Auf Kinder wird in der Krise vergessen

Psychologin im Interview

Die Psychologin Judith Raunig gründete die Aktion Kinderrechte während Corona. Im Interview mit ZackZack spricht sie über Versäumnisse der Kurz-Regierung und die Schwierigkeit linker Maßnahmen-Kritik.

Wien, 25. Februar 2021 |

ZackZack: Sie sind Gründerin der Aktion Kinderrechte während Corona – wie ist die Plattform entstanden?

Judith Raunig: Mein Mann und ich haben die Aktion gegründet mit dem Wunsch, uns mit anderen Eltern zu vernetzen, auszutauschen und auf die vergessenen Kinderrechte aufmerksam zu machen: Wir finden, die physische und psychische Gesundheit von Kindern wurde und wird in der Pandemie überhaupt nicht berücksichtigt.

ZZ: Sie haben selbst drei Kinder und bekommen die Auswirkungen der Maßnahmen auf sie hautnah mit.

JR: Ich habe zwei pubertierende Kinder zu Hause, die ihre ganze Energie nicht mehr einsetzen im Sport, in der Schule, mit den anderen Kindern – die sie jetzt zu Hause und aneinander ausagieren müssen. Mein Sohn sitzt sieben bis acht Stunden am Tag am Laptop. Das ist vollkommen unzumutbar für einen 13-Jährigen. Man weiß aus der Hirnforschung, dass es schädlich ist für ein Kind, so lange am PC zu sitzen. Nach sechs bis sieben Stunden ist Schluss mit dem Distance Learning, dann geht es erst an die Hausübung – wieder am PC. Welche Auswirkungen das auf unsere junge Generation langfristig haben wird, werden wir in den nächsten Jahren sehen.

Judith Raunig ist klinische- und Gesundheitspsychologin mit eigener Praxis. Sie gründete gemeinsam mit Ihrem Ehemann, dem Juristen und Menschenrechtsexperten Reinhard Raunig-Peneder, die Aktion „Kinderrechte während Corona“. Die Aktion ist eine Elternvernetzungsplattform und setzt sich für die Berücksichtigung von Kinderrechten in der Corona-Pandemie ein.

ZZ: Das ist auch einer der Hauptpunkte Ihrer Kritik: Auf Kinderrechte wird in der Pandemie vergessen, mit nachhaltigen Folgen für deren körperliche, soziale und psychische Gesundheit sowie Bildung.

JR: Kinder sind die schützenswerteste Gruppe, weil sie für ihre eigenen Rechte nicht einstehen können. Es wäre der Job der Regierung gewesen, zu schauen, dass die Kinder geschützt werden und ihr normales Leben weiterleben können, weil sie von der Pandemie selbst am wenigsten bedroht wären. Das haben sie nicht gemacht – im Gegenteil: sie haben die Kinder und Jugendlichen in ein Eck gestellt. Die machen Corona-Partys, sie sind die Superspreader, sie stecken die eigene Oma an und sind somit verantwortlich, wenn ihr etwas passiert. Das bleibt natürlich hängen: Kinder glauben sehr schnell, dass sie an etwas schuld sind – ob es die Krankheit der Schwester oder die Scheidung der Eltern ist. Jetzt hat man ihnen auch noch den Corona-Rucksack umgehängt.

ZZ: Sie positionieren sich klar gegen die Maskenpflicht für Schüler. Mit welcher Begründung?

JR: Die Kinder – vor allem die Jüngeren – tauschen ja die Masken wie die Panini-Pickerl. Da fällt mir die Maske in der Klasse auf den Boden, dann geh ich aufs Klo, dann lege ich die Maske auf den Tisch und vertausche sie mit dem Nachbarn. Das ist die Realität, wie die Kinder mit den Masken umgehen. Unter diesen Voraussetzungen kann man nicht sagen, ob die Maske wirklich etwas bringt: Man weiß auch nicht, ob die Maske den Kindern schadet. Das wurde bisher weder physiologisch noch psychologisch hinreichend untersucht. Was macht das mit dem Kind, wen es Emotionen im Gesicht des Gegenübers nicht mehr erkennen kann? Was macht es mit Kleinkindern, die von Beginn an lernen, man darf niemanden umarmen und niemandem nahekommen?

Ich weiß von meinen eigenen Kindern: Wenn sie sechs bis sieben Stunden täglich die Maske tragen, gehen sie selbst und viele ihrer Mitschüler mit Kopfweh oder Übelkeit heim. Die Maske signalisiert darüber hinaus auch eine Gefahr: ich darf dem anderen nicht nahekommen. Das schränkt das unbedarfte miteinander Kommunizieren und Spielen total ein, wenn der andere mich anstecken könnte. Wir positionieren uns aus diesen Gründen klar gegen die Masken, und für Schulöffnungen sowieso.

ZZ: Sie nennen die Teststrategie in Schulen „Zwangstests“. Warum?

JR: Zwangstests finde ich eine völlig sinnlose Aktion: Kinder dürfen jetzt zwei Tage die Woche in die Schule, aber sie müssen getestet werden. Ich kritisiere die Testerei deshalb, weil ich glaube, dass man in einer Krise sehr vorsichtig mit Ressourcen umgehen muss: welche Ressourcen habe ich und wie kann ich sie bestmöglich einsetzen? Asymptomatische Kinder dauerzutesten ist sicher nicht der Bereich mit der höchsten Priorität. Es gibt viele andere Bereiche, wo die Tests viel sinnvoller wären und wo das Geld, das die Tests kosten, besser eingesetzt wären. Wenn man das Geld für die Tests Risikogruppen oder Kindern mit sozial schwachem Hintergrund zur Verfügung stellen würde – da wäre Kindern viel mehr damit geholfen. Aber auf Kinderrechte wird nicht geachtet.

ZZ: Mit dem Begriff „Zwangstests“ und Ihrem Einsatz gegen eine Maskenpflicht in Schulen blasen Sie ins selbe Horn wie die FPÖ.

JR: Maßnahmenkritik wurde vom rechten Eck vereinnahmt. Es gibt genug Leute aus der politischen Mitte oder links der Mitte, die auch nicht zufrieden sind mit den Maßnahmen. Was machen die jetzt? Es ist noch nie eine Krise so politisiert worden, wie die jetzige. Das ist Gift für einen Diskurs. Wenn ich mir vorstelle: Plötzlich fährt der Küssel zu den Klima-Demos. Heißt es dann auch, man darf jetzt dort nicht mehr demonstrieren? Sobald man da mitmacht, heißt es, Du ziehst mit denen an einem Strang. Auch in unserer Facebook-Gruppe mit rund 1.500 Mitgliedern müssen wir penibel darauf achten, keine Postings zuzulassen, die aus einer klar rechten Ecke kommen. Selbst, wenn ich sie inhaltlich manchmal total richtig finde. Es ist viel Arbeit, jeden einzelnen Beitrag zu genehmigen, aber ich möchte eine seriöse Plattform bieten.

Die Regierung hat es super geframed: Wenn Du Corona-Maßnahmen-kritisch bist, bist Du sofort Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker und Dir nicht zu schade, mit den Rechtsradikalen in einer Richtung zu marschieren. Das ist ein Wahnsinn! Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Du marschierst mit, dann gehörst Du zu den Rechten, oder Du machst gar nichts.

ZZ: Sie haben sich für einen dritten Weg entschieden und selbst eine Demo organisiert: Corona-Maßnahmen-Kritik links der Mitte. Eine Gratwanderung?

JR: Einige Redner*innen wollten nicht sprechen, weil sie Angst hatten, in der Öffentlichkeit zu ihrer Meinung zu stehen, als Corona-Leugner bezeichnet zu werden oder ins rechte Eck gestellt zu werden.  Sobald man sich nicht ganz regierungskonform äußert, kann es sein, dass man vom Arbeitgeber oder der Kollegenschaft attackiert wird, wie zum Beispiel Andreas Sönnichsen unlängst. Da gibt es Menschen, die haben ein totales Standing (gehabt) – oder haben eines in der Fachwelt – und sobald sie sich kritisch äußern, werden sie total diffamiert. Das bringt viele kritische Stimmen zum Schweigen.

ZZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Larissa Breitenegger

“Ganz besonders wichtig war uns, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen diesen Film zu entwickeln: Sie haben aus ihrer Sicht gefilmt und zeigen dadurch, wie sich der Lockdown auf ihr ganz persönliches Erleben auswirkt.” (Judith Raunig)
Im Film „Lockdown Kinderrechte“ von Judith Raunig und Patricia Marchart kommen zahlreiche kritische Stimmen, darunter auch der Public Health Experte Martin Sprenger, zu Wort: Mitte März soll er auf www.lockdown-kinderrechte.at erscheinen.

Titelbild: www.lockdown-kinderrechte.at

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