Entgleisung nach ZackZack-Karikatur

ÖVP-Vize-Klubdirektor: „Stürmer-Niveau“

Der „Stürmer“ war ein nationalsozialistisches Hetzblatt. Er agitierte gegen Schwächere und ebnete so den Weg in den Holocaust. ZackZack kämpft für einen Boulevard, der nicht gegen Schwächere hetzt, sondern den Mächtigen auf die Finger schaut – und erntet von einem ranghohen Volksparteiler eine „Stürmer“-Analogie. Der löschte seinen Tweet spät, entschuldigte sich aber nicht.

 

Benjamin Weiser

Wien, 09. Dezember 2020 | Der stellvertretende Direktor des größten Nationalratsklubs, ÖVP-Mann Philipp Hartig, wartete am vergangenen Dienstag mit einer geschmacklosen Analogie auf. „Falter“-Chef Armin Thurnher hatte zuvor eine ZackZack-Karikatur unterhalb seines eigenen Tweets mit einem „Gefällt mir“ versehen. Das gefiel ÖVP-Hartig wiederum ganz und gar nicht, weshalb er eine Analogie zum Nazi-Blatt „Stürmer“ herstellte:

(Screenshot: Twitter. Erst einen Tag später löschte Hartig seinen Tweet. Die Karikatur von Othmar Wicke hat das umstrittene gestrige ÖVP-Gebet mit radikalen und fundamentalen Gruppierungen im Parlament zum Thema.)

Der Tweet von Hartig gefiel unter anderem auch Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ebenfalls ÖVP).

Die Karikatur mit dem Titel „Zu Weihnachten: Regierung plant gemeinsame, stimmungsvolle Krippenandacht im Parlament“ stellt ranghohe ÖVP-Politiker dar, die ihren Heiland Sebastian anbeten. Die Natur einer Karikatur ist es, besondere oder eigenartige Geschehnisse (so auch das ÖVP-Parlamentsgebet oder die letztjährige fundamentalistische Segnung von Kurz in der Wiener Stadthalle) zu überzeichnen. Sie ist Ausdruck von Meinungs- und Kunstfreiheit – Grundpfeiler der Demokratie, die von den Nazis auch mittels „Stürmer“-Propaganda quasi von oben herab bekämpft wurden.

Erst uneinsichtig…

Nach kritischen Kommentaren bekannter Journalisten und einer Aufforderung zur Richtigstellung, legte Hartig aber noch einmal nach und behauptete: „Jetzt will mich ZackZack mundtot machen“. Dabei stellte er die These auf, ZackZack würde austeilen „auf einem Niveau, das es in Österreich bisher nicht gab“.

Offensichtlich ist ihm die österreichische Geschichte entgangen – mitsamt der Geschichte seiner eigenen Partei beziehungsweise deren Vorläufer. Das ist wohl kein Zufall: die ÖVP tat sich lange mit einer Distanzierung von Engelbert Dollfuß schwer. Erst vor drei Jahren hatte sie ein Portrait des Begründers des austrofaschistischen Ständestaates nach öffentlicher Kritik aus den Räumen des türkisen Nationalratsklubs entfernt. Laut einer Aussendung der „Grünalternativen Jugend“ soll der gescheiterte Ex-Chef der ÖVP Wien, Manfred Juraczka, nur ein Jahr später ein Dollfuß-Portrait entgegengenommen haben. Die Aktion war eigentlich zur Mahnung und Erinnerung an die Februarkämpfe gedacht.

…dann still

Hartig wurde die Sache dann wohl zu heiß, schließlich löschte er seinen Tweet. Doch eine ZackZack-Presseanfrage blieb bislang unbeantwortet. ZackZack schrieb:

„Im Angesicht der österreichischen Geschichte, aber auch der Vergangenheit Ihrer Partei, wäre es eigentlich angezeigt, konsequent gegen nationalsozialistische Verharmlosung etc. vorzugehen. Für den Vize-Klubdirektor des größten Nationalratsklubs dieses Landes ist der Tweet jedenfalls eine nicht hinnehmbare Entgleisung, die einer öffentlichen Richtigstellung und Entschuldigung bedarf.“

ZackZack meint: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer eine Richtigstellung und eine Entschuldigung.

Titelbild: APA Picturedesk

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