Massentest-Chaos während Massensterben in Pflegeheimen

Freiwillige Feuerwehr soll jetzt Tests übernehmen

Die täglichen Corona-Todeszahlen Österreichs haben den schwedischen Höhepunkt vom Frühjahr erreicht. In den Pflegeheimen wütet das Virus, aber das Land ist mit dem Massentest-Chaos des Kanzlers beschäftigt. Während die Slowakei den Plan wieder fallen lässt, mobilisiert die Regierung die freiwillige Feuerwehr.

Wien, 27. November 2020 | Eines hat der Kanzler geschafft: Das Land redet über die Massentests anstatt darüber, wie sehr Covid-19 aktuell in den Pflegeheimen Österreichs wütet. Über 100 Menschen sterben gerade pro Tag in Österreich an oder mit Corona. Österreich Covid-Todeszahlen sind aktuell so hoch, wie sie in Schweden (kein Lockdown, keine Maskenpflicht) maximal am Höhepunkt der Pandemie im März waren.

Schutz von Pflegeheimen gescheitert

Alleine am Mittwoch sind 57 Bewohner von Pflegeheimen verstorben. Über 40 Prozent der Corona-Toten Österreichs lebten dort. Aktuell sind fast 1.000 betagte Menschen in steirischen Pflegeheimen infiziert, in Oberösterreich und Salzburg ist die Situation ähnlich dramatisch.

Österreich hat den schwedischen Peak vom Frühjahr erreicht. Quelle: Screenshot ourworldindata.org

Kanzler mobilisiert Feuerwehr

Die überraschend angekündigten Kurz-Massentests sorgen zudem vom Kanzleramt bis zum Bundesheer für Chaos (ZackZack berichtete). Niemand weiß, wer die gesamte Bevölkerung durchtesten soll. Die türkis-grüne Regierung hat nun offenbar eine Idee: Die Freiwillige Feuerwehr wird zur Gesundheitsbehörde umfunktioniert.

Sebastian Kurz prescht gemeinsam mit dem Minister vor. Im Ministerrat diese Woche wurde beschlossen, dass bei einem Mangel an gesundheitlichem Personal die Freiwillige Feuerwehr die Massentests zu übernehmen hat.

Der Kanzler mobilisiert die Freiwillige Feuerwehr. Quelle: Bundeskanzleramt.

Die Feuerwehr gab in einer Presseaussendung bekannt, dass man aktuell in Gesprächen mit den jeweiligen Ländern wäre. In der Planungsphase – und mehr nicht.

Wien ist bereit

Wien dürfte allerdings für den Kurz-Plan bereit sein. Konkret will die Stadt das Mega-Vorhaben zwischen 2. und 13. Dezember über die Bühne bringen, sagte Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) am Donnerstag im APA-Gespräch. Er rechnet mit einer Teilnahme von maximal 1,2 Millionen Menschen.

Die Abwicklung wird in Kooperation mit dem Bundesheer an drei großen Standorten erfolgen: In der Wiener Stadthalle, in der Marxhalle im Bezirk Landstraße sowie in der Messehalle beim Prater werden insgesamt 300 Testlinien nach dem Walk-in-Prinzip errichtet. Das bedeutet, dass an allen Massentest-Standorten pro Tag bis zu 150.000 Personen mit Antigentests auf eine Virusinfektion überprüft werden können.

Ein weiterer Dämpfer für den Kanzler: Das rot-pinke Wien legt einen ausgeklügelten Plan vor, während in vielen Ländern die Freiwillige Feuerwehr zum medizinischen Handkuss kommt. Verteidigungsminister Klaudia Tanner (ÖVP) empörte sich daraufhin aufgrund des Alleingangs. Als einen Tag zuvor die westlichen Bundesländer vorgeprescht waren, sagte sie kein Wort. ZackZack-Recherchen ergaben aber, dass es auch in Tirol und Salzburg bisher „keine Planungen“ vonseiten des Bundesheeres gibt.

Slowakei verwirft Massentest-Plan

Die Slowakei, eigentlich von Kurz als Vorbild hinsichtlich der Massentest genannt, rückt derweil von der Strategie ab. Die Taktik stand ohnehin bereits wochenlang in der Kritik. Am Mittwochabend kündigte der rechtspopulistische Ministerpräsident Igor Matovic nun an, die geplanten erneuten, landesweiten Corona-Massentests an fast der gesamten Bevölkerung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Sie wären für Anfang Dezember anberaumt gewesen.

Ein zentraler Grund, warum Matovic vom Plan abrücken soll: Die Infektionszahlen sind wieder am Steigen, Massentests epidemiologisch also wohl sinnlos. Währenddessen gibt es in Österreich noch immer keine Strategie, um die Pflegeheime zu schützen.

(ot/apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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