Befehl von Kurz: die geheimen Verteilungszahlen des Impfstoffs

Pilz am Sonntag

Am Freitag machte sich Sebastian Kurz endgültig zum Gesundheitsminister. Sein Kabinettschef Bernhard Bonelli teilte den Landeshauptleuten mit, wieviel Dosen Impfstoff jedes Land bekommt. Seitdem ist Impfen Landessache und Rudi Anschober ein Minister des Kanzlers.

 

Peter Pilz

Wien, 10. Jänner 2021 | Zuerst die gute Nachricht: Das Impfen wird verländert. Wien, Niederösterreich und das Burgenland entwickeln eigene Pläne und bekommen dafür vom Gesundheitsministerium einen fixen Anteil am Impfstoff. Mit eigenen Impfplänen und handlungsfähigen Strukturen sind die drei Bundesländer gut vorbereitet.

Und jetzt die schlechte Nachricht: Das Impfen wird verländert. Tirol, Salzburg, Oberösterreich, die Steiermark und Kärnten entwickeln eigene Pläne und bekommen dafür vom Gesundheitsministerium einen fixen Anteil am Impfstoff. Wie er in die Spritzen kommt und von dort in die Patienten, das folgt dem Prinzip „Hoffnung“.

Der Auftrag mitsamt Verteilungsschlüssel wurde den Bundesländern am Freitag erteilt: von Bernhard Bonelli, dem Kabinettschef von Bundeskanzler Kurz.

„Anbei übermittle ich den aktuellen Stand der Planung der Logistik, wie viel Impfdosen in welchem Bundesland in welcher Woche zur Verfügung stehen.“

Der Kanzler hat damit die Funktion des Obergesundheitsministers übernommen. Nach der Bonelli-Order sind die Bundesländer jetzt die letzte Station im Kampf gegen COVID.

Eine knappe Million Impfdosen werden jetzt an die Länder verteilt. Von der Kalenderwoche 53 des vergangenen Jahres bis zur Kalenderwoche 4 im Jahr 2021 gilt dabei der „Pflegeheimschlüssel“, ab der Kalenderwoche 5 der „Bevölkerungsschlüssel“. Damit gehen am 1. Februar die Schlüssel der Steiermark von 17,55 auf 14,00, von Tirol von 9,73 auf 8,50 und von Kärnten von 6,66 auf 6,30 Prozent zurück. Wien verliert von 21,93 auf 21,50 wie Salzburg von 6,49 auf 6,30 Prozent fast nichts. Der Schlüssel von Niederösterreich steigt von 14,85 auf 18,90, der vom Burgenland von 2,54 auf 3,30, der in Vorarlberg von 3,94 auf 4,50 und der von Oberösterreich von 16,33 auf 16,70 Prozent.

Von den Heimen zur „kritischen Infrastruktur“

Seit dem 4. Jänner werden in der 1. Phase jetzt dreimal insgesamt 61.425 Impfdosen pro Woche verteilt. Von Impfbeginn an sollen in dieser ersten Phase 245.700 Dosen in Pflegeheimen und unter besonders gefährdetem Gesundheitspersonal verimpft werden. Dieser Impfstoff soll von BioNTech/Pfizer rechtzeitig geliefert werden. Das könnte funktionieren.

Am 1. Februar beginnt die zweite Phase. In den Kalenderwochen 5 bis 8 sollen je 65.781, in den folgenden drei Wochen je 79.950, in der 11. Woche 87.750 und in der 12. Woche 94.575 Dosen verimpft werden. Niemand bezweifelt, dass Wien in dieser Phase seine 148.623 Dosen verimpfen wird. Aber was machen Kärnten und Salzburg mit ihren 43.549 Dosen? Was Tirol mit seinen 58.758 Dosen? Und Oberösterreich mit seinen 115.444 Dosen? Können sich die Menschen auf Länder, die bisher eher gezeigt haben, wie es nicht geht, plötzlich verlassen?

Zwei Zielgruppen kommen in Phase 2 dazu: Menschen mit hohem Alter; und „Personen in kritischer Infrastruktur“. Während der ORF-Generaldirektor versucht, hier die Angehörigen aller Mitarbeiter hineinzuschwindeln, wissen Unternehmen vom Verbund bis zu Banken noch nicht, wen sie impfen lassen sollen. Und: Wer verteilt hier: jeder Landeshauptmann seinem Landesstudio? Und seinen Bankfilialen…?

Mitten in Phase 2 bricht der Verteilungsplan am 31. März ab. Ein Grund dafür ist klar: Niemand weiß, wieviel Impfstoff dann in Österreich sein wird.

Den guten Stoff

Beim Massenimpfen außerhalb der Heime setzt das Gesundheitsministerium nach wie vor auf den Impfstoff von Astra Zeneca. Aber der schwedisch-britische Konzern hat bis heute keinen Antrag bei der Arzneimittelbehörde der EU gestellt. Woher sollen jetzt die 685.299 Dosen für die 2. Phase kommen? Größere Lieferungen von BioNTech sind vor Sommer unrealistisch. Österreichs Vertreter hat in Brüssel dafür gesorgt, dass die EU zuviel von Astra und mit 300 statt 500 Millionen Dosen weit zu wenig von BioNTech bestellt hat.

Sollte Astra Zeneca über Nacht durch eine – in der EU nicht vorgesehene – Notzulassung doch noch ins Rennen kommen, wartet das nächste Problem. „I los mi impfen, und mein Maun auch.“ Das sagt mir eine Nachbarin in der Obersteiermark. Aber sie fügt sofort hinzu: „Oba net mit dem bülligen Stoff. Wir woll´n den guaten, sonst gemma net.“

Der „guate“, das ist BioNTech/Pfizer. Und das droht jetzt ganz konkret:

Impfperson: I bin zum Impfen do. Wos haums für an Impfstoff do drin in dera Spritzn?

Doktor: Den guten aus Schweden.

Impfperson: Den Astra? Net mit mir. Auf Wiedaschaun.

Das wäre allerdings bereits Impfscheitern auf hohem Niveau, weil es zweierlei voraussetzt: dass es ausreichende impfbereite Ärzte und ausreichend impfwillige Personen gibt.

Bis heute sind die Ärztekammern nicht in der Lage, die niedergelassenen Ärzte über ihre Impfpläne zu informieren. Das hat einen einfachen Grund: Es gibt keine. Und auch das hat einen Grund: Die Ärztekammern wurden viel zu spät ins Boot geholt. Erst nach dem Schauimpfen der beiden Gesundheitsminister Kurz und Anschober begann die Vorbereitung der Einbeziehung der praktischen Ärzte, deren Kolleginnen und Kollegen von Großbritannien bis in die USA zu diesem Zeitpunkt schon Hunderttausende Menschen geimpft hatten.

Die Impfbereitschaft der Menschen setzt zweierlei voraus: Angst vor dem Virus und Vertrauen in die Politik. Die Angst steigt weiter. Aber das Vertrauen ist fast völlig ruiniert. Plötzlich ist denkbar, dass es zuviel Impfstoff gibt, weil sich zu wenige impfen lassen wollen.

Dann werden die Länder schuld sein, und der Gesundheitsminister. Der Bundeskanzler wird in einer Sonder-ZiB1 erklären, dass er bereit ist, Österreich zu retten. Zur Not auch mit der FPÖ…

Titelbild: APA Picturedesk

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