Nächstes Opfer der Pandemie

Wiener Kultlokal sperrt für immer zu

Seit 1987 war das “Nachtasyl” in der Stumpergasse in Wien Mariahilf ein beliebter Treffpunkt für Nachtschwärmer aller Art. Jetzt sind “die Taschen leer” – das Beisl muss, trotz Spendenaufrufs, nach 34 Jahren seine Pforten schließen.

Wien, 22. Februar 2021 | “Mit großem Bedauern muss ich euch leider mitteilen, dass ich mich dazu entschließen musste, das Nachtasyl für immer zuzusperren.” Dieser Facebook-Eintrag vom Besitzer des “Nachtasyl”, Dan Lestrade, sorgte bei vielen ehemaligen Gästen am Sonntag für einen Schock.

“Weitermachen ist finanziell unmöglich”

Fast ein Jahr lang hat Lestrade, der das Kultlokal erst 2020 übernommen hatte, gekämpft. Wegen fehlender staatlicher Unterstützung und der düsteren Aussichten für die Nachtgastronomie sei jedoch jetzt der Punkt erreicht, an dem die “Taschen leer sind”. Auch das an das Nachtasyl angeschlossene Tagasyl wird schließen.

“Mittlerweile ist auch klar, dass die Nachtgastronomie noch sehr, sehr lange geschlossen bleiben wird, auch das ist ein Grund, weshalb ich nicht mehr weitermachen und abwarten kann, das ist finanziell gesehen vollkommen unmöglich, von der psychischen Belastung mal ganz abgesehen”,

so der Wirt auf Facebook.

Da er das Lokal erst letztes Jahr übernommen hat, hat Lestrade keinen Anspruch auf einen Fixkostenzuschuss oder andere Unterstützungen und musste die letzten Monate großteils aus eigener Tasche finanzieren.

Auch Spendenaktion ohne Erfolg

Als wären Corona und die Maßnahmen nicht bereits genug gewesen, war das Lokal auch noch sanierungsbedürftig. Bereits im Dezember startete Lestrade daher einen Spendenaufruf für sein Beisl. Das Kellerlokal schimmelte und musste trocken gelegt werden. Für die notwendige Sanierung seien jedoch gerade einmal 2 Prozent der Gesamtsumme zusammengekommen. 

“Nichtsdestotrotz möchte ich mich bei den wenigen Menschen, die gespendet haben, herzlich bedanken. Ihr habt es mir ermöglicht, überhaupt so lange durchzuhalten, am Ende war jedoch auch das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.”

Auch wenn durch die traurige Nachricht am Sonntag und Montag noch einige Spenden dazugekommen sind, dürfte es wohl nicht für das Überleben des Lokals reichen.

Das legendäre Nachtasyl in der Stumpergasse. (Bild: facebook.com/Nachtasyl)

Ehemalige Gäste erinnern sich

34 Jahre lang bot das “Nachtasyl” in der Stumpergasse 55 noch unbekannten Künstlern, darunter Buchautoren, Sängern und Tänzern, eine Plattform für ihre Kunst. Die Gäste schätzten das unkonventionelle Ambiente genauso wie das gebotene Kulturprogramm, welches immer wieder für Überraschungen sorgte. Gegründet wurde das Nachtasyl 1987 vom tschechischen Exilanten und politischen Aktivisten Jiří Chmel, der das Lokal danach über 30 Jahre geführt hat. Dementsprechend oft war es auch der Treffpunkt vieler Tschechen in Wien. Auch auf Twitter erinnern sich viele an ihre durchzechten Nächte im verrauchten Kellerlokal.

Besitzer: “Vielen geht es so”

In seinem emotionalen Abschiedstext erinnert Lestrade auch daran, dass nicht nur sein Lokal mit der Krise zu kämpfen habe: “Bitte bedenkt, dass es vielen anderen auch so ergeht wie mir. Ich wünsche mir, dass sobald alles zu Ende ist, ihr fort geht, Spaß habt, euer Essen beim Wirten um die Ecke genießt.”

Die Gastronomie sei die am stärksten betroffene Branche und alle Wirte würden nur dann in Zukunft überleben können, wenn die Leute sie auch wieder besuchen würden. Denn die Pandemie habe schon genug Existenzen ruiniert: “Lasst uns diejenigen retten, die es sich noch leisten können.”

(mst)

Titelbild: facebook.com/Nachtasyl

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