“Ich fühlte mich wie ein Krimineller”

Corona-Schikane beim Friseur

Weil ein Wiener Friseur seine Kundinnen bei Minusgraden nicht raus in die Kälte schicken wollte, muss er jetzt mit einer hohen Strafe rechnen. Die Polizei wartete bereits vor dem Salon des Friseurmeisters Sebastian Nalborczyk, um dann kurz nach 19 Uhr einzumarschieren.

Wien, 12. Februar 2021 | Endlich Schluss mit der Lockdown-Mähne: Seit einer Woche darf wieder geschnitten, gefärbt und frisiert werden – jedoch unter strengen Auflagen. Die Polizei beobachtet die Einhaltung der Maßnahmen ganz genau. Schon am dritten Tag des Wiederaufsperrens muss Friseurmeister Sebastian Nalborczyk mit einer Geldstrafe rechnen. Grund: Laut Angaben der Polizei haben Anrainer der Polizei gesteckt, dass in dem Salon von Nalborczyk nach 19.00 Uhr Licht brenne. Der Friseurmeister ist deutlich verärgert und packt gegenüber ZackZack aus.

„Ich wollte sie nicht einfach in die Kälte schicken“

Es waren noch zwei Kundinnen in Nalborczyks Salon im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Beide hatten einen Termin für eine aufwendige Coloration um 16:30 Uhr und um 17:00 Uhr gebucht. Allerdings haben beide Termine länger als gewohnt gedauert. Um 18:45 hing Nalborczyk ein „Geschlossen“-Schild vor die Tür und schloss daraufhin seinen Laden zu. Die zwei Kundinnen waren noch nicht fertig, die Haare noch nass. An dem Abend herrschten in Wien Temperaturen von bis zu minus sieben Grad.

“Natürlich wollte ich die zwei Kundinnen nicht einfach rausschicken. Mein Kollege und ich wollten beide noch fertig machen. Schließlich zahlt man bei uns für Blondierungen und Colorationen zwischen 150 und 200 Euro. Außerdem ist es gegen jegliches Prinzip, die beiden einfach mit nassen Haaren in die Kälte zu schicken”,

so der Friseurmeister Nalborczyk gegenüber ZackZack.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Drei Polizisten standen um kurz nach Sieben vor Nalborczyks Salon. „Es hat jemand angerufen, dass in Ihrem Salon nach 19 Uhr noch Licht brennt“, hieß es. Nalborczyk war geschockt:

“Erstmal: Es geht hier nur um ein paar Minuten. Der Laden war schon zu. Zweitens: Wer macht sowas? Wer ruft die Polizei, um ihnen zu stecken, dass bei mir nach Sieben noch Licht brennt? Ich habe mich wirklich wie ein Krimineller gefühlt.”

Die Polizei versicherten dem Friseurmeister, dass er in den nächsten Tagen mit Post von der Behörde rechnen könne. Wie hoch die Strafe sein wird, konnte man ihm dennoch nicht sagen.

“Wo sind hier die Reglementierungen?”

Nalborczyk verstehe nicht, warum bei ihm im Salon so streng vorgegangen wird, währen Supermärkte kurz nach Sieben ebenfalls noch offen sind.

“Ich gehe ja selber manchmal kurz vor Sieben noch einkaufen. Bis man es dann mit Anstehen und Bezahlen geschafft hat, ist es auch 10 nach Sieben. Da bekommt der Supermarkt auch keine Strafe. Ich hatte den Laden Viertel vor 7 schon geschlossen”,

zeigt sich Nalborczyk verständnislos.

Der Friseurmeister fühlt sich unfair behandelt. Alle Kunden tragen konsequent FFP2-Masken, alle sind getestet. Er habe sich während des Lockdowns immer an die Beschränkungen gehalten, Hausbesuche waren für ihn und sein Team absolutes Tabu. “Und zack – nach dem dritten Tag – die erste Strafe.”

Manche Situationen ließen sich laut Nalborczyk nicht beeinflussen:

“Termine können länger als geplant gehen. Ich kann dann die Kunden nicht einfach so heimschicken und darum bitten, am nächsten Tag wiederzukommen. Die brauchen ja erstmal wieder einen neuen Termin für einen Test.”

Den Friseurmeister stört es, dass es aufseiten der Friseurinnung und Wirtschaftskammer keine klaren Reglementierungen gäbe: “Was macht man in so einer Situation, wenn der Termin zum Beispiel um 16:00 Uhr beginnt und es dann länger dauert?”. Sein Anwalt riet ihm dazu, erstmal keinen Cent zu zahlen. Laut dem Öffnungszeitengesetz 2003 (Fassung vom 15. Februar 2021) heißt es ausdrücklich, dass Kunden noch zu Ende bedient werden dürfen, auch nach Ladenschluss:

Von der Landesinnung Wien der Friseure erhielt Nalborczyk heute folgende E-Mail:

“Ich fühle mich beobachtet”

Für Nalborczyk und sein Team ist es dennoch schön, endlich wieder aufsperren zu dürfen. Das Team findet die Maßnahmen völlig in Ordnung. Aufgrund des “Eintrittstestens” haben sie aktuell auch keine Einbußen, die Kunden würden sich gerne die Zeit für den Besuch nehmen. Trotzdem trägt die Wiederaufsperrung einen bittersüßen Nachgeschmack mit sich:

“Wenn die Polizei 21 Uhr in den Laden gekommen wäre, wäre das total verständlich. Aber nicht wegen 5-10 Minuten. Es gab nicht mal eine Verwarnung. Ich habe das Gefühl, wir Friseure sind unter ständiger Beobachtung.”

Nachdem die Polizei Nalborczyk einen Besuch abgestattet hatte, schrieb er auf Facebook über die “EPU Österreich” einen offenen Brief an das Ministerium, welcher einiges an Reaktion erntete.

“Ich lebe in Österreich seit 4 Jahren und ich habe mich immer willkommen gefühlt. Wir waren über sechs Wochen zugesperrt und jetzt das. Ich bin echt sauer.”

Sobald die Strafe im Friseursalon landet, wird uns Nalborczyk darüber informieren, wie hoch diese ausfällt.

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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