Not a Bot – Tausend kleine Traurigkeiten

Menschliche Kommentare von Daniel Wisser

Jeden Samstag kommentiert Schriftsteller Daniel Wisser an dieser Stelle das politische Geschehen. Dabei kann es durchaus menscheln – it’s a feature, not a bug!

 

Daniel Wisser

Wien, 16. Jänner 2021 | Eine Ministerin in unserem Land strebt mit einer Arbeit, die keinem wissenschaftlichen Standard entspricht, sondern wertlos und peinlich ist und haufenweise Plagiate beinhaltet, einen akademischen Titel an (Traurigkeit #1). Sie erstellt das traurige Pamphlet neben ihrer Regierungsarbeit (Traurigkeit #2), ist aber zu gierig, Geld für ein Lektorat auszugeben (Traurigkeit #3), da sie offenbar davon ausgeht, dass sie als Politikerin ohnehin durchgewunken wird (Traurigkeit #4).

Plagiierte Rechtfertigung für ein Plagiat

Diese Ministerin ist in einer Regierung tätig, die mittellosen Menschen den Zugang zum Studium erschwert (Traurigkeit #5) und Arbeitenden ein selbst finanziertes Studium erschwert (Traurigkeit #6). Richtigerweise tritt sie zurück, als ihre Arbeit öffentlich wird, entschuldigt sich aber nicht für ihr Verhalten (Traurigkeit #7), sondern gibt vor, ihre Familie vor Angriffen schützen zu wollen (Traurigkeit #8) und plagiiert auch ihre Rechtfertigung: Sie habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst (Traurigkeit #9). Diese Ministerin war bis vor Kurzem für Arbeit zuständig. Österreich hat zurzeit über eine halbe Million Arbeitslose (Traurigkeit #10).

Traurige Analyse

Der ORF hat über die Angelegenheit lange gar nicht berichtet (Traurigkeit #11). Erst als die Ministerin zurücktrat, berichtete die ZiB1. Hans Bürger (Traurigkeit #12) erklärte, Sebastian Kurz trage für die Ministerin keine Verantwortung, sie sei ihm von einer Landespartei aufgezwungen worden (Traurigkeit #13). Aus derselben Landesorganisation stammt der Präsident des Bundesrates, dessen akademischer Titel ihm im Jahr 2017 wegen Plagiaten und Verstößen gegen die wissenschaftliche Praxis aberkannt wurde (Traurigkeit #14). Wenn überhaupt, werden diese Vorgänge in der ZiB1 von einem befangenen ÖVP-Anhänger »analysiert« (Traurigkeit #15). ORF-Mitarbeiter*innen sagen einem heute hinter unvorgehaltener Hand, man könne die ZiB1 »vergessen«, denn die Sendung werde von Gerald Fleischmann, dem Medienbeauftragten des Kanzlers, im Alleingang verfasst (Traurigkeit #16).

Ich bin es nicht gewohnt, Traurigkeit und Resignation als Reaktion auf politisches Geschehen zuzulassen. Im Haus meiner Eltern wurden Tag und Nacht Nachrichten- und Informationssendungen geschaut, es wurde diskutiert und gestritten, auch wenn Gäste kamen. Meine Eltern waren Sozialisten, doch sie haben nicht nur mit Gleichgesinnten diskutiert. Der beste Freund meines Vaters war Christlich-Sozialer, Teile seiner Familie bekleideten für die ÖVP politische Ämter. Freundschaft und divergierende politische Ansichten widersprachen einander nicht. Das gibt es heute nicht mehr (Traurigkeit #17).

Neue Welten

Ich habe meine ganze Jugend mit Lesen, Hören und Schauen von Kultur- und Informationssendungen verbracht. Z. B. war die Sendung Kunststücke des ORF ein immens wichtiges Bildungsmedium für Kultur; eine Sendung, die mir neue, unbekannte Welten erschloss, zu denen ich sonst keinen Zugang hatte. Die politischen Informations- und Diskussionssendungen in Radio und Fernsehen waren von hoher Qualität und Interviews wurden hart geführt (viel härter als heute). Mit dem profil gab es ein wichtiges (wirklich parteiunabhängiges) Medium und ab 1988 erschien mit Der Standard auch eine liberale Zeitung von herausragender Qualität.

Verdeckte Subventionen

Heute macht eine Tageszeitung tatsächlich die Frage zum Thema, ob ein ORF-Moderator das Recht hat, den Bundeskanzler bei einem Interview zu unterbrechen (Traurigkeit #18). Jeder weiß, dass diese Tageszeitung die Angelegenheit im Auftrag einer Partei thematisiert (Traurigkeit #19). Wie viele regierungskonforme Blätter bekommt auch diese Zeitung staatliche Förderungen und verdeckte Subventionen durch Schaltung von Regierungsinseraten (Traurigkeit #20). Trotz Unterstützung der Covid-Maßnahmen der Regierung bringt diese Zeitung ein ganzseitiges Inserat von Corona-Leugnern (Traurigkeit #21).

Somewhere over the Tellerrand

Schau doch einmal über den Tellerrand und beschäftige dich nicht nur immer mit Österreich, rät man mir. Nun gut. Ich blicke also ins Ausland und sehe, wie in den USA just jene Menschen, die auf das Recht pochen, jemanden der sich auf ihrem Grundstück aufhält, mit ihren Waffen zu erschießen (Traurigkeit #22), gewaltsam in ein Gebäude eindringen, das dem amerikanischen Volk gehört (Traurigkeit #23), weil sie eine Wahlentscheidung des Volkes nicht akzeptieren wollen (Traurigkeit #24). Ich sehe, wie der Präsident, der diesen Putsch angezettelt hat (Traurigkeit #25), sich nicht dafür entschuldigt (Traurigkeit #26). Und während sich seine eigene Partei von ihm abzuwenden beginnt, erhält er Rückendeckung vom österreichischen Außenminister (Traurigkeit #27). Oh, nein. Ich bin schon wieder in Österreich (Traurigkeit #28).

Friedscher Unfriede

Glücklicherweise wird aus meiner Traurigkeit manchmal Wut. Die Situation in unserem Land ist schmerzhaft, physisch schmerzhaft. Man kann nicht immer traurig oder wütend sein. Das ist ungesund. Das Leben in einer Pandemie ist herausfordernd genug. Muss ich jetzt auch noch politisch Abstand halten, zu Hause bleiben?

Seit dem Präsidentschaftswahlkampf 2016 (Traurigkeit #29) ist Österreich weit nach rechts gerückt (Traurigkeit #30). 2017 ist aus der bürgerlichen ÖVP eine Rechtspartei geworden (Traurigkeit #31). Seit Kurz (Traurigkeit #32) Kanzler ist, gibt es keine Diskussionen mehr (Traurigkeit #33), keine Kompromisse (Traurigkeit #34), keine politische Ethik (Traurigkeit #35), keinen Pluralismus (Traurigkeit #36), keine Visionen (Traurigkeit #37), keine freie Presse (Traurigkeit #38), keine Bereitschaft, Bedürftigen zu helfen (Traurigkeit #39). Seit Kurz Kanzler ist gibt es keinen Fortschritt bei sozialer Gleichheit (Traurigkeit #40), Gleichberechtigung von Frau und Mann (Traurigkeit #41), Umweltschutz (Traurigkeit #42), Gesundheit (Traurigkeit #43) oder Kultur (Traurigkeit #44).

Mein Heimatland ist Österreich

Äußert man in Österreich Kritik, wird einem unverhohlen geantwortet, man solle doch in ein anderes Land auswandern, wenn es einem hier nicht passe (Traurigkeit #45). Die Menschen wollen nicht wahrhaben, dass nur Kritik und Kritikfähigkeit zur Verbesserung von Zuständen führt. Wahre Patrioten erstürmen nicht mit der Fahne in der Hand das Parlament, sondern versuchen das Land zu verbessern. Wahre Patrioten wandern nicht aus, es sei denn, sie werden dazu gezwungen. Oder, um es mit Bruno Kreisky zu sagen: Mein Heimatland ist Österreich, es wird es immer sein und war es immer, auch als Nazis dieses Land regierten. (Traurigkeit #46).

Sie bekommen nichts

Traurige und Wütende müssen einen Weg finden, ohne Frustration und unter dem nötigen Selbstschutz mit der Lage umzugehen: Entweder, indem sie in diesem großen Schweigen ihre Stimme erheben (das ist anstrengend, aufreibend und bringt einem viel Anfeindung ein) oder, indem sie passiven Widerstand gegen den Übergang Österreichs in einen autoritären Staat leisten.

Die, die noch auftauchen können aus dieser Nudelsuppe, auf der die Regierung daherschwimmt, müssen wissen: Nur wenige bekommen für ihr Buckeln Geld, Doktortitel, Posten, Ehrenmitgliedschaften in der Parteijugend oder das Du-Wort des Kanzlers. Die meisten bekommen dafür NICHTS (Traurigkeit #47). Was hingegen alle bekommen, ist ein kaputtes Land. (Traurigkeit #48)

Die Traurigkeiten #49 bis #1000 müssen Sie selbst auflisten. Der Artikel ist jetzt schon zu lang.

Der Kommentar spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider. Mehr vom Autor finden Sie hier.

Titelbild: APA Picturedesk

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