States“) die Republikanische Partei sehr erfolgreich Wähler dazu brachte, sich einschreiben zu lassen, oft um vieles erfolgreicher als die Demokraten. Freilich: einschreiben heißt noch nicht, dass diese Wähler auch tatsächlich ihre Stimme abgeben.

Ein weiterer, nicht unerheblicher Aspekt: die Sozialen Medien. Donald Trump verfügt hier über einen großen Vorsprung. Laut einer Erhebung von CrowdTangle verzeichnet die Facebook-Seite von Trump in den vergangenen 30 Tagen 130 Millionen  Reaktionen, während es bei Joe Biden nur magere 18 Millionen waren. Gerade weil das Rennen in einigen wichtigen Bundesstaaten so knapp ist, kommt es auf jede Beeinflussung an: eine Eintragung im Facebook-Account, ein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung, eine Schmähung bei der TV-Debatte, ein abgebrochenes Fernsehinterview. Für eine Gruppe kommt das allerdings alles ohnehin zu spät: für jene rund 50 Millionen AmerikanerInnen, die ihre Stimme bereits in den Wochen vor dem Wahltermin abgegeben haben. Sie hatten sich schon entschieden, komme, was wolle.

Titelbild: APA Picturedesk

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