So reagierte die Weltpresse auf die Trump-Sperre

Der Ausschluss Trumps aus sozialen Medien rief viele Reaktionen hervor. Internationale Tageszeitungen kommentierten die Sperre. 

Wien, 11. Jänner 2021 |

“Neue Zürcher Zeitung”:

“Nimmt man spaßeshalber an, die Sperrung sei angemessen – so seltsam die Umstände auch anmuten mögen -, was ist dann mit Hasspredigern, die auf Twitter zur Zerstörung Israels aufrufen, wie es (Irans Oberster Führer) Ayatollah Chamenei tut? Was ist mit den Menschen, die auf Twitter die Enthauptung des französischen Lehrers Samuel Paty durch einen Islamisten bejubeln? Ist das nicht ebenfalls als “Aufruf zu Gewalt” interpretierbar? (…)

Wäre es überhaupt angemessen, Menschen virtuell zu löschen, nur weil sie lügen? Sprache bleibt vor allem dann beherrschbar, wenn sie sichtbar ist und nicht im Dark Web verschwindet. Nur so nimmt man ihr die potenziell bösartige Kraft. Da weder Twitter noch Facebook oder Youtube je Anstalten gemacht haben, autokratische Hetzer wie (den türkischen Präsidenten) Erdogan, (den ehemaligen und den heutigen iranischen Präsidenten) Ahmadinedschad und Rohani wegen der Verletzung ihrer Nutzungsbedingungen zu sperren, ist die gegenwärtige Säuberungsaktion rein (innen-)politisch motiviert.”

“Tages-Anzeiger” (Zürich):

“Ob das reicht, den Noch-Präsidenten zum Schweigen zu bringen? Kaum. Nicht nur das. Die späten Blockierungsversuche sind scheinheilig: Die Social-Media-Milliardäre im Silicon Valley haben mindestens so viel von Trump profitiert wie Trump von ihnen. Viele Menschen hätten nie von Twitter gehört, wenn Trump den Nachrichtendienst nicht zu seiner Bühne gemacht hätte. Der vormalige Reality-TV-Star ist mit Mark Zuckerberg und seinen Kollegen im Lift hoch gefahren – bis ins Weiße Haus. Nun werfen sie ihn raus.

Aber wie Goethes Zauberlehrling werden die Tycoons nicht so schnell los, was sie selber heraufbeschworen haben. An Twitter und Facebook haftet jetzt definitiv die Schande, als Megafon für Lügen, Hass und Wahn die Demokratie zu gefährden, in den USA und anderswo.

Die Zauberlehrlinge wollen sich jetzt als Teil der Lösung darstellen. Das wird nicht aufgehen. Trotz schon zahlreicher Skandale haben sie es verpasst, angemessen und glaubwürdig auf den Missbrauch ihrer Plattformen zu reagieren. Fehlgeleitet vom Diktat des Profits, haben sie konsequent favorisiert, was ihre User auf ihren Sites hielt.”

“De Standaard” (Brüssel):

“Angesichts der Verletzbarkeit der Demokratie, die erneut deutlich geworden ist, sind Aufrufe zur Gewalt zu Recht verboten, ist Holocaust-Leugnung verständlicherweise strafbar und gibt es gute Argumente dafür, die Verherrlichung von Terrorismus – sofern dies klar definiert ist – einzudämmen. Nur ist es nicht die Sache von Firmenchefs, die Grenzen zu bestimmen. Schon gar nicht, nachdem sie dank eines Teufelspakts mit den neuen Volksverführern zusammen groß geworden sind. Trumps 89 Millionen Follower haben Twitter durchaus nicht geschadet. Die Wende, die Jack Dorsey und Mark Zuckerberg nun vollzogen haben, ist daher kaum überzeugender als die jener republikanischen Gefolgsleute Trumps, die erst nach dem 6. Jänner die andere Seite der Geschichte wählten – um politisch zu überleben.

Es ist Sache des Parlaments, gleiche Bedingungen für die freie Meinungsäußerung zu garantieren, deren Grenzen zu bestimmen und die Monopole auf die Wahrheit zu zerbrechen. Big Tech ist nicht der Hüter der Meinungsfreiheit. Dafür braucht es die Politik, die vom Parlament mit einem Mandat von uns bestimmt wird, den Wählern.”

“Libération” (Paris):

“Innerhalb eines Wochenendes musste (Donald Trump) zusehen, wie seine Facebook-, Instagram-, Twitter-, Snapchat- und Twitch-Kanäle teilweise endgültig geschlossen wurden. (…) Als Meister eines wahren digitalen Amtsenthebungsverfahrens haben (Facebook-Chef Mark) Zuckerberg, (Twitch-Besitzer Jeff) Bezos, (Twitter-Chef Jack) Dorsey und die anderen den scheidenden Präsidenten zum Schweigen gebracht. (…) Die symbolische Tragweite der Ereignisse und die Toten (…) haben die Tech-Giganten dazu überzeugt, zu handeln. Kommt das zu spät? Nach Jahren der rassistischen Äußerungen und Lügen auf jeden Fall.”

(apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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