Grünen-Politikerin ins Visier genommen

Eklat um Erdogan-Botschafter

Ozan Ceyhun, Erdogans Vertreter in Österreich, nimmt es nicht immer genau mit den diplomatischen Gepflogenheiten. Rund um die Anschlagspläne eines türkischen Ex-Agenten äußerte er sich bereits mehrfach abfällig über die potenziellen Opfer. Eines davon knöpfte er sich im Zuge der Angelobung des Wiener Gemeinderates offenbar besonders vor.

 

Wien, 01. November 2020 | Der türkische Botschafter in Wien, Ozan Ceyhun, äußerte sich in einem Interview mit dem türkischen Onlinemedium „Avusturya Günlüğü“ („Österreich Journal“, Sitz in Wien, Red.) abfällig gegenüber einer der türkischstämmigen Personen im neuen Wiener Gemeinderat. Künftig wird es vier türkischstämmige Abgeordnete geben, doch der Botschafter wollte im Interview nur drei erkennen.

„Jeder weiß, wer gemeint ist“

Auf mehrmalige Feststellung des Moderators, es seien doch vier türkischstämmige Abgeordnete, erwiderte Ceyhun: “Eine davon zählt sich ja nicht wirklich zu uns, aber es sind auf jeden Fall drei, die sich als türkeistämmig sehen.” Die Grüne Berivan Aslan ist überzeugt, dass sie gemeint ist. Seit dem Geständnis eines Ex-Erdogan-Agenten über Anschlagspläne auf österreichische Politiker, die Erdogan kritisch sehen, steht Aslan unter Polizeischutz. Doch Ceyhun nimmt die schweren Vorwürfe nicht ernst – Aslan dagegen nehme er „ins Visier“, wie die Grüne gegenüber ZackZack betont.

“Was auffällt: es werden bei solchen Diffamierungen nie Namen genannt, aber jeder weiß, wer gemeint ist,”

so die Grüne, die wohl auch ohne Lockdown nur zu Pflichtterminen das Haus verlassen würde. Ceyhun zeigte sich gegenüber dem „Standard“ traurig über Fragen nach den Hintergründen und spielte seine Aussage herunter: es gehe darum, wer sich zur türkischen Community zähle, und wer nicht. Für Experten eine alte Strategie des Diffamierens kritischer Köpfe.

Screenshot: Twitter.

Aslan zeigt sich gegenüber ZackZack erschüttert über das Auftreten des türkischen Botschafters:

“Das Verhalten des Botschafters ist ein diplomatischer Fauxpas. Gerade in einer Zeit, in der ein geständiger Ex-Agent Pläne zu einem Mord-Komplott gegenüber meiner und anderen Personen schonungslos offenlegt und dabei schwere Vorwürfe an die Türkei richtet, ist es inakzeptabel, dass der Botschafter Politiker aus dem Gastland ins Visier stellt.”

Solche Auftritte würden auch zur Verschlechterung der Sicherheitslage beitragen – sowohl ihrer selbst, als auch generell betreffend Erdogan-kritischer Köpfe in Österreich. Selbst in kritischen türkischen Medien sei der Auftritt des Botschafters am Rande der Angelobung des Wiener Gemeinderates aufgegriffen worden.

Potenzielle Anschlagsopfer lächerlich gemacht

Es ist nicht das erste Mal, dass der türkische Botschafter in Österreich eher wie ein Pressesprecher Erdogans als ein Botschafter auftritt. Nach Bekanntwerden der Anschlagspläne – ZackZack hatte exklusiv als erstes Medium in Österreich berichtet – sorgte der Fall international für Aufsehen.

Deshalb interviewte der britische „BBC“ Botschafter Ceyhun zu den Plänen. Der bezeichnete diese als „absurd“, gegenüber den potenziellen Anschlagszielen äußerte er sich spöttisch: kein Geheimdienst dieser Welt, kein „ernsthafter Geheimdienst eines ernsthaften Landes“ würde sich mit Berivan Aslan oder Peter Pilz (auch SPÖ-Mann Andreas Schieder wurde als potenzielles Ziel bekannt, Red.) beschäftigen. Ceyhun sparte dabei mit diplomatischen Gepflogenheiten und verglich das Anschlagsgeständnis mit einem Netflix-Film: „Es gibt billige Filme auf Netflix, die spielen nicht in Kinos, sie werden nur für Netflix gedreht, mit unbekannten Schauspielern, erfundene Geschichten.“ Die Türkei würde die potenziellen Opfer nicht ernstnehmen. Das sagt wohlgemerkt der ranghöchste diplomatische Vertreter des 80-Millionen-Einwohner-Landes und NATO-Mitglieds Türkei in Österreich.

Innenminister Nehammer schweigt

Derweil schweigt sich Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) zu den Anschlagsplänen und den Ermittlungspannen im Vorfeld aus. Bis auf eine Worthülse im Zuge der internationalen Berichterstattung hat man den sonst redseligen Minister nicht gehört, auch seine Presseabteilung beantwortet keine Anfragen zum Thema. Ähnlich dem djihadistischen Allerseelen-Anschlag, war das Geständnis des Ex-Erdogan-Agenten von den Behörden zunächst nicht ernstgenommen worden. Von einer Grazer Polizeiinspektion über das desinteressierte Innenministerium bis hin zum Wiener Landesverfassungsschutz wurde der geständige Ex-Agent weitergereicht, bis letztere Behörde sich seinen Ausführungen annahm.

(red)

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

Folge einem manuell hinzugefügten Link
Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben

Rosneft-Privatjets jahrelang von Wiener Unternehmen betrieben

ZackZack und Radio Free Europe/Radio Liberty lüften den Vorhang hinter der Privatjetbranche, die mächtige Russen versorgt. Im Fokus: Unternehmen mit Sitz in Wien. Darunter eines, das auch den Boss des staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft bediente – bis die EU-Sanktionen kamen.

Umfassende Cyberattacken auf Außenministerium

Das Außenministerium ist erneut Ziel umfassender Cyberattacken geworden. Das geht aus einem internen Mail hervor, das ZackZack vorliegt. Offenbar sind auch einzelne Botschaften betroffen. Eine Sprecherin bekräftigt, dass die Schadsoftware “keine Auswirkungen entfalten” konnte.