Stimmung bei Wirten kippt

“Öffnung nach Ostern geht gar nicht!”

Nur wenige Branchen wurden von der Corona-Krise derart hart getroffen, wie die Gastronomie. Die Lokale wollen aufsperren, Aussicht auf baldige Öffnung gibt es jedoch keine. Wirte und Barbetreiber werden immer ungeduldiger.

Wien, 15. Februar 2021 | Der 2. November 2020 war ein trauriger Tag, nicht nur wegen des grausamen Attentats in der Wiener Innenstadt. Es war auch der letzte Tag, an dem die Gastronomie zuletzt für ihre Gäste aufsperren durfte. Jetzt im Februar sind die Lokale immer noch leer. Fast vier Monate kein Kaffeetratsch, kein After-Work-Bier, kein gemeinsames Abendessen im Restaurant.

„Fünf Monate kein Trinkgeld sind ein Wahnsinn“

Der Betreiber des Wiener Cafe Eiles, Gert Kunze, kann und will nicht mehr lange zuschauen. Vier Monate Stillstand sei aber vor allem für die Belegschaft ein Horror. Einige seiner Mitarbeiter, vor allem Alleinstehende, würden bereits unter Psychosen leiden, mussten zum Teil wegen der gewaltigen Gehaltseinbußen ihre Wohnung wechseln.

“Wenn du fünf Monate kein Trinkgeld bekommst, ist das ein Wahnsinn. Trinkgelder waren in der finanziellen Planung der Mitarbeiter ja immer einkalkuliert”,

so Kunze.

Vom Staat fühle man sich schon lange nicht mehr ausreichend unterstützt. Gelder für den Umsatzersatz würden nur sehr unregelmäßig überwiesen werden. Geld für die Kurzarbeit – davon habe Kunze seit November nichts mehr gesehen. Bedeutet für ihn als Betreiber des Cafes, Monat für Monat die Mitarbeiter zu bezahlen und das Geld aus eigener Tasche vorzuschießen. Hinzu kommt die Ungewissheit. Kunze reicht es langsam und fordert einen Plan:

“Wir müssen endlich einen Schritt nach vorne machen und Perspektiven bieten. Wir müssen jetzt sofort öffnen. Wir sind keine Spreader in der Gastronomie. Wir haben den Umgang mit dem Virus gelernt und müssen in Zukunft damit auch umgehen können.”

Gert Kunze betreibt das Traditionscafe Eiles in der Wiener Josefstadt. Immer habe er alle Maßnahmen mit Verständnis mitgetragen. Jetzt fordert er von der Politik aber eine endgültige Lösung für die Gastronomie. (Bild: Gert Kunze)

„Die Stimmung droht, zu kippen“

Von Lösungen wie „Reintesten“ und der von Stadtrat Peter Hacker (SPÖ) vorgeschlagenen Öffnung unter der Woche, hält der Gastronom, wie viele seiner Branchenkollegen, gar nichts. Abgesehen von der wirtschaftlichen Seite der Gastro, leide vor allem die „Volksgesundheit“ unter den Schließungen. Es brauche daher dringend eine Gesamtlösung für die Branche, denn die Stimmung sei bereits am Kippen.

Es wird der Gastro zukünftig auch an Personal fehlen, da etwa arbeitslose Köche, permanent umgeschult werden vom AMS, nur um die Zahlen aufzubessern. Hier wird viel zu sehr an der Statistik gearbeitet, als eigentliche Lösungen für die Branche zu suchen.“

Kunze fordert geschlossen mit anderen Gastronomen eine Öffnung spätestens in einem Monat, also dem 15. März. Es sei auch für das Infektionsgeschehen wichtig, „die Menschen endlich aus dem privaten Bereich herauszuholen.“ Seit vier Monaten würden sich Leute aufgrund der Maßnahmenmüdigkeit einfach im privaten Bereich treffen und dort feiern. Ein Grund mehr für Kunze, der Gastro eine Chance zu geben, das in kontrollierten Umgebungen möglich machen zu lassen.

Öffnung im März rückt in weite Ferne

Derzeit schaut es für eine Öffnung Mitte März jedoch gar nicht gut aus. Im Gegenteil, Virologen erwarten durch Mutationen und die letzten Lockerungen einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen. Spätestens Ende Februar, Anfang März werde man wieder alles schließen müssen, so die Prognosen. Ein erneuter harter Lockdown statt lang erwarteter Öffnungen wäre auch für die Wirtschaftskammer eine Katastrophe. Dort rechnet man bereits damit, dass viele Betriebe die Krise nicht überstehen werden und fordert daher Lösungen für die Branche. Ein schrittweises Öffnen, wie etwa zu Beginn der Schanigarten-Saison, würde man zwar begrüßen, sei für das Geschäft aber trotzdem nicht genug:

“Ich bin mir nicht sicher, ob da der erforderliche Umsatz nur aus dem Geschäft der Schanigärten generiert werden kann. Eventuell kommen noch Covid-19 Beschränkungen, wie verringerte Öffnungszeit oder limitierte Gästeanzahl dazu. Jene Betriebe, die keine Schanigärten haben, müssten anderweitig finanziell entschädigt werden”,

meint Peter Dobcak, Obmann der Sparte Gastronomie.

Man habe bisher alle Maßnahmen verantwortungsvoll mitgetragen. Das Gesundheitsministerium sei nun gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, “die ein sicheres, aber wirtschaftlich sinnvolles Aufsperren ermöglichen.” Es brauche Zwischenschritte, wie eine einfache digitale Lösung zur Kontrolle der Testergebnisse, die ein Öffnen der Gastronomie möglich machen würden. Geforderte Hygienemaßnahmen innerhalb der Betriebe würden “sowieso eingehalten werden.”

Peter Dobcak (links) will so schnell wie möglich wieder aufsperren. (Bild: APA Picturedesk)

“Haben bewiesen, dass wir Maßnahmen einhalten können”

Man rechne für den Sommer etwa mit dem selben Umsatz wie bereits im Vorjahr. Auch wird an das Zusammenspiel von Handel und Gastronomie erinnert. So würde auch der Handel erst durch die Öffnung der umliegenden Gastronomiebetriebe erst wieder richtig angetrieben werden können, eine zusätzliche Öffnung der Cafes und Restaurants würde hier daher posititv beitragen.

“Wir Betriebe sind bereit und haben bereits im Herbst bewiesen, wie gut wir die Covid19-Maßnahmen einhalten. Es gab in der Gastronomie selbst nahezu keine Clusterbildung.”

Mit Hackers Vorschlägen eines Wochenend-Lockdowns kann man auch in der WK nicht viel anfangen. So würde das Geschäft unter der Woche vor allem Mittags nicht wirklich anrennen, da viele Menschen von zu Hause aus arbeiten. Auch das Abendgeschäft sei mit jenem vom Wochenende nicht zu vergleichen. Hinzu komme, dass Waren übers Wochenende wieder verderben würden.

“Wir begrüßen alle Vorschläge und freuen uns, wenn wir bei unserer Bemühung bald wieder öffnen zu dürfen unterstützt werden. Wie so oft aber steckt der Teufel im Detail.”

Am Montag treffen Regierung und Corona-Experten wieder aufeinander, um über mögliche Lockerungen in den nächsten Wochen zu beraten. Lockerungen, insbesondere für die krisengebeutelte Gastro-Branche, sind jedoch nicht zu erwarten.

Für dem Betreiber des Eiles ist jedenfalls klar: „Eine Öffnung nach Ostern geht gar nicht. Wir können nicht noch weitere zwei Monate einfach nur warten, bis was passiert.“

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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