Bald: Wohnzimmertests statt Lockdown

Sind die Tests der wahre „Gamechanger“?

Österreichs Impfplan ist Geschichte. Gibt es jetzt Lockdown bis zum Sankt-Nimmerleinstag? Nein. Der neue Plan heißt „Wohnzimmertests“.

 

Thomas Walach

Wien, 27. Jänner 2021 | Die Impfstoffhersteller können erst einmal nicht liefern, Österreichs ursprünglicher Impfplan ist dadurch gescheitert. Jede Woche Lockdown kostet laut Berechnung des IHS rund 1,5 Milliarden Euro und vernichtet Existenzen. Es braucht einen neuen Plan.

Das schafft jeder

Er heißt „Wohnzimmertests“. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner macht sich schon seit Wochen dafür stark, international setzen sich angesehene Virologen dafür ein. Jeder in Österreich soll gratis Antigentests erhalten, um sich selbst mehrmals wöchentlich zu Hause zu testen.

Die Anwendung dieser Tests ist kinderleicht. Nicht umsonst werden sie seit vergangener Woche vom Bildungsministerium unter anderem an Volksschüler verteilt. Im Gegensatz zu den verbreiteten Staberltests ist das Ganze nicht unangenehm und in weniger als einer Minute erledigt. Das Staberl muss nur ein bis zwei Zentimeter weit in die Nase – das ist wirklich “wie Nasenbohren”, wie es in den Anleitungsvideos für Schüler heißt. Eine Viertelstunde später hat man das Ergebnis. In den Schulen laufen die Selbsttests nach gehörigen Anfangsschwierigkeiten für die Logistik gut.

Die gängigen Tests erinnern an Riesenlollys. Nach 15 Minuten ist das Ergebnis da. Bild: ZackZack

Die Hersteller geben die Zuverlässigkeit der Tests mit etwa 98 Prozent an. Selbst wenn – wie einige Studien nahelegen – die Trefferquote tatsächlich darunter liegen sollte, könnte durch den großflächigen Einsatz verhindert werden, dass Menschen andere anstecken, weil sie nicht wissen, dass sie das Coronavirus in sich tragen. Wer beim Wohnzimmertest positiv ist, bräuchte wie üblich einen aufwendigeren PCR-Test zur Überprüfung.

Kann das klappen?

Die meisten falsch-negativen Ergebnisse bei Antigentests kämen daher, dass die Viruslast so gering sei, dass von der betroffenen Person ohnehin keine Ansteckungsgefahr ausgehe – das sagen 74 Virologen, die gemeinsam die Initiative Rapidtests gegründet haben. Keine Maßnahme gegen das Virus müsse perfekt sein. Es reiche, wenn sie in Summe funktioniere.

Wie viele müssten mitmachen, damit die Pandemie eingedämmt werden kann? Harvard-Professor und Epidemiologe Michael Mina ist international der bekannteste Befürworter der Wohnzimmertest-Strategie. Mina sagt: „Wenn sich die Hälfte der Bevölkerung alle vier Tage selbst testet, können wir einen ähnlichen Effekt wie die Impfung erzielen.“

Pamela Rendi-Wagner setzt sich seit Wochen für die Wohnzimmertests ein. Bild: APA Picturedesk

Auch Gerry Foitik vom österreichischen Roten Kreuz zeigt sich auf ZackZack-Anfrage hoffnungsvoll: Er vertraue den Experten – allen voran Mina, aber auch den Simulationen Niki Poppers und Peter Klimeks. Alles spräche dafür, dass die Selbsttests ein „Riesenschritt“ wären. Schon durch diese Maßnahme alleine ließe sich die Pandemie bis zur Impfung „gut in den Griff bekommen“. In Kombination mit anderen Maßnahmen wie FFP2-Masken und Abstandhalten hätte man einen „enorm dämpfenden Effekt.“

Ohne Zwang

Doch ist nicht die Regierung bereits mit ihrer „Freitesten“-Strategie gescheitert? SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner betont gegenüber ZackZack, dass der Wohnzimmertest-Plan auf freiwilligem Mitmachen beruhe. Würden sich die Menschen zur Angewohnheit machen, sich zweimal pro Woche etwa vor dem Zähneputzen selbst zu testen, könne man die Infektionszahlen trotz Lockdownlockerung deutlich senken. Zwang oder Strafen will Rendi-Wagner nicht. Die SPÖ-Chefin appelliert an die vielzitierte „Eigenverantwortung“ der Menschen. Auch Gerry Foitik ist zuversichtlich. „Bei solchen Maßnahmen machen nie alle mit“, sagt der Rotkreuz-Chef. Das sei in den epidemiologischen Simulationen schon eingepreist.

Letzter Unsicherheitsfaktor: Mutationen

Einen Strich durch die Rechnung könnten allenfalls die neu aufgetretenen Mutationen des Coronavirus machen, warnt Foitik. Sollten gängige Antigentests nicht in der Lage sein, eine potenziell ansteckende Viruslast zu erkennen, müsse man auf die ungleich aufwändigeren PCR-Tests ausweichen. Das sei schwieriger, aber auch machbar, wenn es „wirklich gut organisiert wird“, so Foitik.

Gerry Foitik sieht in den Selbsttests einen “Riesenschritt” zur Eindämmung der Pandemie. Bild: APA Picturedesk

In Österreich Apotheken werden Antigenselbsttests derzeit um über 20 Euro angeboten, im Netz kann man sie als Großpackung um unter fünf Euro pro Stück beziehen. Im Rahmen einer österreichweiten Teststrategie wären sie gratis für alle.

Volkswirtschaftlich wäre der Tausch Wohnzimmertest gegen Lockdownende lohnend. Ein solcher Test kostet laut Michael Mina in der Produktion weniger als einen Dollar. Jedem in Österreich wöchentlich mehrere Tests zur Verfügung zu stellen, würde nur einen Bruchteil der Kosten für den Lockdown bedeuten.

Die Wohnzimmertests kommen

Eine politische Mehrheit für den neuen Plan zeichnet sich ab, einem entsprechenden Entschließungsantrag der SPÖ stimmen auch die Regierungsparteien zu. Der Jubel bei Pamela Rendi-Wagner ist – typischerweise – zurückhaltend: „Ich freue mich, dass die politische Bereitschaft da ist.“

Es wird absehbar einige Wochen dauern, bis eine österreichweite Testung anlaufen kann. Doch dann könnten die Wohnzimmertests bedeuten: Endlich kein Lockdown mehr.

Titelbild: APA Picturedesk

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