Schulunterricht (fast) wie immer

Ausnahmeregelung zur Testvorbereitung oft überstrapaziert

Seit 26. Dezember 2020 befindet sich Österreich im dritten „harten“ Lockdown, zumindest sieht die Regierung das so. So hart ist er aber nicht, wie ungeschützte Arbeitsstätten, gefährliche Fortbildungen, der Wintertourismus und nun auch die Schulen zeigen.  Während viele Schüler seit rund drei Monaten nicht mehr in der Schule waren, haben andere de facto Präsenzunterrricht. Eine Recherche von Florian Bayer

 

Wien, 18. Jänner 2021 | Geht es nach dem Bildungsminister Heinz Faßmann, sollen seit den Weihnachtsferien alle Schülerinnen und Schüler „durchgehend“ im Distance Learning unterrichtet werden. Für AHS-Oberstufen, berufsbildende höheren Schulen und Berufsschulen gilt aber die Ausnahme, dass Schüler in der AHS-Oberstufe „klassen- bzw. tageweise an die Schulen zurückkehren, damit Leistungsfeststellungen und eine entsprechende Vorbereitung darauf erfolgen können.“

Dies besagt ein Erlass des Bildungsministeriums. Er sollte ursprünglich bis 18. Jänner gelten, wurde zuletzt aber um eine Woche verlängert. Seit dem Wochenende wissen wir, dass es bis Semesterende bei Distance Learning bleiben soll. Wie eine ZackZack-Recherche ergab, wird diese Ausnahmemöglichkeit von manchen Schulen recht weitreichend ausgelegt. Vielerorts gibt es eigentlich Präsenzunterrricht, nicht nur zur Prüfungsvorbereitung.

Niederösterreich (AHS): Unterricht, bis der Bus kommt

So räumt ein Schuldirektor (AHS) aus dem südlichen Niederösterreich auf unsere Anfrage ein, dass die Schüler zwar für einzelne Vorbereitungsstunden in Schularbeitsfächern kommen, aufgrund der mangelnden Busverbindung dann aber gleich den ganzen Vormittag bleiben. Der erste Bus in die nächstgrößeren Gemeinden gehe erst zu Mittag, bis dahin müssten die Kinder beschäftigt werden.

Der Stundenplan liegt uns vor, allein in dieser Woche muss jede Oberstufenklasse zwei- bis dreimal in den ganz regulären Präsenzunterricht, für jeweils fünf bis sechs Stunden lang. Auch Doppelstunden in „Bildnerischer Erziehung“ , Religionsstunden und „naturwissenschaftliche Labore“ stehen auf dem Plan.

„Es ist alles legal, weil jeder jeden Spielraum ausnützt“, sagt eine besorgte Mutter. Auch der Direktor meint, es sei alles im erlaubten Bereich. Dass tatsächlich nur Vorbereitungsstunden, aber kein Regelunterricht erlaubt sind, sieht der Direktor nicht als Problem.

Jeder Schüler habe die Möglichkeit, fernzubleiben, wenn er darauf bestünde. Überdies sei die Rückmeldung der Schüler grosso modo positiv. Die betroffene Mutter sieht das anders und sorgt sich vor einer Ansteckung, sowohl im vollen Schulbus wie auch in den vollen Klassenzimmen. Alle Kinder kämen in den Präsenzunterricht, sagt sie.

Burgenland (HAK/HAS): Täglich Kontakt zu 30 Haushalten

Von einer überfüllten Klasse mit 30 Schülerinnen und Schülern und teilweise neunstündigen Schultagen (HAK/HAS) in dieser Woche berichtet eine Mutter aus dem Burgenland. „Ich bin sauer, denn wir halten uns alle die Regeln, aber meine Tochter muss 30 Haushalte in ihrer Klasse treffen. Das passt nicht zusammen“, sagt sie.

Zwar sei es grundsätzlich gut, dass wieder ein Schulbetrieb stattfindet, doch sei die Art und Weise, wie das passiert, „nicht optimal“. Wenn es für notwendige Vorbereitung diene, sei es okay, sagt sie. „In dieser Form, wie das passiert, ist es aber unverantwortlich.“

Niederösterreich (BORG): Normaler Unterricht

Seine 16-jährige Tochter wurde allein diese Woche dreimal in die Schule (BORG) bestellt, berichtet ein Vater aus Niederösterreich. „Es findet ganz normaler Unterricht laut Stundenplan statt, auch in Fächern ohne Tests und Schularbeiten. 28 Schüler sind im Raum, es gibt keine Maßnahmen zur Verdünnung, das heißt, sie können nicht einmal einen Meter Abstand halten“, sagt der Vater.

Lehrer sollten zwar FFP2-Masken tragen, de facto tun das aber nicht alle, berichtet er. Auch werde nicht regelmäßig gelüftet, und selbst die wenigen Schüler, die eine ordentliche FFP2-Maske tragen, nähmen diese in der Pause meist ab. Auch vom nun geplanten Schichtbetrieb ab 25. Jänner hält er nichts. „Das ist so kurz vor den Ferien mit B117 sinnlos und fahrlässig.“

Vorarlberg (Volksschule): Trotz Verbots Unterricht

In Pflichtschulen muss der Unterricht laut aktuellem Erlass komplett „ortsungebunden“ erfolgen, also im Distance Learning.  Präsenzunterricht ist nicht erlaubt, sondern lediglich „Betreuung und pädagogische Unterstützung“, die vor allem für die Kinder von berufstätigen Eltern, jedenfalls aber als Ausnahme gedacht sind.

Viele Schüler sitzen seit drei Monaten zu Hause. Andere haben de facto normalen Unterricht. Bild: APA Picturesdesk

Auch diese Ausnahme ist aber häufig keine. Während manche Schulen den Erlass strikt umsetzen, gibt es in anderen eigentlich Präsenzunterricht. Auch in manchen Volksschulen werde ganz normal weiterunterrichtet. „Es ist im Prinzip normaler Unterricht, ohne Schulpflicht. Die meisten kommen trotzdem.“ Das erzählt ein Vater. Bloß drei von 20 Kindern aus der Klasse seiner Tochter würden die Aufgaben zu Hause machen, für sie gebe es eine Liste mit Schulbuch-Seitenangaben und Arbeitsblätter. Alle anderen seien in der Klasse im Präsenzunterricht.

„Man fühlt sich einfach verarscht. Die Durchseuchung der Kinder wird in Österreich sowieso kommen. Die Impfung kommt zu spät, bis dahin werden die Maßnahmen längst aufgehoben sein. Österreich versagt im Schutz seiner Bevölkerung“, sagt der Vater, der im Gesundheitsbereich arbeitet. Der Lockdown sei ungerecht, die gesamte Last liege bei wenigen, der Rest führe ein normales Leben.

Mehr und mehr Kritik wird laut

Anders als manche Medienberichte und Straßenbefragungen zeigen, sehen auch viele Schülerinnen und Schüler die geplanten Schulöffnungen – ob mit Antigentests oder nicht – als äußerst kritisch an.

„Inzwischen, 10 Monate nach den erstmaligen Schulschließungen, sind die Schulen noch immer nicht sicher und sollen nun dennoch geöffnet werden. Unsere Gesundheit darf nicht länger durch die Fehler des Bildungsministeriums gefährdet werden“, schreibt die aks Wien in einer Aussendung.

Es könne nicht sein, dass man ab 25. Jänner für wenige Tage Präsenzunterricht nach Notenschluss den mühsam erreichten Vorsprung im Distance Learning „durch einen symbolpolitischen Akt“ – also die Schulöffnung – verspiele, heißt es von der aks Wien. Die Infektionslage sei derzeit „einfach zu gefährlich“.

Dass die derzeit geltenden Ausnahmen für Test- und Schularbeitsvorbereitung „durchaus genutzt, aber nicht überstrapaziert“ werden, berichtet ein aks-Vertreter. „Ich find es werden die falschen Prioritäten gesetzt. Anstatt dass die Matura-Jahrgänge in die Schulen kommen, wird meine Klasse für einen 10-minütigen Multiple-Choice-Test hereingeholt“, sagt ein anderer Schüler. Manche haben kaum Präsenzunterricht, andere hingegen zweimal pro Woche.

Nicht im Sinne des Infektionsschutzes

In Summe ein uneinheitliches Bild, durchgängig werden die geltenden Bestimmungen jedenfalls nicht eingehalten. Wie so oft werden gesetzliche Rahmenbedingungen oftmals exzessiv ausgeschöpft und manchmal überstrapaziert. Ausnahmen werden zur Regel. Dies mag meist im Rahmen des Erlaubten, kann aber nicht im Sinne des Infektionsschutzes sein, mit dem ja alle Maßnahmen begründet werden.

Wir haben sowohl beim Bildungs-, als auch Gesundheitsministerium zu den geschilderten Problemfällen und etwaigen Nachbesserungen bezüglich Ausnahmeregelungen nachgefragt, erhielten aber keine Antwort.

Beide Ministerien und auch die AGES haben wir nach Daten zu den bisherigen und aktuellen Corona-Infektionszahlen in Schulen gebeten. Diese Zahlen liegen vor, da betroffene Schulen sie behördlich melden müssen, werden aber offenbar unter Verschluss gehalten. Auch diese ZackZack-Anfrage blieb unbeantwortet.

Titelbild: APA Picturedesk

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