Die Nacht, die kein Ende nehmen will

Kommentar von Eugen Freund

USA-Experte Eugen Freund ordnet die dramatische US-Wahlnacht exklusiv auf ZackZack ein. Auf was es jetzt ankommt.

Wien/Washington, 04. November 2020 | Jetzt liegt es an beiden – und an Biden: wenn er nicht die traditionelle Ansprache hält, in der er auf das Präsidentenamt verzichtet – und das kann er nur, wenn sich Trump tatsächlich durchgesetzt hat – dann gibt es ein Patt. Denn von Donald Trump ist eine „Concession-Speech“ nicht zu erwarten. Er kündigte noch in der Nacht an, dass er a.) ohnehin gewonnen hat und b.) diesen Sieg notfalls auch mit Hilfe des Obersten Gerichtshofes durchsetzen will. Ob er sich mit dem Satz: „We want all voting to stop“ nur versprochen oder wirklich gemeint hat, um 2 Uhr 30 in der Früh würden noch Menschen zur Wahlurne vorgelassen, bleibt unklar, wie so vieles nach der Nacht, die kein Ende nehmen wollte.

Dabei war die Welt für Joe Biden um 8 Uhr am Abend noch in Ordnung: Auszählungen im Bundesstaat Florida zeigten fast überall, dass seine Gewinne höher ausfielen als die von Hillary Clinton vor vier Jahren. Genau das hatte er sich erhofft. Dann kamen die Zahlen vom südlichen Bezirk Miami-Dade: plötzlich war der Vorsprung verschwunden, gerade dort, wo besonders viele Wähler lebten. Und umgekehrt schnitt Trump in den ländlichen Bezirken besser ab als erwartet. So schnell, wie sich Florida als Trophäe Bidens heraus kristallisierte, so schnell war sie dann auch wieder seinen Händen entschwunden.

Kein moralischer Sieger

Wenn er gewinnt, wird es nur ein politischer, nicht ein moralischer Sieg: gegen diesen Präsidenten, der das Land wie kaum ein Vorgänger zuvor gespalten hat, der die Pandemie lächerlich machte und so über 230.000 Tote zuliess, der eine an sich blühende Wirtschaft in den Abgrund fuhr, der die Medien diskreditierte und den Rassenhass schürte, gegen so einen Amtsinhaber nur – wenn überhaupt – mit Ach und Krach zu siegen, ist ein Armutszeugnis. Zuallererst für die Demokratische Partei. Wie konnte man es sein, dass ein zwar reputierlicher, aber doch farbloser, 77-jähriger weisser Mann die beste Wahl gegen einen 74-jährigen Demagogen sein sollte? Selbst wenn man immer behauptet, genau dieser Gegensatz zu Donald Trump sei der Trumpf, der Biden ausmache, so kann doch niemand behaupten, unter den Demokraten hätte es nicht einen schillernderen Kandidaten gegeben. OK, spilled milk, zu spät, und vielleicht schafft er es ohnehin doch noch.

Wenn er gewinnt, wird Joe Biden wohl nur knapp über die notwendigen 270 Wahlmänner kommen – und Donald Trump wird das mit allen Mitteln beeinspruchen. Helfen soll ihm dabei der Oberste Gerichtshof, der – wie praktisch – in seiner Amtszeit durch seine Auswahl mittlerweile mit einer soliden, konservative Mehrheit ausgestattet ist. Nur: wie das genau funktionieren soll, ist noch offen. Zum jetzigen Zeitpunkt wird weiter gezählt, unter der Aufsicht der Wahlbehörde, die aus Republikanern und Demokraten besteht, in einigen Bundesstaaten, wie etwa dem kritischen Pennsylvania, kann das noch ein paar Tage dauern. Dass hunderttausende Stimmen einfach unter dem Tisch fallen sollen, ist schwer nachvollziehbar. Bis also das Oberste Gericht einschreitet, wird wohl ein Ergebnis – vielleicht nicht überall, aber doch in den meisten Bundesstaaten – feststehen. Und dann wird es auch den Obersten Richtern schwerfallen, den Sieg Bidens einfach für Null und Nichtig zu erklären. Doch wenn am Ende doch Trump zum Sieger erklärt wird (nicht vom Gericht, sondern von den Wählern und Wählerinnen) dann bleiben uns weitere vier Jahre erratischen und irrationalen Verhaltens, dessen einzige Konstante darin besteht, dass er so weitermachen wird wie bisher. Man müsste also auf einiges gefasst sein.

Titelbild: APA Picturedesk

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