Lockdown-Fiasko:

Armut und Gewalt eskalieren

Der Lockdown bringt viele Menschen an den Rand ihrer Existenz. Der Bericht der Armutskonferenz zeigt, wie das Elend ausartet.

Wien, 04. Dezember 2020 | Die politischen Maßnahmen gegen Corona haben viele Menschen schwer getroffen: Besonders diejenigen, die schon vorher schwer um ihr Auskommen kämpfen mussten, befinden sich seit Monaten in einer verzweifelten Lage. Neben finanziellen Engpässen nehmen vor allem psychische Extremlagen ein bedrohendes Ausmaß an, schildert die Armutskonferenz in ihrem aktuellen Bericht.

Keinen Notgroschen

Zu den Hauptverlierern der Krise zählen besonders Menschen, die schon vorher von Armut betroffen waren. Auch Einzelunternehmer und Künstlerinnen haben schwer unter der Notsituation zu leiden. Während Kurz-Berater Harisch sein Luxushotel (als Krankenanstalt) auch während des Lockdowns geöffnet hat, bleiben Aufträge aus, Konzerte werden abgesagt. Das „Licht am Ende des Tunnels“ (Zitat Sebastian Kurz) sehen die wenigsten.

Gerade die, die fast nichts haben, haben immer öfter Schulden bei Familie und Freunden. Ohne Hilfsorganisationen gäbe es oft kein Dach über dem Kopf. Die Armutskonferenz hat Schilderungen aus erster Hand:

Bei einem Leiharbeiter wurde vom Arbeitgeber ein Corona-Test verlangt. Leider

„waren dem Arbeitgeber die acht Tage Wartezeit auf das Ergebnis zu lang, und er sprach eine Kündigung aus. Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte der Leiharbeiter nicht, und so hatte er keinerlei Einkommen, landete in der Notschlafstelle und war von der Ausspeisung der Diakonie abhängig.“

Wenn die Hilfe nicht gleich kommt, geraten Armutsgefährdete besonders unter Druck: Eine Frau aus Wien verlor ihren Job und

„musste Monate lange ohne Gehaltszahlung auf ihre Abmeldung warten, bis sie sich endlich arbeitslos melden konnte. Ihre Miete konnte sie nur mit Unterstützung des Roten Kreuzes zahlen.“

Rätseln um Hilfsmaßnahmen

Abhilfe sollten eigentlich die Hilfsgelder der Regierung bringen. Während manche dank Notpaketen eine Verbesserung ihrer Lage bemerken, kommt die Hilfe andernorts nicht oder viel zu spät an. Viele warten immer noch auf die ersehnte Geldspritze aus dem Härtefallfonds. Ein Armutsbetroffener aus Wien erzählt:

„Da ist ein Chaos, das glaubt man nicht. Die einen kriegen zu viel, die anderen kriegen gar nichts. Die nächsten sagen, wo kann ich mich beschweren, ich habe drei Monate Einkommensverlust von 1.500 Euro und kriege 90 Euro.“

Auch ein Künstler beklagt sich:

„Sie haben ja gesagt, man kriegt 2.000 Euro, wenn man mindestens 50 Prozent Einbußen hat. Das waren ja Falschmeldungen, weil plötzlich haben Leute 30 Euro bekommen oder 87,50. Ich kenne niemanden, der 2.000 Euro bekommen hat…. Man war dann schon sehr verunsichert, weil man gemerkt hat, was sie da erzählt haben und was sie dann ausgezahlt haben, das stimmt nicht.“

Psychische Krankheiten und Suizid

“Jene, die schon lange von Armut betroffen waren, hatten häufig mit massiven psychischen Problemen zu kämpfen”, so die Armutskonferenz. Der Lockdown führt bei vielen zu Beklemmungen in den eigenen vier Wänden. Gewalt, Streit und Aggression in der Familie und Öffentlichkeit sind seit März keine Seltenheit:

„Da schreit man sich bis zum Geht-nicht-mehr an, und dann redest ein paar Tage nichts miteinander. Haben wir alles gehabt daheim. Weil wir uns am Arsch gegangen sind, dann irgendwann”,

erzählt eine Salzburgerin. Nicht überraschend ist daher auch der massive Andrang in Frauenhäusern quer durch Österreich.

Besonders in den Hilfseinrichtungen und betreutem Wohnen spitzt sich die Lage immer weiter zu:

„Mir ist besonders aufgefallen, dass die Leute viel aggressiver werden, jetzt nach ein paar Wochen. Generell die Gewaltbereitschaft und auch die Gewalt in den Familien, die nimmt extrem zu. Und ganz schlimm ist das im Bereich vom betreuten Wohnen, weil wir sind da jetzt momentan wieder ganz weit weg vom selbst-bestimmten Leben. Weil die werden einfach zugesperrt, die dürfen keine Leute mehr sehen, obwohl es eigentlich Beziehungen gib. Momentan nehmen die Übergriffe ganz extrem zu, das wird aber überall nur runterdiskutiert, weil es das auch gar nicht geben kann.“

Wie viele Menschen dem psychischen Druck nicht standhielten, weil sie kein Licht am Ende des Tunnels mehr sahen, ist bis heute unklar. Öffentliche Zahlen zum Thema Suizid müssten „erst ausgewertet“ werden, so die Statistik Austria.

(dp)

Titelbild: APA Picturedesk

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