Kurz und Anschober gegen COVID-Experten

Im Corona-Blindflug

Wohin steuert Österreich? Peter Pilz kommentiert die jüngsten Entwicklungen der Pandemiepolitik, die sich nach kurzfristigen Stimmungen ausrichtet, statt auf Experten zu hören.

Peter Pilz

Wien, 07. Februar 2021 |

Rudi Anschober schnallt sich neben Sebastian Kurz an. „Wohin fliegen wir?“ – „Sicher nicht nach Tirol.“ – Haben wir einen Kurs?“ – „Bonelli schickt mir gleich die letzten Umfragen.“ – „Treibstoff?“ – „Astra Zeneca. Aber nicht viel.“ Nur eines sagt Kurz seinem Kopiloten nicht: Er hat nur einen Fallschirm einpacken lassen. Kurz und Anschober haben zum letzten Corona-Blindflug abgehoben. Wenn er schiefgeht, stürzt Österreich ab.

Jetzt, Anfang Februar 2021, stellt sich heraus, dass die erste COVID-Pandemie langsam zu Ende geht. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Gerade baut sich die zweite Pandemie auf. An ihrem Beginn hat sie eine britische, eine südafrikanische und eine brasilianische Variante. An einer Zillertaler Variante, mit der Tirol ein zweites Mal die COVID-Weltmeisterschaft gewinnen könnte, wird gearbeitet.

Auch in Wien ist bekannt: Es gibt keinen Blindflug-Zwang. Länder wie Deutschland und Dänemark stellen ihre Instrumente auf einen Reproduktionsfaktor von maximal 0,5 ein. Dort liegt der sichere Boden, auf dem die Mutationen bekämpft werden können. Von Medizin bis Statistik drängen Expertinnen und Experten dazu, den Lockdown noch um zwei, drei Wochen zu verlängern. Aber Kurz hebt ab.

“Holy mother of god”, schrieb der Harvard-Epidemiologe Eric Feigl-Ding am 20. Jänner 2020 in seinem Twitter-Thread, “the new coronavirus is a 3.8!!!” Das neue Virus aus Wuhan in China bedrohte mit einer Reproduktionsrate von 3,8 die Welt. Feigl-Ding warnte rechtzeitig. Aber nicht nur in Österreich verlor die Regierung lebenswichtige zwei Monate.

Jetzt ist es wieder soweit. Feigl-Ding warnt wieder rechtzeitig: „Zwei verschiedene COVID-Pandemien – die alte lässt nach, aber die weit ansteckendere B117 gewinnt die Oberhand.“ Genau an dem Punkt entscheiden Regierungen, wie es weitergeht. Mit Schulen und Geschäften wird in Österreich der Weg zur zweiten Pandemie aufgesperrt.

Kurz und Anschober kapitulieren damit vor dem, was sie für die öffentliche Meinung halten: die Corona-Leugner auf den Straßen, die Andreas Hofer-Imitatoren in Tirol und die Mehrheit der Landeshauptleute, die sich nach jedem Wind drehen. Aber gerade in Zeiten der Krise geht es um Führung: um einen klaren Kurs in einem Meer der Unsicherheit. Mit ihrer schwer übersehbaren Flut an Fakten überfordert die Corona-Krise jeden einzelnen Menschen. Genau da beginnt die Aufgabe der Politik: analysieren, verstehen und erklären, und so Perspektiven geben und Ängste nehmen. Aber Kurz ist kein Spezialist für sachliche Lösungen, sondern für Stimmungen. Daher sitzt er jetzt blind am Steuer.

Gesundheitsminister Anschober kündigt auf ATV an, dass er ab einer Wocheninzidenz von 200 die Augenbinde wieder abnehmen werde: „Ab 200 gibt es eine Krisensitzung. Und dann wird es eine Gesamtbewertung geben müssen.“

Wenn dann am Ende niemand mehr weiter weiß, schlägt die Stunde von Werner Kogler. Er wird die Einsetzung einer COVID-Kommission vorschlagen. Diesmal ist er sicher bereit, selbst den Vorsitz zu übernehmen.

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

129 Kommentare
Neueste
Älteste Meisten Bewertungen
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare

ZackZack unterstützen

Jetzt Mitglied werden!

Folge einem manuell hinzugefügten Link
Link zu: Politik
Link zu: MeinungLink zu: Leben

ZackZack braucht dazu eine starke Basis:

DICH

Auf dem Boulevard fahren alle rechts in dieselbe Richtung. Wir sind der erste Gegenverkehr.

Schließen