Mobil-Klo statt Foodtruck

Magistrat findet WC einfach schöner

Die Idee war gut: Regionale Produkte vor dem Wegwerfen retten, lokale Gastronomen vernetzen und Arbeitsplätze sichern. Die Geschäftsführer des Nachtclubs “SASS” wollten auf einen Foodtruck am Wiener Karlsplatz umrüsten. Doch das Magistrat schob der Idee aus ästhetischen Gründen einen Riegel vor. Jetzt steht dort ein Toilettenhäuschen.

Wien, 02. November 2020 | Vor allem Clubbetriebe leiden stark unter den Corona-Einschränkungen. Jegliche Hoffnung für eine Wiedereröffnung ist erst einmal begraben, die Wiener Clubkultur steht vor ungewissen Zeiten. Somit musste auf Alternativen umgestiegen und umstrukturiert werden.

Der Musikclub „SASS“ am Karslplatz wollte deshalb bereits Ende März auf einen Foodtruck umsteigen. Mit regionalen Produkten sollten so auch Kleinbauern unterstützt werden. Speis und Trank unter freiem Himmel hätten die Geschäftsführer des Clubs auch zum Mitnehmen angeboten. Alle Anlaufstellen gaben das OK – allein die MA46 stimmte dagegen. Grund: Der Foodtruck passe nicht ins Stadtbild. Außerdem werde dadurch ein Fahrradweg gestört. Doch Monate nach der Absage steht auf demselben Platz ein eher unschönes Toilettenhaus.

Magistrat lehnt ab…

Die Geschäftsführer des Nachtclubs Gregor Imhof und Sebastian Schatz arbeiteten bis ins letzte Detail ein Konzept aus. Genehmigungen wurden ausgestellt, es stand dem „Foodtruck am Karlsplatz“-Projekt eigentlich nichts mehr im Wege – bis sich die Magistratsabteilung 46 (Verkehrsorganisation und technische Verkehrsangelegenheiten) kurz vor der Zielgeraden in den Weg stellte.

Der Standort Karlsplatz wäre für den Foodtruck im Bereich Resselpark und Karlsplatz in unmittelbarer Nähe des jetzt geschlossenen Clubs gestanden – wäre da nicht der negative Bescheid. Die Begründung des Magistrats: In dem Bereich gäbe es genug gastronomische Betriebe und der Foodtruck passe nicht zum Stadtbild.

Die Geschäftsführer ließen sich davon nicht klein kriegen:

“Wir kennen ja unsere Stadt – und gingen ins Detail. Wir sortierten die einzelnen Plätze nach den unterschiedlichen Zuständigkeits- und Einflussbereichen und kamen so zu einer öffentlichen Fläche vor der Karlskirche, welche uns auch als Standort sehr attraktiv erschien”,

schreiben sie in einem Facebook-Beitrag.

…Karlskirche stimmt zu

Sie setzten sich mit der MA 36 (Gewerbe- Elektro-, Gasangelegenheiten, Feuerpolizei, Veranstaltungswesen) und der Karlskirche in Verbindung. Vertreter der Karlskirche wollten den Foodtruck sogar mit Wasser und Strom versorgen. Von der MA 36 erhielten sie unterstützende Pläne und praktische Anregungen. Auch die angrenzende Technische Universität Wien zeigte sich einverstanden.

Imhof und Schatz beantragten daraufhin eine Begehung und forderten Stellungnahmen. Die Kommunikation mit der MA 42 und 46 erwies sich laut Imhof als mühselig und schwierig.

“Das Zusammentreffen mit dem Vertreter der MA 46 entpuppte sich als hochgradig unangenehm. Wir erschienen mit einem Ziviltechniker und unserem Elektriker, um etwaige technische Fragen zu erörtern und trafen auf einen sichtlich genervten jungen Mann.“

Der ausgewählte Standort des Foodtrucks würde laut Vertreter der MA46 den (nicht gekennzeichneten) Fahrradweg behindern und man außerdem „so oder so verantwortungslos handeln würde, wenn man diesen Raum bewirtschaften wolle“, da hier auch die einzige Zufahrt für Einsatzfahrzeuge jeder Art wäre.

Statt Foodtruck lieber Toilettenhaus

Mit großer Verwunderung stellten Imhof und Schatz circa drei Wochen später fests, dass an exakt der von ihnen angesuchten Stelle nun eine öffentliche Toilette steht. Diese ist weitaus größer als der angedachte „Foodtruck“ und noch dazu mit einem Bauzaun versehen. Darüber hinaus wurde eine fünfzehn Meter lange Kabelkbrücke verlegt, die die “SASS”-Geschäftsführer laut eigenen Angaben vermieden hätten. Diese kreuzt den gesamten, nicht gekennzeichneten Radweg und würde jedes Einsatzfahrzeug bis zum Stillstand ausbremsen.

Auf dem Bauzaun am WC-Container steht groß „BAU KEINEN MIST“! Das passt anscheinend zum Stadtbild. / Fotos: Gregor Imhof

Die MA 46 hat auf Anfrage noch keine Stellungnahme abgegeben.

Die Ursprungsidee: Nachhaltigkeit, Arbeitsplatzsicherung und Verwertungskette schließen

Unter Berücksichtigung der Corona-Maßnahmen hatten Imhof und Schatz den Imbisswagen bei einem oberösterreichischen Familienunternehmen gefunden. Dieser sei ein sehr schöner und repräsentativer Oldtimer, vollrenoviert und modernisiert. Durch das Projekt wollte man unter der Federführung eines befreundeten Koches lokale und befreundete Gastronomiebetriebe unterstützen. Zusätzlich sollten Waren, welche sonst verderben würden, verwertet werden, um gute Produkte vor dem Wegeschmeißen zu retten.

Im Falle eines Lockdowns gäbe es kein Problem, die Ware als “Take-Away” zu verkaufen. Wiener Winzer und Brauereien seien laut Imhof bereits im Konzept eingebunden und bereit, das Projekt zu unterstützen.

“Wir warten jetzt auf ein Telefonat mit dem Wiedener Bezirksvorstand. Auch ein Anwalt möchte sich für uns einsetzen. Letztendlich hatten wir Glück im Unglück: Wäre das Toiletten-Haus nicht aufgestellt worden, hätten wir keine Mittel gehabt, uns gegen die Meinung des Magistrats durchzusetzen,”

so Imhof gegenüber ZackZack.

Die Frustation aufseiten der Geschäftsführer ist hoch. Gastronomische Betriebe mussten sich in den letzten sieben Monaten umstrukturieren und detaillierte Corona-Fahrpläne austüfteln. Jetzt wartet man auf eine Reaktion des Magistrats. ZackZack bleibt dran.

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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