Durch Hoffen ist noch keine Seuche verschwunden

Seuchenexperte im ZackZack-Interview

Die Tiermedizin beschäftigt sich seit Jahrhunderten mit der Bekämpfung von Seuchen. Es gäbe genügend bewährte Konzepte auch in der Bekämpfung von Humanseuchen: Doch sie kommen in Österreich nicht zur Anwendung, kritisiert der Seuchenexperte und Tierarzt Georg Mößlacher im ZackZack-Interview. Auch das Hoffen auf einen Impfstoff hält er für keine Option.

Wien, 02. Dezember 2020 |

ZackZack: Herr Mößlacher, welchen Blick hat ein Tierarzt auf die Corona-Krise bzw. die Maßnahmen, die derzeit weltweit getroffen werden?

Georg Mößlacher: Wir sind permanent mit Human- oder Tierseuchen in bestimmten Gebieten der Welt konfrontiert. Dafür gibt es allgemein gültige Bekämpfungsmaßnahmen: Wir haben genügend erprobte Konzepte für eine sinnvolle Seuchenbekämpfung. Was uns Tierärzte wundert ist, dass jetzt in der Krise keines dieser Konzepte in irgendeiner Form umgesetzt worden ist – das ist merkwürdig. Und das in einer Situation, die an allen Ecken und Enden Probleme erzeugt.

Warum setzt man da nicht auf bewährte Konzepte und Verhaltensweisen, wo man weiß, dass sie funktionieren, weil wir uns so schon seit Jahrhunderten erfolgreich gegen Seuchen wehren?

ZZ: Was wäre so ein bewährtes Konzept?

GM: Gehen Sie davon aus: Das Virus stellt die Regeln auf, und es verhandelt nicht – es hält sich aber auch an seine eigenen Regeln. Das Wort Quarantäne ist eine Konstante in der Seuchenbekämpfung. Das wird bei uns nicht konsequent durchgeführt. Es werden Infizierte und Kontaktpersonen (K1) in Quarantäne geschickt – aber Quarantäne dient in erster Linie dazu, seuchenfreie Gebiete auch seuchenfrei zu halten. Im Sommer waren wir praktisch auf Stand 0 im Corona-Bereich, wir hatten ganz wenige tägliche Neuinfektionen. Eine wesentliche Aufgabe in dieser Zeit nach einer Infektionswelle wäre es gewesen, auch die letzte Infektion auszuräumen und dann das Gebiet zu schützen. Aber genau das ist nicht passiert.

Was wir jetzt erleben ist so eine Art zweite Welle. Die hätte niemals stattfinden dürfen, genauso wenig wie die Infektionen im Juni, Juli und August.

ZZ: Keine Infektionen im Sommer – das klingt unrealistisch.

GM: Es gibt einen Staat, der Quarantäne konsequent durchzieht: Neuseeland. Die machen 14 Tage Quarantäne und sind immer gut gefahren damit. Die sind komplett durch. Seit Anfang Juni gibt es dort landesweit praktisch keine Einschränkungen mehr. Es kommt keiner ins Land, der nicht in Quarantäne geht. Wegen einer Hand voll Fällen machen sie einen lokalen Lockdown, danach sind sie aber sauber: Den Lockdown machen sie, um die Situation erfassen zu können – ab der Sekunde, wo der Umfang des Problems klar geworden ist, ab der Sekunde wissen sie um die zu ergreifenden Maßnahmen – und damit gibt es dann keine Probleme mehr. Die Fälle, die in Neuseeland aufgetreten sind, waren fast nur Fälle, die in der Quarantäne aufgetaucht sind.

Zur Person: 

Dr. Georg Mößlacher ist Tierarzt und Seuchenexperte mit Sitz in Oberösterreich. Als Leiter des Labors TGD Ried im Innkreis war er zehn Jahre lang verantwortlich für die Untersuchung von über zwei Millionen Proben auf anzeigepflichtige und nicht anzeigepflichtige Tierseuchen. Seit 2017 ist Mößlacher freiberuflicher Tierarzt mit der Ordination InnoVetLab. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das InnoVetLab ein zugelassenes Labor für die Untersuchung humanmedizinischer Proben – er bietet die Untersuchung von Corona-Tests für Menschen an.

ZZ: Reicht es aus Ihrer Sicht nicht, die Infektionen niedrig zu halten?

GM: Zu hoffen, dass eine niedrige Infektionsrate in der Bevölkerung das Problem im Griff hält, ist keine Option. Das mag mit den normalen Erkrankungen gehen, das geht vielleicht für eine Grippewelle, aber selbst da ist es schwer: Die Wochen, wo die Grippewelle zuschlägt, sind für viele Betriebe ein Problem. Es gibt jedes Jahr Engpässe zu Grippe-Hochzeiten: Im städtischen Verkehr heißt‘s dann, die Busfahrer gehen aus. Bei den Lehrern ist es genauso.

ZZ: Also strikte Quarantäne als Antwort auf alle Fragen?

GM: Im Wesentlichen braucht es einen Mix verschiedener Maßnahmen, aber ohne Quarantäne geht‘s nicht. Als Tierarzt kenne ich viele Betriebe mit Tieren, die genetisch wertvoll sind. Wenn die sich eine Krankheit einschleppen, ist die Sanierung oft existenzbedrohend. Von Zeit zu Zeit müssen aber Tiere in diesen Bestand gebracht werden, zum Beispiel weil neues Zuchtmaterial nötig ist. In solchen Fällen muss man eine Quarantäne einhalten: Die Tiere kommen in einen Quarantänestall, dort werden sie untersucht. Wenn alles ok ist, startet die 14-tägige Quarantäne. Nach Ablauf werden die Tiere wieder untersucht, und nur, wenn dann auch alles in Ordnung ist, werden die Tiere in den restlichen Bestand integriert. Ob es wirklich 14 Tage sein müssen, darüber kann man ja diskutieren – vermutlich gibt‘s da auch andere Varianten … aber die mit 14 Tagen funktioniert – siehe Neuseeland.

ZZ: Wenn es um strikte Quarantäne geht, werden immer wieder Stimmen laut, die darauf hinweisen: Wir sind nicht China. Leute einsperren und so das Virus ausrotten, hätte nicht geklappt, heißt es.

GM: Seuchenbekämpfung sollte immer den Schutz einer Population verfolgen. Es ist im Interesse von allen, dass das funktioniert. Die persönlichen Freiheiten müssen in gewissen Situationen für eine gewisse definierte Zeit aufgegeben werden können. Nicht willkürlich, sondern kontrolliert: Es muss klar sein, wann es aus welchen Gründen beginnt und was das Ziel ist. Das kann man alles definieren. Solange ein Ziel definiert ist und die Willkür ausgeschlossen ist, ist die Maßnahme zur Verhinderung von Seuchenausbreitung immer günstiger, als das Gegenteil: dass sich Leute infizieren.

Die Freiheiten, die wir unkontrolliert gestattet haben, haben zum zweiten Lockdown geführt. Das kann nicht Sinn und Zweck sein. Ich kann nicht lustig Leute herumlaufen lassen und danach müssen alle zu Hause sitzen.

ZZ: Derzeit fokussiert sich alles auf die erhoffte Impfung. Die soll das Problem lösen, so die Hoffnung. Sehen Sie in der Impfung eine mögliche Lösung?

GM: Durch Hoffen ist noch keine Seuche verschwunden. Coronaviren sind RNA-Viren, die haben alle irgendwie Wege gefunden, mit dem Immunsystem klarzukommen. Viele Schnupfenerkrankungen, die wir übers Jahr aufreißen, sind viral bedingt. Ich kann mich im Jahr drei Mal mit Schnupfen anstecken: Wenn die Immunlage gegenüber Corona genauso ist, haben wir ein Problem, weil es dann keinen wirksamen Impfstoff geben wird – jedenfalls nicht so wie man sich das erwartet, also: ein Mal impfen und man ist lebenslang geschützt. Es gibt wirtschaftlich bedeutende Tierseuchen, gegen die es trotz enormer Forschung keine wirksamen Impfstoffe gibt.

In Österreich hat man immer versucht melde- und anzeigepflichtige  Tierseuchen auszurotten, weil man mit einem Impfstoff in der Regel nicht weiterkommt.

Ein altes Sprichwort sagt: In dem Moment, wo du anfängst zu impfen, musst du mit der Krankheit leben.

ZZ: Österreich hat sich entschieden, die Bevölkerung mit Massentests zu testen. Ihr eigenes Labor führt diese Tests auch durch. Was halten Sie von der Test-Strategie?

GM: In der Diagnostik ist es so: bevor man einen Test macht, sollte man sich überlegen: wozu mache ich den Test, und was mache ich dann mit den Ergebnissen? Was passiert mit den Ergebnissen der Massentests?

Was sollen die Massentests, was bringen sie, was haben wir davon? Das hat mir noch niemand sagen können.

Man kommt sich vor wie im falschen Film, weil ein Haufen Geld reingeht und nicht klar ist, was es bringen soll. Abgesehen davon, dass Antigen-Tests nicht immer einfach zu interpretieren sind. Man braucht Personal, das die Tests interpretieren kann. Sie werden einen Haufen fraglicher Ergebnisse bekommen. Was machen Sie mit denen? Ist es überhaupt wert, die nachzuverfolgen? Bringt es was, bringt es nichts? Es ist schwer, darüber zu reden, weil so viele Fragen unbeantwortet sind.

ZZ: Unterm Strich: Es fehlen Konzepte, es fehlt eine konsistente Strategie – und wir haben null Plan?

GM: Im Wesentlichen: Ja – zumindest sehe ich keinen Plan B falls der Impfstoff nicht das bringt, was man sich erhofft.

Seuchenbekämpfung ist eine komplexe Sache, und sie findet in erster Linie am Schreibtisch statt. Wir hatten in der ersten Welle das Personal nicht, das das macht. Wir haben die Situation dann dennoch mit einem langen Lockdown in den Griff bekommen. Aber wir haben immer noch Probleme: Wir lassen z.B. das Contact Tracing jetzt teilweise bleiben, weil wir‘s einfach nicht schaffen.

Ich hab‘ kein Problem damit, wenn man sich begründet dagegen entscheidet. Aber es hat keinen Anlassfall gegeben, ganz so wie man in Deutschland sagt: die Inzidenz muss auf 50 steigen, dann treten Maßnahmen in Kraft. Das war nicht der Fall. Es gibt keinen Grenzwert, wo man sagt, jetzt lassen wir das Contact Tracing bleiben, weil es bringt nichts, und so ist es bei vielen Regelungen.

Das ist ein vollkommen unkoordinierter Prozess. Man könnte die Ressourcen womöglich ganz wo anders bündeln oder brauchen.

ZZ: Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Larissa Breitenegger

Titelbild: APA Picturedesk

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