Seilbahn-Zensurversuch geht nach hinten los

Ischgl-Blues

Der Satiriker und Musiker Marcus Hinterberger nahm die Tiroler Ski-Lobby aufs Korn. Daraufhin versuchte die Seilbahnwirtschaft den Musiker unter Druck zu setzen. Der Zensurversuch ging aber in die Hose.

 

Wien, 26. November 2020 | Nachdem Ischgl im Februar zum Infektionscluster Österreichs wurde, ist man in der Tiroler Gemeinde bemüht, den Ruf zu retten – auch mit fragwürdigen Methoden. Der Musiker Marcus Hinterberger legte den Finger in die Ischgler Wunde. Der Salzburger parodierte den Tiroler Ski-Tourismus in seinem Song “Ischgl Blues”. Hinterberger hatte bereits des Öfteren die österreichische Politiklandschaft auf die Schaufel genommen, Ibiza-Video und Corona-Management inklusive. Der Ischgler Bevölkerung gefiel Hinterbergers Blues gar nicht, es setzte massenweise primitive Kommentare auf Youtube und Facebook.

Der 20-Jährige singt im Video mit Gitarrenbegleitung Zeilen wie: „Ka Mensch will mehr nach Ischgl und scho goar ka Après Ski. Und die Umsätz´ von der Bergbahn, die san a nu dahi“ oder “Mei Vater, der war Bauer, aber i bin Hotelier”, oder “Also sitzen ma in da G’meinde und überleg’n die Strategie, und auf oanmal kimmt’s ma g’schoss’n, mir mach’n Luxus-Après-Ski.”

Seilbahner sorgen für PR-Chaos

Hinterberger nahm nach zahlreichen Wut-Kommentaren das Video wieder herunter, der mediale Aufschrei hielt sich bis dahin in Grenzen. Doch dann bliesen die Seilbahner zum Angriff. Die beiden Vorstände der Silvretta Bergbahnen AG, Markus Walser und Günther Zangerl, schrieben Hinterberger einen Brief. Zwar versuchte man es selbst mit satirischem Handwerk zu Beginn des Briefes (So bot man Hinterberger einen Posten als Seilbahnvorstand an, Erfahrung brauche er lediglich im „Porschefahren“ und „Geldausgeben beim Apres-Ski“). Allerdings änderte sich der Ton des Schreibens im Verlauf schnell. “Ob es sich dabei um tiefgründige Satire handelt oder um das niveaulose ‘Werk’ eines in seinen Aussagen schlicht primitiven und im Übrigen nicht einmal sonderlich witzigen Möchtegernkünstlers, tut dabei nichts zur Sache.”

“Wir leben doch in keiner Tourismusdiktatur”

Die Aktion der Seilbahner ging allerdings nach hinten los. Hinterberger stellte seinen Song nach dem Brief nämlich wieder online – mittlerweile mit fast 200.000 Aufrufen, Medienberichte über das PR-Desaster inklusive.

An die Seilbahnvorstände richtete sich Hinterberger via „Standard“: “Wir leben doch in keiner Tourismusdiktatur”. Auf Facebook fügte er zudem noch ein paar Zeilen Richtung Ischgl an:

„Wer sitzt im Gemeindehaus und flucht im Reigen,

es ist der Vorstand, er schickt ein Schreiben.

Er wütet, er fluchet, er haust am Gescheh’n,

je mehr er sich aufregt, desto mehr wollen’s seh’n.

Und wenn mal ein G’scheiter sagt, jetzt ist es mir klar,

schreibt seine Schwester den Wutkommentar.

So ist das, wenn man wohlbekannt

und jedes Amt mit sich verwandt.

Der Vorstand schreibt in seinem Brief,

ich sei nicht witzig, primitiv,

dass mein Lied auch nicht bedeutsam wär

und prompt hat’s 100 Tausend Klicks und mehr.

Die Erkenntnis, die da bleibt

und die ärgert sie so sehr:

Geld kann vieles, KUNST KANN MEHR.“

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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