Megaevent trotz Diktatur:

Eishockey-WM in Belarus

Während der belarussische Diktator Lukaschenko seine Staatsbürger willkürlich verhaftet und foltert, soll im Mai in Minsk die Eishockey-WM als Megaevent über die Bühne gehen. Jetzt regt sich Widerstand, die Hauptsponsoren drohen bereits mit dem Rückzug.

Update 18.01.2021, 16:50 Uhr: Wie die russische Nachrichtenagentur TASS meldet, wird Belarus die heurige Eishockey-WM entzogen. Mehr dazu morgen auf ZackZack

Wien, 18. Jänner 2021 | Die Eishockey-WM soll vom 21. Mai bis 6. Juni im lettischen Riga und im belarussischen Minsk stattfinden. Die Regierung des EU-Mitglieds Lettland hatte bereits im vergangenen Jahr Druck auf die IIHF und den eigenen Verband gemacht, nicht mit Belarus zusammenzuarbeiten. Jezt schließen sich zahlreiche internationale Politiker an und fordern einen Boykott des Megaevents in Belarus. Auch der Hauptsponsor “Skoda” droht mit einem Rückzug.

Offener Brief der NEOS an Sport- und Außenminister

„Es kann nicht sein, dass Nationalmannschaften in einer Halle um Medaillen kämpfen, während die unterdrückte Bevölkerung erbittert um ihre Grundrechte kämpfen muss“, heißt es in einem offenen Brief, mit dem sich Yannick Shetty und Helmut Brandstätter (beide NEOS) an Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler (Grüne) sowie Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) wenden.

Sie fordern “nachdrücklich dazu auf, für unsere europäischen Grundwerte sowie die Neutralität des Sports einzutreten, auf internationaler Ebene deutlich gegen die Ausrichtung der Eishockey-WM 2021 in Belarus Stellung zu beziehen und sich konstruktiv an der Findung einer Alternative zu beteiligen”.

Österreich ist sowieso nicht für die WM qualifiziert – unabhängig davon gibt es aber politischen Widerstand gegen das Turnier, das Lukaschenko beim Bemühen, Normalität im Land zu signalisieren, in die Hände spielt.

“Ihr werdet nicht im Stich gelassen”

Ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments und Belarus-Experte Josef Weidenholzer (EU-Abgeordneter a.D., SPÖ) solidarisiert sich mit den Menschen in Belarus und spricht sich gegenüber ZackZack für den Boykott der WM aus:

“Seit mehr als fünf Monaten protestieren überall in Belarus die Menschen täglich gegen den Langzeitdiktator Lukaschenko, dem sie massiven Wahlbetrug vorwerfen. Trotz exzessiver Anwendung von Gewalt und Inhaftierungen geben sie nicht auf. In der europäischen Nachkriegsgeschichte ist dieser friedliche Protest, der von mutigen Frauen aller Altersgruppen und unterschiedlicher sozialer Herkunft angeführt wird, ohne Beispiel”,

so Weidenholzer. Der Boykott der Spiele der Eishockey WM in Belarus sei ein wichtiges Signal an die tapferen Menschen im Land: “Ihr werdet von der demokratischen Welt nicht im Stich gelassen!”

Hauptsponsor droht mit Ausstieg

Der Autobauer “Skoda” droht dem Eishockey-Weltverband IIHF derweil, sich als WM-Sponsor zurückzuziehen, sollte Weißrussland (Belarus) die Weltmeisterschaft in diesem Jahr nicht entzogen werden. Das teilte das zum VW-Konzern gehörende tschechische Unternehmen am Samstag gegenüber der APA mit. Seit Wochen wächst nun der Druck auf den Weltverband IIHF, Weißrussland das Turnier wegen der Verstöße gegen die Menschenrechte unter Machthaber Alexander Lukaschenko wieder zu entziehen.

“Wir sind seit 28 Jahren ein stolzer Partner der IIHF Hockey-Weltmeisterschaft. Aber wir respektieren und fördern auch die Menschenrechte”,

twitterte Skoda am Samstag.

In Belarus berichteten Medien, dass die Marke “Nivea Men” bereits am Vortag ihren Rückzug als Sponsor angekündigt habe, sollte die WM in Minsk ausgerichtet werden.

Damit relativiert sich die Befürchtung von IIHF-Präsident Rene Fasel eines erheblichen finanziellen Schadens, sollte der Vertrag mit Belarus nicht eingehalten werden. Das Exekutivkomitee der IIHF will am 25. und 26. Jänner erneut über die WM beraten.

“Wir haben seit vergangenem Herbst einen Plan B”,

sagte Fasel, der am vergangenen Montag einen umstrittenen Besuch bei Lukaschenko in Minsk absolviert hatte. Fasel hatte zuletzt eine WM nur in Lettland, in der Slowakei oder in Dänemark ins Spiel gebracht.

Haltung zeigen

Auch der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) äußerte sich verärgert über das Megaevent in Richtung des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) und befürwortet wegen der massiven Unterdrückung der Demokratiebewegung in Belarus den Entzug der Eishockey-WM.

“Das wäre das größte PR-Geschenk für Lukaschenko und ein verheerendes Signal an die Demonstrierenden. Ich hoffe, dass auch die Organisatoren das einsehen. Das ist keine Frage von politischem Kalkül, sondern von Haltung“,

drängt Maas. Wer es ernst mit der Solidarität mit Belarus meine, könne in dieser Lage nicht ernsthaft eine Weltmeisterschaft abhalten, so Maas gegenüber der „Funke Mediengruppe“ vergangenen Donnerstag.

Schatten über Belarus

Die EU erkennt Lukaschenko seit der als gefälscht eingestuften Präsidentenwahl vom 9. August nicht mehr als Präsidenten an. Dutzende Staaten haben Sanktionen gegen Funktionäre des Machtapparats erlassen. Bei Protesten gegen Lukaschenko gab es seit August mehr als 30.000 Festnahmen, Hunderte Verletzte und zahlreiche Tote. Zudem steht Belarus wegen mangelnder Corona-Schutzmaßnahmen in der Kritik.

Einblicke in die aktuelle Situation geben zahlreiche Videos auf Twitter. So auch von einem User, der seinen Respekt an die protestierenden Menschen in Belarus ausspricht, die auch nicht die Kälte von -25 Grad davon abhält, auf die Straße zu gehen:

Eine belarussische Journalistin, Hannaa Liubakova, twitterte am Montag, das mindestens 20 Menschen allein am Sonntag verhaftet wurden – darunter Geschäftsleute und Rettungssanitäter, weil sie weiß-rot-weiße Flaggen schwenkten.

(jz/apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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