Dem Amateursport reicht es

Wir werden eine ganze Generation verlieren

Dieser Winter ist hart, besonders für jene, die regelmäßig Sport betreiben wollen. Kein Fitnessstudio, kein Fußballtraining, der Kontakt zu anderen Vereinsmitgliedern fehlt. Vertreter des Amateursports wollen nicht länger zuschauen.

Wien, 23. Februar 2021 | Jetzt, Ende Februar, werden die Tage langsam wieder länger und wärmer, die Menschen zieht es zunehmends nach draußen. Schaut man sich etwa in der Bundeshauptstadt um, merkt man, dass der Drang nach Bewegung größer wird. Nach den finsteren und kalten Lockdown-Tagen füllen sich die Straßen immer mehr mit Läufern und Radfahrern, die Fußballkäfige im Park sind voll, ebenso die Reckstangen und Freiluft-Fitnessgeräte.

Freitesten – warum nicht auch beim Sportverein?

Wenig verwunderlich, dass knapp 3 Millionen Österreicher, die Mitglied in einem Sportverein sind, wieder ihrem Hobby nachgehen wollen. Die Aussichten für sie sind jedoch düster. Bei der letzten Pressekonferenz der Bundesregierung wurde der Sport nicht mal angesprochen. Kein Wort zu möglichen Öffnungen, kein vorgestelltes Konzept, kein einziges Wort an die vielen Sportbegeisterten im Land.

Jetzt reicht es den Vereinen und Verbänden. Die offenen Briefe ans zuständige Ministerium und an Sportminister Werner Kogler häufen sich. Man will Druck machen, um neben dem erlaubten Spitzensport auch endlich wieder den Breitensport mithilfe von Corona-Tests möglich machen zu lassen.

„Ich verstehe nicht, warum sich Kinder, die sich vormittags im Rahmen der Schule sowieso testen lassen, am Nachmittag nicht auch zum Fußballtraining gehen dürfen“,

spricht der Sekretär der Vereinigung der Fußballer (VdF), Gernot Baumgartner, vielen Branchenvertretern aus der Seele.

“Kogler entscheidet aus der Hüfte heraus, wer Berufssportler ist”

Neben dem für den Sport so wichtigen Nachwuchs, geht es Baumgartner aber auch um die vielen Berufssportler, die in der Krise vergessen werden würden. So hätte Sportminister Kogler bei den vielen Pressekonferenzen „aus der Hüfte heraus entschieden, wer etwa im Fußball als Berufssportler oder als Hobbysportler gilt“. Baumgartner forderte daher schon Jahre vor Corona, dass endlich ein Berufssportgesetz auf den Weg gebracht wird, welches hier genau differenziert.

Und so kommt es, das große Sportvereine wie der Wiener Sportclub oder die Vienna seit Monaten tatenlos zusehen müssen. Denn dadurch, dass die Vereine nicht in den obersten zwei heimischen Fußballligen kicken, dürfen sie im Moment weder trainieren, noch Meisterschaft spielen. Bedeutet für den Stürmer der Kampfmannschaft bis hinunter zum Kind in der U6-Mannschaft: Abwarten und Tee trinken.

Momentan herrscht Stillstand auf den Sportplätzen des Wiener Sportclubs. (Bild: Wiener Sportclub)

“Wir als Verein sind schon in Erklärungsnot. Erklären Sie mal einem Elternteil von drei Kindern, dass wir unsere Sportplätze noch immer nicht aufmachen dürfen. Während aber Shoppen gehen und Kicken im Käfig erlaubt sind”,

so Marcel Ludwig, Pressesprecher vom Wiener Sportclub. Ludwig macht auch in den sozialen Medien Druck, um Kindern wieder den Spaß am Kicken zurückzugeben und die Eltern so wieder entlasten zu können.

“Es lässt sich nicht mehr rechtfertigen”

Außerhalb Wiens schaut die Stimmung nicht besser aus. Andreas Weidinger, Journalismus-Student in Wien und Hobbykicker beim SK Admira Linz in Oberösterreich lebt für diesen Sport. Wenn er sich heute in den Städten umschaut, ärgert er sich:

„Es lässt sich fast nicht mehr rechtfertigen, alle Freizeitsportaktivitäten oder Vereinssportaktivitäten komplett zu verbieten. Man muss nur vor die Tür gehen um zu sehen, dass sich die ganzen Lockdowns nicht mehr so durchziehen lassen, wie sie sich die Regierung das vielleicht vorstellt.“

Weidinger glaubt auch, dass wenn man den Sportlern wieder ihrem Hobby nachgehen lässt, auch die allgemeine Bereitschaft für Corona-Maßnahmen wieder steigen würde. So würden sich viele nur ungerecht behandelt fühlen. So wie es derzeit läuft, dürfe es jedenfalls nicht weitergehen. Weidinger und seinen Mannschaftskollegen ist es derzeit gerade einmal erlaubt, zu zweit auf dem Spielfeld zu stehen und mit Abstand zu trainieren. Nur ein schwacher Trost, wie er meint.

“Würde man Trainings unter gewissen Voraussetzungen wieder zulassen, könnte man dort Hygienemaßnahmen erstellen, die man auch kontrollieren kann. Dies könnte dann zumindest als Ventil dienen, die physische und psychische Gesundheit wieder etwas aufzupäppeln und folglich auch die Bevölkerung dazu bringen, noch ein wenig länger durchzuhalten. So wie es jetzt ist, wird es nicht mehr lange halten. Die psychische Belastung wird einfach irgendwann zu groß.

Verlorene Sportlergeneration?

Für mehr Bewegung und für den Breitensport an sich, macht sich auch Michael Jungwirth von der Bürgerinitiative „Pro Heiligenstadt“ stark. In einem emotionalen Brief an Kogler kritisiert er nicht nur den Mangel an öffentlich zugänglichen Sportplätzen bei ihm im 19. Wiener Gemeindebezirk. Er spricht gar von einer „verlorenen Generation für den Sport“.

„In Wien hat das Unheil schon im ersten Lockdown mit der sinnlosen Sperre der Bundesgärten begonnen. Auch die psychische Gesundheit der Menschen scheint die Regierung völlig außer Acht zu lassen.“,

heißt es in seinem Brief.

Wenn man schon Vereinen die Chance für eine sichere Sportausübung verwehrt, solle man wenigstens das Angebot für Aktivitäten im Freien verbessern. Dort würde die Ansteckungsgefahr laut Virologen „gleich null sein“. Auch die Öffnung der Schulsportanlagen für alle, wie es beispielsweise in Großbritannien und einigen skandinavischen Ländern bereits möglich ist, sei auch hier in Österreich „längst überfällig“.

Am Freitag soll ein Sportgipfel über die nächsten Schritte beraten. Angesichts der wieder steigenden Infektionszahlen ist es jedoch unwahrscheinlich, dass es zu Lockerungen kommt. Das muss auch Marcel Ludwig vom Sportclub schweren Herzens einsehen: “Bevor es zu Lockerungen kommt, wird wohl eher der vierte Lockdown ausgerufen.”

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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