Größter Streik aller Zeiten

250 Millionen auf Indiens Straßen

Es ist vermutlich der größte Streik der Menschheitsgeschichte. Mehr als 250 Millionen Menschen gingen letzte Woche in Indien auf die Straßen, um unter anderem für das Überleben der Arbeitnehmer und gegen die Rechtsaußen-Regierung anzukämpfen.

Wien/Delhi, 04. November 2020 | Indien ist das bevölkerungsreichste Land des “globalen Südens“ und von der Corona-Pandemie und dem harten Lockdown besonders stark betroffen. Der zufallsgesteuerte Umgang mit der Krise durch den rechtsextremen Premierminister Narendra Modi trägt, laut Medienberichten, einiges dazu bei. Innerhalb von Stunden wurden Millionen Menschen arbeitslos. Das brachte das Fass zum überlaufen.

Höherer Mindestlohn und Arbeitnehmerrechte

Laut dem indischen Nachrichtenportal „Newsclick.in“, nahmen mindestens 250 Millionen Menschen am landesweiten Streik teil. Die enorme Mobilisierung sei Ausdruck der wachsenden Wut der Massen. Sie verurteilen nicht nur die rechtsextreme Modi-Regierung, sondern auch die gesamte bürgerliche Herrschaft in Indien.

Arbeitnehmer aus sämtlichen Bereichen gingen am 26. November 2020 landesweit auf die Straßen / Foto: APA

Die Demonstranten fordern in ihrem 12-Punkte-Plan 15.000 Rupien pro Monat, was umgerechnet gerade mal 168 Euro sind. Auch die Einhaltung aller Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer wird verlangt. Zudem soll die Regierung die Ärmsten des Landes mit einer Grundzahlung von 7.500 Rupien (umgerechnet circa 84 Euro) pro Monat unterstützen, berichtete die Berliner Morgenpost am Donnerstag.

Gegen Modis Privatisierungsmaßnahmen

Zum landesweiten Streik hatten zehn Gewerkschaftsverbände aufgerufen. Die Beteiligung schwankte nach Branchen, Berufszweigen oder Regionen. Beteiligt waren aber vor allem Beschäftigte aus öffentlichem Dienst, Banken, Kohlegruben und Rüstungsbetrieben. Sie alle fordern die Rücknahme von Modis Privatisierungsmaßnahmen, der Förderung von Leiharbeit und der rückständigen „Arbeitsmarktreform“, die das Streikrecht einschränkt.

Zeitgleich mit dem Generalstreik vom Donnerstag vor einer Woche, protestierten auch die Bauern zwei Tage lang. Daneben rief das All India Kisan Sangharsh Coordination Committee (AIKSCC), eine Dachorganisation von über 300 Bauernvereinigungen, zu einem „Delhi Chalo“-Marsch auf. Ihre Hauptforderung: Die Abschaffung von drei Landwirtschaftsgesetzen, die die Modi-Regierung vor Kurzem erlassen hat. Durch diese Maßnahmen sind Bauern den riesigen Agrarkonzernen ausgeliefert, welche den Anbau, den Handel, die Lagerung und die Preise von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, darunter Getreide als Grundnahrungsmittel, dominieren.

Polizei machtlos

Die indische Regierung reagierte in aller Härte auf die Ankündigung des Streiks: Alle Autobahnen, die nach Delhi führen, wurden abgeriegelt.

Davon ließen sich die Demonstranten jedoch nicht abbringen – alle acht Autobahnen um Delhi wurden während des Streiks besetzt. Die Polizei versuchte daraufhin vergeblich mit Wasserwerfern und Tränengas die Menschen zurückzudrängen. Machtlos gegen die Masse an Demonstranten, gab sie den Weg ins Stadtzentrum schlussendlich frei, wie der indische Fernsehsender “NDTV” berichtete.

Ein Streik, der in die Geschichte eingeht…

Die aufrufenden Organisationen sind eng mit den beiden größten kommunistischen Parteien in Indien verbunden, die traditionell in den südlichen Bundesstaaten des Landes eine breite Basis an Wählern hinter sich stehen haben. Dort lag auch das „Epizentrum des Streiks“. Laut Medienberichten, stand dort das öffentliche Leben für einen Tag komplett still.

Das zeigte jedoch Wirkung: Von den 4.500 Angestellten der regionalen Verwaltung Keralas seien am Streiktag nur 17 Menschen zur Arbeit erschienen, schreibt die Tageszeitung „The New Indian Express“. Geschäfte und Betriebe blieben geschlossen, die Straßen abseits des Streiks waren wie leer gefegt und die Fahrzeuge hielten sich abseits der Straße. Taxis und Autorikschas weigerten sich, Passagiere zu befördern.

… und über alle Formen von Grenzen hinweg geht

Der Streik brach am vergangenen Donnerstag jegliche Grenzen von Sprache und Religionszugehörigkeit auf, und hat damit auf eindrucksvolle Weise die Einheit der indischen Arbeiterklasse gezeigt. Ein schwerer Schlag gegen die unaufhörlichen Versuche der Modi-Regierung, Hindu-Nationalismus zu propagieren und gegen Muslime und andere religiöse Minderheiten zu hetzen.

Dass die Medien kaum über den Streik berichtet haben, verdeutliche die zunehmende Angst der Unternehmer-Elite vor Massenaktionen der wütenden Arbeiterklasse, beschreibt es die Plattform „World Socialist Web Site”. 

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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