Mitschüler krank, Unterricht geht weiter

Fragwürdige Kontaktregelung in Volksschulen

Von „keiner wesentlichen Infektionsgefahr“ bei Volksschülern spricht die Stadt Wien und der Bund. Die wissenschaftliche Evidenz spricht eine andere Sprache, kritisieren Experten.

 

Wien, 13. Februar 2021 | 198 positive Fälle bei 470.000 Tests in Wien und NÖ. Von einer „erfreulichen Bilanz“ der neuen Strategie für das Sommersemester spricht NEOS-Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr, alles habe „perfekt funktioniert“, sagt Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP).

Eckpunkte sind neben dem Schichtbetrieb für ältere Schüler die „Nasenbohrtests“, die je nach Schultyp ein- bis zweimal pro Woche verpflichtend durchgeführt werden. Experten zweifeln allerdings die Aussagekraft dieser Testmethode an. Laut ersten Zahlen wäre statistisch nur einer von rund 2.375 getesteten Schülern positiv – das ist wohl nur ein Bruchteil der tatsächlichen Infektionen.

„Alle Tests haben Schwächen, vor allem diese“, räumt Epidemiologe Gerald Gartlehner ein. „Wir erwischen die dicken Fische, die kleinen entgehen uns“, nennt es Faßmann. Die meisten Experten sind sich aber durchaus einig, dass diese Tests besser als nichts sind und tatsächlich für ein regelmäßiges Screening eines großen Teils der Bevölkerung sorgen.

Regelunterricht trotz kranker Mitschülerin

Für Verwunderung sorgt allerdings die Vorgangsweise, Mitschüler von erkrankten Volksschülern nicht als K1-Kontaktperson – also mit hohem Risiko einer Ansteckung  – einzustufen. Eine Mutter berichtete ZackZack vom aktuellen Fall ihres Sohns einer ersten Klasse Volksschule in Wien.

„Am Mittwoch um 9 Uhr hat mich die Schulsekretärin angerufen, dass ein Kind aus der Klasse meines Sohns positiv getestet wurde und wir ihn abholen sollen. Fünf Minuten später kam die Entwarnung, es sei eine andere Klasse gewesen. Am Nachmittag kam dann dieses Schreiben der Klassenlehrerin mit dem Hinweis, dass der bestätigte Fall nun doch in der Klasse meines Sohns war.“

Welcher Mitschüler erkrankt ist, ist der restlichen Klasse nicht bekannt. Auf die Frage, ob denn zumindest ein zusätzlicher oder vorgezogener Test durchgeführt werde, erhielt sie die Antwort, dass dies erst am Montag möglich sei, da es nicht genügend Testkits gebe. Die Mitschüler der erkrankten Volksschülerin saßen Donnerstag und Freitag also weiterhin in ihrer Klasse als wäre nichts.

Wie kommt es zur im Brief angesprochenen Regelung? Sie dürfte auf die „Empfehlungen für die Gesundheitsbehörden im Umgang mit SARS-CoV-2-Infektionen im Kindes- und Jugendalter“ des Gesundheitsministeriums und der Öst. Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) zurückgehen. Datiert ist das Dokument mit 28. Oktober 2020.

Von Reinhold Kerbl, Professor für Kinder- und Jugendheilkunde und Ansprechpartner bei der ÖGKJ, heißt es auf ZackZack-Anfrage:

„Die Grundlage dieser Empfehlung ist – wie so Vieles rund um „Corona“ – nur zum Teil evidenzbasiert. Was aber mittlerweile vielfach gezeigt wurde: Kinder sind üblicherweise KEINE „Superspreader“, und auch bei Infektion/PCR-Positivität ist die Transmissionsrate geringer als bei Erwachsenen. Das gilt insbesondere bis zum Alter von 12 bis 14 Jahren, danach nähert sich die Infektivität jener von Erwachsenen an.

Gründe dafür mögen sein: Kinder haben kleinere Atemvolumina, geringere Schleimhautoberfläche und dadurch geringere VirusGESAMTzahl, und Kinder sind sehr oft asymptomatisch. Asymptomatische niesen und husten nicht, sodass die Verbreitung von Aerosolen und Tröpfchen auch dadurch geringer ist.“

Mikrobiologe Michael Wagner stimmt den letztgenannten Punkten zu ergänzt aber, dass auch Schreien und lautes Sprechen viele Aerosole erzeugt und bei Kindern vermutlich auch häufig Doppelinfektionen mit dem Coronavirus und Erkältungsviren auftreten, die sie dann symptomatisch machen. Er verweist darauf, dass es auch in Kindergärten und Volksschulen bereits große Cluster gab und gibt.

“Ohne nicht anlassbezogene Tests werden Kinder meist nicht als Infizierte erkannt und können so unbemerkt das Virus weitergeben. Ich kenne ansonsten wenige Settings, wo wie in Volksschulen 25 Personen über viele Stunden in einem relativ engen Raum ohne Masken sitzen“, sagt Wagner.

Vom Gesundheitssprecher der Stadt Wien heißt es auf unsere Anfrage, dass es immer auf den Einzelfall ankomme und es bezüglich Infektiosität von Kindern „durchaus unterschiedliche“ Expertenmeinungen gebe. Und dass die gängige Praxis „natürlich ein Kompromiss“ sei.

Das Bildungsministerium im Bund verweist auf das Gesundheitsministerium, das Gesundheitsministerium auf oben beschriebenes Dokument vom 28. Oktober. Mit der seitdem wohl fortgeschrittenen Studienlage wird jedenfalls seitens der Behörden nicht argumentiert.

„Besser wäre es, ganze Klasse zu isolieren“

Wir haben genauer nachgefragt. „Ohne den Einzelfall zu kennen: Natürlich wäre es sinnvoll, die ganze Klasse unter Quarantäne zu stellen, wenn es eine mit PCR bestätigte Infektion gab. Wenn der Unterricht aber weitergeht, sollte zumindest die ganze Klasse zweimal mit ein paar Tagen Abstand durchgetestet werden, und zwar per PCR-Test“, sagt Wagner.

Problematisch am Schreiben der Stadt Wien sieht er, dass so getan werde, als gehe von Kindern unter zehn Jahren kaum Infektionsgefahr aus. „Das stimmt einfach nicht und schafft bei der Bevölkerung eine falsche Wahrnehmung.“ Gerade weil Kinder das Virus oft unerkannt in sich tragen, müsse man umso vorsichtiger mit solchen Aussagen sein.

Der Mikrobiologe betont, dass Studien zur Infektiosität von Kindern im Kindergarten und Volksschulalter zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind, von „ca. 50 Prozent weniger infektiös bis zu gleich infektiös wie Erwachsene“. Darüber, dass sie ansteckend sind und eine nicht zu unterschätzende Rolle im Virusgeschehen spielen, bestehe aber kein Zweifel mehr, sagt Wagner.

Aufschluss durch Gurgeln

Die im März von ihm weitergeführte „PCR-basierte Gurgelstudie“ bzw. Dunkelziffer-Studie an 250 österreichischen Schulen  – die bereits im ersten und zweiten Durchgang im Herbst bestätigte, dass jüngere Kinder ähnlich oft infiziert sind wie ältere Kinder und Lehrer –  wird zeigen, mit welcher Erfolgsrate positive Fälle tatsächlich von den Nasenbohrtests detektiert werden.

Der neuen Nasenbohrtest-Strategie zollt Wagner also ein durchaus gutes Zeugnis aus: „Jeder gemachte Test ist besser als keiner.“ Aus seiner Sicht sollte das Testprogramm auch auf Kindergartenkinder ausgerollt werden, da laut einer großen deutschen Studie Elementarpädagogen einem der höchsten Risiken einer Ansteckung ausgesetzt sind.

Gerade weil Kinder – in jedem Alter – häufig keine oder nur sehr schwache Symptome zeigen, sei es umso wichtiger, auf sie besonderes Augenmerk zu legen.

Florian Bayer

Titelbild: APA Picturedesk

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