Rabensteiner: Schall & Rauch

„Gegen all euer Leiden verschreibe ich euch Lachen“, sagte der französische Arzt und Humanist François Rabelais. Die wöchentliche Dosis Medizin verabreicht Fritz Rabensteiner

 

Fritz Rabensteiner

Wien, 16. Jänner 2021 |

Reporter: „Herr Minister, am 20. Jänner wird mit Joe Biden der neue US-Präsident angelobt. Bedeutet das eine gewisse Erleichterung für die internationale Diplomatie?“

Schallenberg: „Man muss das in einem größeren Kontext sehen. Präsidenten kommen und gehen. Das ist der Kreislauf des Lebens, dem wir alle, und unsere Liebsten, ständig unterworfen sind. Denken sie an Hölderlins Text vom Werden im Vergehen. Oder Nietzsches Wille zur Macht. Dies ist ein dionysisches Bejahen der ewigen Kreisläufe von Leben und Tod, Entstehen und Vergehen, Lust und Schmerz, eine Urkraft, die das Rad des Seins in Bewegung hält. Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.“

Reporter: „Lassen sie es mich anders formulieren. Internationale Beobachter sind einhellig der Meinung, dass Trump die amerikanische Gesellschaft nachhaltig gespalten hat. Durch hunderte Lügen und Hassbotschaften auf Twitter und im Rahmen seiner öffentlichen Auftritte. Nicht zuletzt durch seine ständige Behauptung, er wäre bei der Wahl um eine weitere Amtsperiode betrogen worden, hat er seine Anhänger dazu ermutigt, das Kapitol zu stürmen.“

Schallenberg: „Jede Beschäftigung mit dem komplexen Verhältnis zwischen Politik und Lüge kommt nicht umhin, auf jenes berühmte Verdikt einzugehen, das Platon den Dichtern angedeihen lässt. Nach der Vulgata hat Platon die Dichter aus dem Staat ausgeschlossen, weil diese Lügen verbreiten würden, wobei damit zumeist die Fähigkeit der Dichter gemeint ist, unwahre Geschichten zu erfinden, also die Fähigkeit, Fiktionen zu erschaffen. Wenn man den platonischen Dialog allerdings etwas genauer anschaut, erscheint diese Deutung als fragwürdig. Auch wenn unstrittig ist, dass Platon die Dichter aus dem Staat ausschließen will und dass er sie kritisiert, weil sie nur Nachbildner von Schattenbildern seien, so findet sich bei ihm keine kategorische Verdammung der Lüge. Ganz im Gegenteil: Platon verdammt vor allem die „Lüge der Seele“, die in der heutigen Diktion dem Irrtum entspricht.“

Reporter: „Sie meinen also Trump hat nicht gelogen, sondern sich geirrt?“

Schallenberg: „Ja. Und er wurde falsch verstanden.“

Reporter: „Und seine Behauptung, wir würden in Waldstädten wohnen?“

Schallenberg: „Das hat er metaphorisch gemeint. Wir Österreicher sind Kinder des Waldes. Er ist unsere Heimat – und gleichzeitig ist er uns fremd und unheimlich. Kein Wunder, dass der Wald dem Menschen vielerlei bedeutet: Mal ist er Tempel seiner Götter, mal äußerste Gefahr, dann wieder Rückzugsort und Lehrmeister. Im Spiegel seiner Wälder wird der Mensch zum Menschen. Denn dort entdeckt er in der Tiefe seiner Seele, was er wahrhaft ist: ein Kind der Erde und ein Bürger der Natur, der gut beraten ist, die Weisheit der Wälder zu ergründen.“

Reporter: „Trump ist also nicht verrückt?“

Schallenberg: „Manchmal mache ich auch verrückte Dinge. Ich bin gestern ohne Hosenklammer mit dem Fahrrad gefahren.“

Reporter: „Danke für das Gespräch.“

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Titelbild: APA Picturedesk

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