Brauchen wir wirklich diesen Great Reset?

Digitale “Davos Agenda” geht zu Ende

Der WEF-Gründer Klaus Schwab sieht durch die Corona-Krise eine einmalige Chance gekommen. Den Weg aus der aktuellen Krise diskutierten diese Woche unter anderem Angela Merkel, Xi Jinping und Wladimir Putin bei der „Davos Agenda“. Das Weltwirtschaftsforum findet ausnahmsweise erst im Mai statt. Angela Merkel zweifelte, ob „wir wirklich einen Great Reset brauchen.“

 

Wien, 29. Jänner 2021 | Die EU-Bevölkerung verharrt unter Corona-Ausgangssperren. Währenddessen traf sich die globale Polit- und Wirtschaftselite zum digitalen Davoser Stelldichein. Die „Davos Agenda“ wurde für eine Woche digital veranstaltet, im Mai trifft man sich dann in Singapur, zum eigentlichen Weltwirtschaftsforum (WEF).

Schwabs „Great Reset“

Klaus Schwab rückte durch sein im Sommer erschienenes Buch „The Great Reset“ ins Blickfeld von Globalisierungsgegnern, Fortschrittskritikern und Rechtsextremen. Seit Jahren etabliert er das Konzept des „Stakeholder Kapitalismus“. Ein Kapitalismus, der auch auf Umwelt und Belegschaft Acht geben soll. Das klingt ein bisschen nach „Sozialer Marktwirtschaft“.

Sein seit Monaten vergriffenes Buch lässt sich durchaus als sozialdemokratische Vision für das 21. Jahrhundert lesen, Kritiker sehen allerdings ein Programm einer globalen technokratischen Oligarchie. Zweifellos zeigt sich Schwab begeistert von den neuen technologischen Möglichkeiten durch die „vierte industrielle Revolution.“ Schwab selbst sagt zu seinen Gegnern im „Spiegel“:

„Jeder, der mein Buch liest, sieht, dass es eine Analyse der Folge der Pandemie ist, die grundsätzliche Trends aufzeigt, und nicht ein Rezeptbuch für einen totalen Überwachungsstaat oder ein marxistisches System.“

Allerdings hält sich der superreiche Schweizer mit seiner Bewunderung für China keinesfalls zurück. Beim Peking Forum im Dezember zeigte sich Schwab beeindruckt von Pekings Umgang mit Corona. Den totalitären Staat Pekings, der seine Bürger rigoros in die eigenen vier Wände einsperrt und Journalisten verschleppt, nimmt Schwab allerdings kaum in die Kritik.

Schwabs Rede für Peking im Dezember. Seine Bewunderung für China versteckt er nicht.

Stargast Xi

Lieber betont er das umfangreiche „Fenster von Möglichkeiten“, das sich durch Corona aufgetan habe. Auch das rückt ihn wohl ins Zentrum jener Personen, die den Lockdown scharf kritisieren. Für viele ist dieser nämlich mit harten ökonomischen Einbußen verbunden. Der Weg raus aus der Krise bleibt für Schwab einzig die Impfung.

Schwab sieht das Individuum in der Krise. Solange nicht alle geimpft sind, ist keiner sicher.

Als „Stargast“ begrüßte die „Davos Agenda“, durchaus passend, Chinas Herrscher Xi Jinping. Er sprach das erste Mal seit 2017 zum WEF. Die „schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg“ könne nur durch „Win-Win-Kooperationen“ bewältigt werden und „ideologische Vorurteile“ solle man durch Multilateralismus überwinden, so Xi. China werde einen „neuen Typ internationaler Beziehungen“ etablieren.

Merkel zweifelt an Schwabs Ideen

Ganz ähnlich wie Xi Jinping äußerte sich Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Eine „Stunde des Multilateralismus“ erlebe man aktuell, jetzt sei „der Zeitraum des Handelns gekommen.“ Deutschland wolle auch wieder verstärkt in Afrika investieren. Zum „Great Reset“, der an eine grundlegende Umstrukturierung der Gesellschaft denkt, fragte Merkel: „Brauchen wir wirklich einen Great Reset?” Statt die hohen Ambitionen in der Zielsetzung (wohl angesichts der Visionen, die Schwab in seinem Buch schildert), bräuchte es vielleicht mehr Entschlossenheit im Handeln, so Merkel.

Merkels Kritik an China war leise. „Zu Beginn der Pandemie war die Transparenz vielleicht nicht ausreichend, was die Informationen über den Ausbruch der Pandemie in China und auch was die Weitergabe der Informationen durch die Weltgesundheitsorganisation anbelangt.“ Es sei gut, dass nun eine WHO-Delegation den Ursprung des Virus untersuche. Auf den Handelsdeal mit China ist sie hingegen stolz. Auch Putin, der am Donnerstag sprach, folgte dieser Richtung: Er forderte mehr Multilateralismus und schwieg über Nawalny.

Mit Mehlwürmern die Welt retten

EU-Chefin Ursula von der Leyen betonte den Klimawandel und die Erderwärmung. Neue Desaster und neue Pandemien seien absehbar, „wir müssen jetzt reagieren.“ Wie man CO2 nachhaltig reduzieren will? Zwar träumt Schwab von einer Welt, in der alle mehr zu Hause bleiben und Urlaub in der Nähe machen, aber was Ernährung angeht, hat man tatsächlich einen Plan: Insekten.

Wenn sich das Steak keiner mehr leisten kann, essen eben alle Insekten. Dabei rettet man auch noch den Planeten.

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, Mitglied der WEF-Gruppe der „Young Global Leaders“ (gemeinsam mit Frankreichs Präsident Macron, Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn und rund 900 weiteren Personen), nahm in diesem Jahr nicht am virtuellen Treffen teil. Auch US-Präsident Joe Biden fehlte.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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