Setzt Österreich auf falschen Impfstoff?

Das Astra-Desaster

Am Sonntag, den 19. Dezember, versuchte Clemens Martin Auer als COVID-Sonderbeauftragter des Gesundheitsministers noch zu beruhigen: „Alle EU-Länder bekommen gesichert ihren Anteil“. Daher sei genug Impfstoff für Österreich da. Aber das stimmt nicht. Österreich steht vor einem Impfstoff-Engpass. Mitverantwortlich dafür ist Clemens Martin Auer in seiner zweiten Rolle: als stellvertretender Vorsitzender der COVID-Impfstoff-Steuerungsgruppe der EU. Mit dem Steering Board hat die EU auf den falschen Impfstoff gesetzt: auf ChAdOx-S von Astra Zeneca. Jetzt weiß niemand, ob und wann die EMA, die europäischen Arzneimittelagentur, den Astra-Impfstoff zulässt. Aber Auer und sein Minister bleiben beim Astra-Plan.

 

Wien, 29. Dezember 2020 | Am 18. Juni 2020 stellte die EU die Weichen. Die Beschaffung der COVID-Impfstoffe werde gemeinsam erfolgen: durch „Advance Purchase Agreements“ (APA), also Vorkaufverträge mit den Herstellern. Die Verträge verpflichten die Mitgliedsstaaten, in der Folge selbst Kaufverträge abzuschließen, wenn sie nicht fünf Tage nach Abschluss eines APA aus dem Vertrag aussteigen.

Zur Beschaffung des Impfstoffs setzte die EU-Kommission ein „Steering Board“, eine Steuergruppe, ein. Ihr stellvertretender Vorsitzender kommt aus Wien: Clemens Martin Auer, COVID-Sonderbeauftragter im Gesundheitsministerium.

Von Anfang an war klar, dass Auer mehr als die Interessen Österreichs vertritt: „Für Österreich ist das ein enormer strategischer Gewinn. Denn damit können wir die Richtung vorgeben, was die Beschaffung eines künftigen Covid-19-Impfstoffs betrifft“. Die Richtung hatte bald einen Namen: Astra Zeneca, der schwedisch-britische Hersteller des Vector-Impfstoffes AZD1222.

Für Astra Zeneca sprachen zwei Gründe: Der Astra-Impfstoff sollte keine besondere Kühlung benötigen; und er würde bei Weitem der Billigste sein. Zwei Fragen wurden weniger beachtet: Würde der Vector-Impfstoff von Astra-ähnlich wirksam wie seine Konkurrenten auf RNA-Basis sein? Und: Würde Astra-Zeneca rechtzeitig liefern können? Auf beide Fragen gibt es heute eine gemeinsame Antwort: Nein.

Schneller Vertrag

Schon am 14. August war das erste Ziel des EU-Steering Boards erreicht: eine Vereinbarung mit Astra Zeneca. Am 27. August wurde der erste Vertrag unterzeichnet: 300 Millionen COVID-Impfdosen von Astra Zeneca und eine Option auf zusätzliche 100 Millionen.

Erst vier Monate später schloss die EU am 11. November 2020 einen Vertrag mit BioNTech-Pfizner. Der deutsch-amerikanische Konzern bot 500 Millionen Dosen des neuartigen RNA-Impfstoffes. Aber Auer & Co. winkten ab. 200 Millionen Dosen wurden mit einer Option auf weitere 100 Millionen bestellt. Am 25. November folgte ein Vertrag über 80 Millionen Dosen mit Moderna.

Aber am selben Tag zerstörte ein Bericht der New York Times die Hoffnungen in Astra Zeneca. „Get yourself a vaccaccino“, hatte der Konzern noch mit dem Preis eines Cappuccino für eine Impfung geworben. Aber plötzlich war alles anders: Schwere Fehler in der Testphase warfen den Favoriten des Steering Boards weit zurück. Schon im September musste Astra Zeneca zum ersten Mal die Tests der entscheidenden Phase 3 für sieben Wochen unterbrechen. Ein britischer Patient erlitt eine Entzündung des Rückenmarks. Kurz darauf erkrankte ein indischer Versuchspatient an Hirnhautentzündung.

Dann stellte sich heraus, dass die Tests nicht nach den Vorgaben durchgeführt worden waren. „Irrtümlich“ sei teilweise nur die halbe Dosis des Impfstoffs verabreicht worden. Dadurch kam es zu Schwankungen bei der Wirksamkeit zwischen 63 und 90 Prozent. Die deutsche Ärztezeitung weist auf das größte Problem hin: „Forscher kritisierten zudem, dass im Studienteil mit 90-prozentigem Impferfolg kein Teilnehmer älter als 55 Jahre war – auch das hatte der Hersteller nach Presseberichten zunächst verschwiegen. Doch gerade der Schutz bei Senioren ist wichtig, weil diese ein hohes Risiko für schwere bis tödliche COVID-19-Verläufe haben.“

Putin hilft

Im November 2020 war klar: Astra Zeneca war in der Sackgasse. Da schlug die Stunde von Wladimir Putin. Am 21. Dezember ließ er stolz verkünden, dass Russland Astra Zeneca mit seinem eigenen Impfstoff Sputnik 5 zur Hilfe komme. Der Konzern bekommt damit einen Impfstoff, der bereits millionenfach im Einsatz ist; und Russland bekommt Zugang zum Markt der EU.

Zum ersten Mal gibt die EU zu, dass ein russisches High Tech-Produkt gleich gut ist wie die Qualitätsware des Westens. Der Hauptgewinner der EU-Pleite heißt damit Putin.

Der erste Impfzug ist in Richtung BioNTech abgefahren. Wer schnell und wirksam impfen will, wartet nicht mehr auf die EU, sondern beschafft selbst. Einen Tag vor Weihnachten bestellte Dänemark zusätzliche 2,6 Millionen Impfdosen von BioNTtech. Deutschland hat sich inzwischen 136,3 Millionen Dosen von BioNTech-Pfizer und Moderna gesichert.

Österreich auf unsicherem Kurs

Während die anderen versuchen, den wirksamsten Impfstoff möglichst schnell zu beschaffen, bleibt Österreich mit Astra Zeneca auf Kurs. COVID-Sonderbeauftragter Auer klammert sich an eine letzte Hoffnung: „Der Impfstoff von Astra Zeneca wird aller Voraussicht nach im Februar zugelassen.“ Aber auch das ist unklar. Die Prüfung durch die EMA läuft seit 1. Oktober 2020 in Form einer „Rolling Review“, bei der ständig neue Daten berücksichtigt werden. Niemand weiß derzeit, ob und wann Astra Zeneca eine Zulassung durch die EMA erhält. Und niemand weiß, ob Astra Zeneca positive Testergebnisse für über 55-Jährige vorweisen kann.

Zur Kombination mit Sputnik erklärt Univ.Prof. Herwig Kollaritsch als Experte der COVID-Task Force im Standard: “Astra Zeneca unterliegt der Europäischen Arzneimittelbehörde. Kombiniert man die beiden Impfstoffe, indem man zuerst mit Astra Zeneca grundimmunisiert und dann beim zweiten Durchlauf den Sputnik-V-Impfstoff einsetzt, muss es eine neue Phase-III-Studie geben.” Damit wird immer wahrscheinlicher, dass der Astra-Impfstoff auch mit russischer Hilfe in der ersten Hälfte 2021 nicht verfügbar sein wird. Damit sind die Astra-Impfpläne Makulatur.

Aber Auer lehnt den russischen Impfstoff kategorisch ab: „Davon rate ich ab. Er ist ein in der EU nicht zugelassener Impfstoff und erfüllt weder Wirksamkeits- noch Sicherheitsanforderungen.“

Kontingent erschöpft

Von Berlin bis Kopenhagen hat man erkannt, dass ein schnelles Durchimpfen der Bevölkerung derzeit mit Astra Zeneca nicht möglich scheint. Nur Österreich bleibt dabei: Die Masse der Bevölkerung soll mit einem wahrscheinlich weniger wirksamen Impfstoff verspätet geimpft werden.

Pfizer sieht jetzt die Chance, mit seinem weit teureren Impfstoff Astra Zeneca das Geschäft wegzunehmen.

Auer versucht im Standard, Deutschland und Dänemark schlechtzumachen: „Mit dem Impfstoff wird derzeit wohl auch Politik gemacht. In der aktuellen Pandemie entsteht schnell Hysterie.“ Aber inzwischen hat sich auch der österreichische Gesundheitsminister von der „Hysterie“ anstecken lassen und zusätzliche zwei Millionen Dosen bei BioNTech/Pfizer bestellt.

Damit ist allerdings das Österreich-Kontingent für BioNTech/Pfizer erschöpft. Durch seine „Strategie“ hat der österreichische COVID-Beauftragte in Brüssel dafür gesorgt, dass nur etwas mehr als die Hälfte der angebotenen 500 Milionen Dosen für die EU vorbestellt wurden.

Als ZackZack detaillierte Fragen zu den Impfstoffen stellen wollte, teilte der sonst auskunftsfreudige Clemens Martin Auer mit: „Darf ich Sie bitte, sich an unsere Pressesprecher zu wenden?“ Die verweisen auf die letzte Pressekonferenz des Ministers. Kritische ZackZack-Fragen werden derzeit vom Gesundheitsministerium nicht beantwortet.

Jetzt wird improvisiert, ohne Impfplan und ohne sichere Lieferverträge für das Jahr 2021. Mit einer Ministerratsvorlage Ende Jänner 2021 wird Österreich eines der letzten europäischen Länder sein, das einen Impfplan bekommt. Dann wird die Regierung vielleicht auch einen Beschaffungsplan haben.

Aber auf die nächsten vier Wochen kommt es ja nicht an…

(red.)

Titelbild: APA Picturedesk

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