Kurz hat es sich mit meiner Generation verspielt

Gastkommentar: Schulsprecher Mati Randow

Mati Randow, Schulsprecher des GRG6 Rahlgasse, in seinem Gastkommentar über die jüngsten Abschiebungen.

Wien, 13. Februar 2021 | Die Nacht des 28.1.2021 hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Stundenlang stand ich in eisiger Kälte mit über 100 Weiteren vor dem Schubhaftzentrum in der Zinnergasse 29A. Wir waren dort, um gegen menschenfeindliche Kinderabschiebungen zu protestieren. Um 5 Uhr begannen die Polizist:innen plötzlich, runterzuzählen. 3, 2, 1. Der Weg für den Konvoi mit den abzuschiebenden Familien wurde gewaltsam freigeräumt und binnen 30 Sekunden waren die Familien weg.

Seitdem ist viel passiert. Die Brisanz der Situation zeigte sich am besten an der durch sie entflammten türkis-grünen Koalitionskrise. An deren Ende standen ein geschlossenes „Nein“ zur Rückholung der Kinder im Gegenzug für eine „unabhängige Kindeswohlkommission“. Es ist zwar ein guter Schritt, Kinderrechten mehr Platz in der Öffentlichkeit einzuräumen. Doch weder bekommen dadurch Tina, Sona und Co. ihre Zukunft zurück, noch hilft es den unzähligen weiteren Familien, die zurzeit in der Zinnergasse oder sonst wo in Österreich auf ihre Abschiebung warten.

Nicht zuletzt durch eine Demonstration vergangene Woche, bei der spontan hunderte junge Menschen gegen Abschiebungen auf die Straße gegangen sind, hat sich gezeigt: Wir Schüler:innen tragen diese Politik nicht mit. Denn unsere Generation ist solidarisch. Tina ist eine von uns. Sona ist eine von uns. Wer eine:n von uns angreift, der greift uns alle an. Wir politisieren uns immer mehr. Und Showpolitik reicht uns nicht aus – Wir wollen endlich Taten sehen!

Wir wissen ganz genau, was es braucht. Durch eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts muss jede:r, die:der hier geboren ist, Anrecht darauf bekommen, Österreicher:in zu sein. Es braucht wieder eine unabhängige Härtefallkommission, die aus nächster Nähe über oftmals überlebenswichtige Fälle entscheiden kann. Und in der Verfassung festgeschriebene Kinderrechte müssen endlich ernst genommen und befolgt werden.

Kanzler Kurz und seine Regierung haben es sich mit meiner Generation verspielt. Unzählige Schüler:innen, die sich sonst in ihrem Leben noch nicht persönlich mit dem Thema Abschiebungen auseinandersetzen mussten, haben diesen unmenschlichen Akt mitbekommen. Wir sind entsetzt, dass so etwas in unserem Land möglich ist und fast niemand etwas dagegen tut. Tina ist zum Symbolbild für den kaputten Rechtsstaat Österreich geworden. Es braucht Veränderungen. Jetzt liegt es an der Bundesregierung, endlich ihre Menschlichkeit unter Beweis zu stellen und ihre Verantwortung uns jungen Menschen gegenüber wahrzunehmen. Wir warten.

Mati Randow ist 16 Jahre alt und Schulsprecher des GRG6 Rahlgasse. Als Bildungspolitischer Referent und Pressesprecher ist er auch bei der Aktion Kritischer Schüler_innen (aks) Wien aktiv.

Titelbild: Martin Pichler / ZackZack

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